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30 Jahre Verein Elmeere

Uferschnepfen sind für aufmerksame Beobachtende an Strand und in Blühwiesen zu entdecken. Fotos: Peter Hering/Dieter Risse

Der Verein setzt sich zum Schutz und Erhalt der ökologischen Vielfalt der Föhrer Marsch ein. Landwirtschaftlich genutzte Flächen werden erworben und ihr ursprünglicher Charakter wiederhergestellt.

Inseln wie Föhr oder Amrum gehören zu den rund sieben Prozent Landfläche der Erde, welche eine Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten beherbergt, die häufig nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind. Dies sind sogenannte endemische Arten, welche sich nur auf bestimmten Eilanden entwickelt haben. Für die globale Biodiversität von großer Bedeutung. Jedoch ist dieser Reichtum sehr gefährdet, da das Leben in geschlossenen Ökosystemen eine besondere Vulnerabilität bedeutet. Dieter Risse, Jahrgang 1955 und seit 1964 auf Föhr, hat diesen Umstand schon vor 40 Jahren erkannt, wie er sagt. Bereits zu diesem Zeitpunkt sei ihm bewusst geworden:

“Wir verlieren zu viele Arten!“
Dieter Risse

Auf dieser traurigen Erkenntnis beruht Risses gesamtes Wirken bis zum heutigen Zeitpunkt und ja, wurde es zur Lebensaufgabe des auf einem hessischen Bauernhof aufgewachsenen, leidenschaftlichen Tierfreundes. Benannt nach einem bereits um 1800 verschwundenen Föhrer Gewässer, wurde im Jahre 1993 der Verein Elmeere gegründet, welcher sich Schutz und Erhalt der ökologischen Vielfalt der Föhrer Marsch zur Aufgabe gemacht hat. Hierfür werden landwirtschaftlich genutzte Flächen erworben und ihr ursprünglicher Charakter wiederhergestellt. Spenden werden laut Vereinsangaben zu 100 Prozent für diese Flächen und deren Renaturierung genutzt. Hier gilt: 1 Euro = 1 Quadratmeter.

Oft muss Dieter Risse erreichbar sein, um schnell handeln zu können.
Oft muss Dieter Risse erreichbar sein, um schnell handeln zu können.

Feuchtwiesen, natürliche Gräben und flache Gewässer prägten bis in die 1950er Jahre weitgehend das Bild der Föhrer Marsch, Flurbereinigung und damit einhergehende Entwässerung zwecks intensiveren Ackerbaus verdrängten zahlreiche Brut- und Rastvögel. Gülle, Düngemittel und Agrarchemie stellten und stellen aktuell weitere Gefahren dar. Hier ist besonders das umstrittene Herbizid Glyphosat hervorzuheben. Amphibien, so die tragische Erkenntnis, kommen auf Föhr nicht mehr vor. Mitte der 1990er Jahre ergab die Studie einer jungen Biologin, dass auf Föhr in 42 Jahren 38 Grabenpflanzen verschwunden waren, mit ihnen 10 bis 40 Insektenarten je Pflanze, der Nahrung zahlreicher anderer Lebewesen.

Mit Dieter Risse geht es durch die Marsch im Norden der Insel, Richtung „Andelhof“, dem Paradies und Ausstellungsraum von Elmeere. Risse weist auf die erworbenen Flächen hin, die vor dem Autofenster vorbeiziehen. Es sind erstaunlich viele, denn inselweit wurden in 20 Jahren 110 Hektar Land zurückgewonnen. Alte Prilläufe sind erkennbar. Mittlerweile gibt es auch renaturierte Flächen des BUND. Um einheitliche Flächen statt eines Flickenteppichs zu erhalten, werden gelegentlich bereits renaturierte Flächen gegen neu erworbene getauscht und wieder der Bewirtschaftung zugeführt. Die Insel sei ursprünglich baumlos gewesen, die vorhandenen Bäume von wohlmeinenden Jägern und anderen mit eigentlich guten Absichten gepflanzt worden. Was aber leider nicht der ursprünglichen Landschaft entspräche, weshalb Risse und sein Team an und auf erworbenen Flächen Baumbestand beseitigen würden, selbst wenn es nicht jedem einleuchte. Etwa 100 Galloway-Rinder stehen zwecks Beweidung zur Verfügung.

Löffler sind auf Föhr zu finden.
Löffler sind auf Föhr zu finden.

