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Prof. Dr. Justus Gille: Mensch, ganz schön gelenkig...

Prof. Dr. Justus Gille ist zertifizierter Knorpelspezialist des Qualitätskreises Knorpel-Repair & Gelenkerhalt e. V. (QKG) und zertifizierter Kniechirurg der deutschen Kniegesellschaft e. V. (DKG). Darüber hinaus gibt er sein Wissen als zertifizierter Ausbilder der Arbeitsgemeinschaft Arthroskopie (AGA) und als Referent auf nationalen und internationalen Fachkongressen weiter. Für seine Arbeiten auf dem Gebiet der autologen matrixinduzierten Chondrogenese (AMIC), einem innovativen Verfahren der Knorpelersatztherapie, erhielt er 2011 den Herbert-Lauterbach-Forschungspreis.

Gelenkgesundheit im Blick: Was passiert, wenn das Wunderwerk Körper in die Jahre kommt – Experteninterview mit Prof. Dr. Justus Gille

Unsere Gelenke sind ein echtes Wunderwerk und ohne sie wären wir Menschen ziemlich bewegungslos. Doch was benutzt wird, nutzt sich irgendwann einmal ab oder wird durch andere Einflüsse, wie beispielsweise einen Unfall, empfindlich verletzt. Prof. Dr. Justus Gille ist Experte auf dem Gebiet der Gelenkerkrankungen und leitet die Klinik für Allgemeine Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin der Regio Kliniken. Die Redaktion hat sich mit ihm am Klinikstandort Pinneberg getroffen und nachgefragt.

Dr. Gille, in Ihrer Biografie steht, dass Sie auf minimal-invasive Chirurgie spezialisiert sind? Was versteht man darunter eigentlich?

In meinem Bereich ist die minimal invasive Chirurgie, die Arthroskopie am häufigsten, also die Gelenkspiegelung mit Kameraoptik. Früher waren Operationen, wie beispielsweise am Knie, noch relativ invasiv. Sprich, der Operateur benötigte größere Zugänge. Heute arbeiten wir wesentlich schonender und setzen unter anderem ganz kleine Schnitte an. Wir verletzen mit der Arthroskopie kaum Gewebe, was für die Patienten eine kürzere Heildauer und weniger Schmerzen bedeutet.

Was macht insbesondere das Kniegelenk so kompliziert?

Das Kniegelenk unterscheidet sich diesbezüglich nicht wesentlich von allen anderen Gelenken im menschlichen Körper. Wenn man sich mit diesem Thema näher beschäftigt, sieht man, dass jedes Gelenk komplex ist.

Wie lange ist die durchschnittliche Haltbarkeitsdauer eines Gelenkes?

Jedes Gelenk unterliegt einem natürlichen Alterungsprozess. Die mechanische Belastung ist die häufigste Ursache für einen Verschleiß. Das heißt, alle, die das Glück haben, alt zu werden, bekommen in ihren Gelenken irgendwann Arthrose. Natürlich gibt es Gelenke, die werden mehr belastet, wie zum Beispiel das Kniegelenk, sodass hier der Verschleiß früher einsetzt. Die Schulter ist in der Regel später dran.

Gibt es auch eine genetische Komponente?

Hier unterscheiden wir zwischen der primären und der sekundären Arthrose. Bei den sogenannten primären Arthrosen, wird vermutet, dass es einen genetischen Aspekt gibt. Bei sekundären Arthrosen kann man die Ursache benennen, sie entstehen beispielsweise durch einen Unfall, als Folge eines Kreuzbandrisses oder durch Fehlstellungen wie O-Beine.

Was sorgt für die Stabilität in einem Gelenk?

Die Stabilität eines Gelenkes kommt nicht, wie man vermuten könnte, durch die Knochen oder den Knorpel, sondern mehr durch Muskeln, Sehnen und vor allem die Bänder, die drumherum gespannt sind. Letzteres sind die Schwachstelle des Gelenksystems, hier ist die Verletzungsgefahr groß.

Heißt, je mehr wir unsere Muskeln und Bänder trainieren, desto besser ist die Stabilität?

Ja, auf jeden Fall. Selbst bei einem Kreuzbandriss kann man durch gut trainierte Muskeln und Bänder, das Kniegelenk stabilisieren.

Früher wurden Kreuzbandrisse oft operiert, heute ist das ja nicht mehr so. Heilt er denn von allein?

