Einhundertvierzig Meter - so weit ist es vom einen Schleiufer in Brodersby-Goltoft bis zum anderen in Kosel. Eine Distanz, die sehr gering scheint, wenn man mit einer funktionierenden Fähre übersetzt. Die Missunde II braucht für die Überfahrt maximal zwei Minuten. Was es bedeutet, wenn keine Fähre fährt, musste die Region in diesem Jahr auf bittere Weise im Frühjahr lernen.
Nach Testfahrten mit der neuen E-Fähre Missunde III stellte sich im Januar heraus, dass sie den Wetterbedingungen der Schlei nicht gewachsen ist und nicht sicher anlegen kann. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Land als Eigentümerin die alte Dieselfähre je-doch bereits nach Dänemark verkauft. Die Folge: monatelanger Fährausfall.
Und so wurden aus sieben Minuten vom Ortskern in Brodersby bis zum Ortskern in Kosel mal eben 35 Minuten - für die Region eine Katastrophe. Denn viele Bürger der Umlandgemeinden sind täglich auf die Fähre angewiesen, um ihre Kinder zur Schule zu bringen, arbeiten zu gehen oder Termine auf der anderen Schleiseite wahrzunehmen.
So wurde der Arbeitsweg von Nicole Heidrich viermal so lang wie zuvor. Die systemische Familientherapeutin arbeitete zu diesem Zeitpunkt in Eckernförde. Als die Fähre. ausfiel, brauchte sie statt 15 Minuten über Schleswig bis zu eine Stunde zur Arbeit. „Früher habe ich auch mal drei Stunden gearbeitet und bin dann ins Homeoffice gewechselt. Das ging nicht mehr“, sagt die 58-Jährige. Während des Fährausfalls saß sie deutlich länger im Büro und ist nur noch selten abends mit Kollegen weggegangen, der Heimweg war einfach zu lang. Ihr Privatleben stellte sich auf den Kopf, Termine zu finden, wurde zur Herausforderung. „Das ist richtig stressig geworden, die Fahrtzeit hat einfach gefehlt“, sagt die Goltofterin. Mittlerweile hat sie ihren Job gewechselt und arbeitet in Schleswig.
Für Christopher Richardz war es sogar nur der Weg über die Schlei, den er mit seiner Partnerin Stefanie Lehmann bewältigen musste. Die beiden vermieten Ferienwohnungen auf beiden Seiten.„Wir wohnen 500 Meter entfernt vom Fähranleger, eine Ferienwohnung liegt direkt gegenüber in Sichtweite“, sagt der 48-jährige Brodersbyer.
Aus einem Weg von gerade mal zwei Minuten Überfahrt wurde mindestens eine halbe Stunde. „Wir haben 300 Euro mehr an Sprit pro Monat gezahlt, nur wegen des Fährausfalls“, sagt Richardz. Aber auch die Reinigungskräfte mussten einen deutlich längeren Weg zurücklegen, um auf beiden Seiten die Zimmer putzen zu können, was wieder Zeit und Geld gekostet hat. „Als die alte Fähre mal länger in der Werft war, sind wir mit unserer Nussschale am Wochenende zum Bettenwechsel immer mal rübergefahren“, sagt Richardz. Auch den ein oder anderen hilflosen Touristen aus Dänemark hat er mitgenommen.
Aber egal ob Familien, Betreiber oder Rentner: „Die Fähre ist voll in den Alltag der Menschen integriert. Wir sind abhängig davon“, sagt Jonas Reimer aus Brodersby, der jede Woche für seine Ausbildung nach Eckernförde pendelt.
Doch seit April ist die Missunde II wieder zurück an der Schlei. Das Land hat die Dieselfähre nun endgültig für rund 100.000 Euro zurückgekauft. Mit Ausnahme von kurzzeitigen Werftaufenthalten fährt sie seitdem wieder zuverlässig zwischen den Ufern hin und her.



Die neue E-Fähre wartet derweil auf einen Werfttermin, um umgebaut zu werden. Noch ist aber nicht abschließend klar, was genau an der Missunde III gemacht wird und wie viel das kosten wird. Der Landesbetrieb für Küstenschutz, der die Fähre betreibt, rechnet damit, dass die E-Fähre Ende 2025 eingesetzt werden kann. Und wenn das nichts wird, bleibt immer noch die Missunde II – zumindest bis 2028, denn dann läuft das Fährzeugnis aus.
// Text: Dania Isabell Martin