Der Andelhof liegt an einem idyllischen Biotop, das von zahlreichen Vögeln aufgesucht wird. Die seltene Uferschnepfe ist ebenso zu Gast wie im Sommer der beinahe storchengroße Löffler aus der Familie der Ibisse. Einzig an diesem Ort ist es Dieter Risse gelungen, einige Amphibien zu bewahren. Seine Frau Bettina Risse entdeckte den Hof vor etlichen Jahren, als sie gerade ein verletztes Schaf gerettet hatte - das Haus samt Grundstück war so gar nicht in der Planung vorgesehen - „wollte“ aber offenbar zu den Risses. So wurde er aus eigenen Mitteln erworben und Stück für Stück ausgebaut. Mit Hilfe der beiden ältesten Söhne wurde eine neue Aussichtsplattform mit offener Front Richtung Vorland fertiggestellt, die ebenso wie auf der zweiten Ebene mit hochwertigen, optischen Geräten zwecks Beobachtung versehen wurde. Ein gläserner Turm mit 360 Grad Rundumblick wurde nicht genehmigt, da der Gemeinde Midlum die Vorstellung möglicher Beobachtung nicht geheuer war. Seit der Corona Zeit stehen öffentliche Toiletten zur Verfügung - in diesem Bereich der Insel wohl einmalig.

Immer wieder klingelt Dieter Risses Mobiltelefon. Er erhält die Info, dass sich der Bestand an Trauerseeschwalben im Bereich Eiderstedt auf nur noch zwölf Paare dezimiert hat und wirkt niedergeschlagen. Ein Galloway-Kalb schaut neugierig aus dem Stall seiner Mutter. Weitere Tiere sind momentan bei Landwirt Erk Wögens untergebracht. Für diese ist in erster Linie Bettina Risse zuständig, mit der ihr Ehemann auch unzählige verölte Vögel gerettet und Weißstörche auf die Insel zurückgeholt hat, welche neben der ebenfalls von Bettina Risse geführten Pension im Storchenpark ein Heim gefunden haben, das sie nur zur Futtersuche verlassen.

Bettina Risse
Bettina Risse

Elmeere ist ein Herzensprojekt. Soviel steht fest. Doch nicht nur das: Es ist für Dieter Risse und seine Verbündeten Verpflichtung und Mahnung zukünftigen Generationen gegenüber. Schwer vorstellbar, wie viel Kraft, Mut und Geduld erforderlich waren - ebenso wie enorme finanzielle Risiken - dies über einen so langen Zeitraum am Leben zu halten und stetig weiterzuentwickeln. Trotz massivster Widerstände, Anfeindungen und Interessenkonflikte.

Bestimmte Situationen haben Spuren hinterlassen, Vertrauen beschädigt. Und obwohl es Momente gab, in denen Risse ans Aufgeben dachte, rappelte er sich immer wieder auf und folgte mit allen. Konsequenzen einem inneren Ruf. All dies wäre nicht ohne den Rückhalt und die Unterstützung der Familie, Ehefrau Bettina ist gelernte Erzieherin, welche in ihrem „ersten Leben“ unter anderem als Leiterin lange in Kinder- und Jugendeinrichtungen gearbeitet hat, sowie der drei Söhne, möglich gewesen. Ebenso wenig wie ohne die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, Unterstützer und Spender, betont Dieter Risse und hebt hier auch besonders das große Engagement des zweiten. Vorsitzenden des Vereines, Helmut Finck, hervor.

Vom Nabu wurde Elmeere als Leuchtturmprojekt zum Erhalt der Biodiversität ausgezeichnet. Seit Oktober 2023 besteht eine Partnerschaft mit dem Nationalpark Wattenmeer.

 Trotz allem ist Dieter Risse überzeugt, dass Klimawandel und weiterer Artenschwund nicht mehr aufzuhalten sind. Sollte dies zutreffen, so haben er und seine vielen Wegbegleiter der Natur dennoch mit viel Liebe eine Atempause verschafft, die dem großen Ganzen zu gute kommt. Jetzt.  Annette Keisat

"Kann ich auch nur ein Herz am Brechen hindern so leb' ich nicht vergebens; und kann ich eines Wesens Schmerzen lindern und Nöte seines Lebens und kann ein mattes Vöglein ich ins Nest aufs Neue heben so leb' ich nicht vergebens“

Emily Dickinson
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