Nein. Man behält immer eine gewisse Instabilität, die man teilweise muskulär kompensieren kann. Es gibt Patienten, die diese Instabilität gar nicht merken. Wenn man nicht gerade Spitzensportler ist, versucht man mittlerweile häufig einen Kreuzbandriss erst einmal konservativ zu behandeln.

Eine der häufigsten Gelenkbeschwerden wird durch einen Knorpelschaden verursacht. Ist dieser auch für die Schmerzen verantwortlich?

Nicht direkt. Der Knorpel hat keine Nerven, daher schmerzt er auch nicht. Es ist vielmehr ein gewisser Reizzustand in den Gelenken. Die Gelenkkapsel zum Beispiel hat wiederum viele Nerven. Wenn die gereizt wird, tut es weh. Interessant ist, dass ab einem gewissen Alter Arthrose häufig diagnostiziert wird, aber nur ein Drittel der Betroffenen Beschwerden hat.

Wenn man erst einmal einen Knorpelschaden hat, regeneriert sich dieser wieder?

Von allein nicht, aber man kann durch eine Operation nachhelfen. Es gibt unterschiedliche Operationsverfahren, die mittlerweile sehr erfolgreich sind. Leider funktionieren diese Verfahren nur bis zu einem gewissen Grad der Knorpelschädigung bzw. Arthrose.

Welche Operationsverfahren sind das?

Eine Möglichkeit ist die Entnahme von Knorpel, der dann im Labor gezüchtet wird. Nach sechs bis acht Wochen wird durch eine weitere Operation der gezüchtete Knorpel wieder eingesetzt. Eine andere Möglichkeit ist es, den Körper dazu zu bringen, einen eigenen Knorpel zu bilden. Dazu bringt man eine spezielle Membran im Knorpeldefekt an und Zellen wandern ein. Die neuen Zellen verstehen, dass sie Knorpel werden sollen. Das funktioniert gut.

Warum bildet der Körper dann keinen Knorpel von allein nach?

Das ist relativ einfach. Es ist keine Heilung möglich, wenn kein Blut da ist und ein Knorpel hat keine Blutgefäße. Deswegen gibt es hier kein Regenerationspotenzial. Bei der Operation wird der Knorpel entsprechend angefrischt, indem man den Knochen anbohrt und es zu einer Einblutung kommt.

Das klingt sehr aufwändig.

Die Operation ist Standard. Aufwändig ist die Rehaphase. Man muss danach meistens sechs Wochen auf Krücken gehen und darf das Gelenk nur teilweise belasten. Das ist wie das Ansäen von jungem Rasen: Wenn man sofort drauftritt, dann wächst er nicht mehr.

Welche Gelenkoperationen sind denn am häufigsten?

Prinzipiell muss man unterscheiden, ob es um Verletzungsfolgen oder Verschleißerscheinungen geht. Das sind die beiden häufigsten Gruppen. Bei der Schulter ist es beispielsweise die ausgekugelte Schulter oder es sind Sehnenrisse, die operiert werden müssen. Beim Knie ist es oft der Meniskus und der Kreuzbandriss. Menschen sind länger aktiv und betreiben immer häufiger Risikosportarten. Auch das Niveau der Sportarten hat zugenommen.

Gibt es ein typisches Symptom, das auf einen Knorpelschaden hinweisen könnte?

Ein Knorpelschaden durchläuft unterschiedliche Stadien. Im ersten Schritt bekomme ich nach einer Belastung Beschwerden, im zweiten Stadium stellen sich die Beschwerden schon während einer Belastung ein. Schreitet der Knorpelschaden weiter voran, können Schmerzen auch im Ruhezustand auftreten.. Häufig ist es so, dass sich gute und schlechte Phasen abwechseln. Mit der Zeit werden die schlechten Phasen allerdings immer länger.

Was sind die klassischen Verschleißteile?

Bei älteren Menschen sind es der Meniskus und der Knorpel, da kann man die Uhr auch mit einer Knorpelersatztherapie nicht mehr zurückdrehen. Letztlich bleibt noch die Möglichkeit des Einbaus eines Kunstgelenkes, im Sinne einer Überkronung der Gelenkflächen.

Und wann kommt ein Kunstgelenk zum Einsatz?

Wichtig ist zu wissen, dass das Kunstgelenk erst eingesetzt wird, wenn konservative Therapieverfahren nicht mehr ausreichen. Oft wird dann auch nur der Teil des Gelenkes ersetzt, der Schmerzen verursacht hat.

Wie lange ist dann der Heilungsprozess im Durchschnitt?

