Achtsamkeit ein Begriff, der besonders in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt und fast schon ein Modewort geworden ist. Doch was ist Achtsamkeit tatsächlich? Was hat sie mit uns zu tun und wie funktioniert sie? Die Diplom-Pädagogin Andrea Schulte-Braatz ist Buchautorin, Kursleiterin und Supervisorin. Die Redaktion hat sich mit der Lübeckerin in aller Ruhe über das Thema unterhalten.
Frau Schulte-Braatz, lässt sich der Begriff Achtsamkeit mit ein paar Sätzen erklären?
Das ist gar nicht so einfach. Achtsamkeit meint, sich dem Augenblick mit einer annehmenden, nicht wertenden Haltung zuzuwenden - zu dem, was wir gerade fühlen, denken und tun - ohne in Grübeleien, Erinnerungen oder Zukunftsplanungen verstrickt zu sein. Dies kann helfen, den gegenwärtigen Augenblick und somit das, was in diesem Moment tatsächlich an Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen vorhanden ist, immer klarer wahrzunehmen.
Und warum ist Achtsamkeit so populär geworden?
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und wir schaffen auch viel. Aber ab einem bestimmten Maß funktionieren wir nur noch, und das nehmen wir oft gar nicht richtig wahr. Wir schalten auf Autopilot um. Natürlich hat Routine eine nützliche Funktion, sie hilft uns, Dinge zügig zu erledigen. Doch im Tunnelblick geht uns viel vom Leben verloren. Eine Folge ist chronischer Stress, der uns krank macht.

Sie sind ausgebildete MBSR-Lehrerin und Kursleiterin. Was verbirgt sich dahinter?
MBSR ist die Abkürzung für "Mindfulness Based Stress Reduction“ und heißt übersetzt Stressreduktion durch Achtsamkeit. Der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn entwickelte MBSR vor gut 40 Jahren an der University of Massachusetts auf der Grundlage der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation. Die Kurse setzen sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen, wie Body Scan, Meditationen oder Körperübungen. Sie gehen über acht Wochen oder werden als Bildungsurlaub über eine Woche angeboten. Es geht darum zu lernen, wann Stress normal ist und wann er anfängt uns zu schaden.
Und was ist das Ziel?
Wieder mitzubekommen, was man tut. Also im gegenwärtigen Moment sein zu können. Nicht im Gestern und nicht in der Zukunft, sondern im Jetzt.
Wieso macht Stress uns eigentlich krank?
Bei Stressreaktionen folgt unser Körper einem uralten Muster. War es früher der Säbelzahntiger, vor dem wir weglaufen mussten, ist das heute vielleicht der Anruf vom Chef. Das Adrenalin schießt uns durchs Blut, unser Puls geht hoch und das Herz schlägt schneller. Unser Gehirn schaltet auf Kampf oder Flucht. Für einen Moment lang ist das völlig okay, wenn das allerdings ein Dauerzustand wird, schädigen wir unsere Gefäße und Organe. Jeder Mensch hat da seine eigene Achillesferse, wie Bluthochdruck, Diabetes, Tinnitus oder Herzerkrankungen.

Und was für Themen bringen Ihre Kursteilnehmer mit, und wer kommt denn?
Es sind Männer wie Frauen aller Altersklassen. Viele arbeiten im Schichtdienst, von der Pflegekraft bis zum Arzt. Aber auch Studenten und Rentner nehmen teil. Ein Hauptthema ist die hohe Arbeitsdichte, die wir zu bewältigen haben. Unser Tag ist viel durchgetakteter als noch vor 20 Jahren. Durch das Smartphone sind wir immer erreichbar, und es wird erwartet, dass wir sofort reagieren. Das fängt schon bei unseren Kindern an. Gleichzeitig, das belegen Studien, ist unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer geworden. Alle Medien gleichzeitig im Blick zu behalten überfordert uns, und wir verlieren immer mehr die Fähigkeit, lange bei der Stange zu bleiben. Forschungen hingegen haben bewiesen, dass unser Gehirn sich nur mit einer Sache zur Zeit beschäftigen kann. Was wir können, ist in Bruchteilen von Sekunden umzuschalten. Das kostet Kraft und 25 Prozent unserer Leistungsfähigkeit geht dabei verloren. Multitasking ist also ein Märchen.
Wie könnte Achtsamkeit im Alltag aussehen?
Das „Eben-noch-schnell“ vermeiden. Vielleicht stellt man sich einfach neben den Wasserkocher, bis er fertig ist und gießt nicht die Blumen, während man seine E-Mails checkt.
Und was tue ich, wenn die Gedanken nicht aufhören wollen zu kreisen?
Gedanken dürfen da sein. Das Gehirn sortiert damit Eindrücke. An Gedanken sollte man sich aber nicht festbeißen, da helfen zum Beispiel einfache Atemübungen. Der Kopf funktioniert wie der Arbeitsspeicher des Computers: ist er überlastet, wird er langsam oder läuft gar nicht mehr. Das Wichtigste sind die Ruhepausen, um ihn wieder zu leeren. Beispielsweise eine Tasse Kaffee trinken, eine Runde um den Block gehen und für das Mittagessen Zeit einplanen und nicht am Schreibtisch essen. Viele Menschen machen nicht einmal eine Mittagspause. Das ist wie ein Holzfäller, der keine Zeit hat, seine Axt zu schärfen.
Haben Sie eine kleine Übung für unsere Leser?
Zum Beispiel beim Essen mit allen Sinnen dabei sein. Nicht auch noch lesen, reden, Musik hören, aufs Handy sehen. Sondern den Duft der Lebensmittel wahrnehmen, die Farbe, die Konsistenz, die Form. Und wertschätzen, dass man etwas auf dem Teller hat.
//Interview: Julia Voigt