Im Krankenhaus ist man meist nur wenige Tage. Danach geht man für etwa drei Wochen in die Reha. Man kann auch eine ambulante Reha machen. In der Folge ist eher die Frage, welche Art von Aktivität man ausüben möchte.

Welche Sportarten kann man mit einem künstlichen Gelenk noch ausüben?

Letztendlich ist alles erlaubt, was einen Low-Impact hat, also wenig Druck auf die Gelenke ausübt. Radfahren, Spaziergänge oder Nordic Walking lassen sich gut machen. Sogar Skifahren ist in Maßen möglich. Sogar springen oder hüpfen kann man mit einem künstlichen Gelenk. Allerdings ist hier äußerste Vorsicht geboten. Sobald eine Rotation oder rasche Richtungswechsel dazukommen oder ein unkontrollierter Gegnerkontakt, kann es schnell kritisch werden. Wir müssen aufpassen, dass wir im Sport nicht zu viel von einem Kunstgelenk erwarten.

Gibt es heute mehr gelenkerhaltende Operationen als früher?

Ja, deutlich. Man versucht nach einem Unfall möglichst alle Schäden zu beheben und Folgeschäden zu vermeiden. Wenn ich beispielsweise eine komplexe Bandverletzung am Knie habe und ich lasse diese nicht operieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass eine Verschleißumformung eintritt. Das will man natürlich verhindern.

Wann spricht man von einer Fehlbelastung?

Die Fehlbelastung ist tatsächlich ein viel diskutiertes Thema, aber mehr in der Bevölkerung als in medizinischen Fachkreisen. Man weiß heute, dass eine Belastung des Gelenkes nicht unbedingt zum Verschleiß führen muss. Marathonläufer beispielsweise haben nicht zwangsläufig mehr Verschleiß als die, die keinen Laufsport betreiben. Dabei spielt natürlich auch das Körpergewicht eine Rolle. Es geht sogar noch extremer: Man würde denken, dass Menschen, die ein Bein verloren haben, im gesunden Bein schneller eine Verschleißerkrankung bekommen müssten, das ist aber nachgewiesenermaßen nicht so.

Wie wichtig ist Bewegung an sich?

Super wichtig. Alle Menschen, auch die bereits einen Verschleiß haben, sollten in Bewegung bleiben. Generell gilt allerdings: nie über die Schmerzgrenze hinweggehen. Diese kann individuell durch gezieltes Training verschoben werden.

Was sagen Sie zum Thema „Einrenken“, zum Beispiel an der Halswirbelsäule?

Es gibt Blockaden, die einen hohen Leidensdruck verursachen. Wenn das fachgerecht gemacht wird, spricht nichts gegen ein Einrenken. Dann ist das sogar die Therapie der Wahl. Wenn man das zu häufig macht, können die Gelenke aber instabiler werden.

Und das Stichwort Rheuma...?

Das ein großes Thema. Es gibt Gelenkbeschwerden, die durch rheumatische Grunderkrankungen verursacht werden. Aber es gibt auch rheumatische Erkrankungen, die durch entzündliche Prozesse ursächlich für Knorpelschäden sind. Das hängt schon eng zusammen. Es gibt immer wieder Patienten, bei denen man nur schwer erkennen kann, ob die Beschwerden Folge einer rheumatischen Erkrankung oder einer Verschleißerscheinung sind.

Was ist eigentlich eine Dysplasie?

Wenn wir von der Natur gehäkelt werden, kann es passieren, dass sie eine Masche fallen lässt, etwa dass die Kniescheibe nicht so richtig ins Gleitlager passt. Dysplasie betrifft Frauen häufiger als Männer und kann über die Zeit hinweg Folgen haben, muss es aber nicht.

Kann man etwas tun?

Es gibt etablierte OP-Verfahren, um das auszugleichen. Die kommen aber ganz am Ende einer Behandlungskette. Bei der Hüfte ist es schwieriger, diese in die richtige Position zu bringen. Bei der Kniescheibe kann man erst einmal versuchen, durch gezieltes Training die Muskulatur auf der Innenseite so zu stärken, dass die Kniescheibe besser ins Lot kommt.

Wo sehen Sie die Gelenkmedizin in etwa 20 Jahren?

Ich könnte mir vorstellen, dass wir ein biologisches Gelenk herstellen können, also aus körpereigenen Zellen. Die Idee gibt es schon, aber sie funktioniert bisher noch nicht. // Interview: Julia Voigt

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