Wer oft mit dem Auto unterwegs ist, nutzt die Reifen schneller ab. Wer viel auf den Beinen ist oder schwere Lasten tragen muss, der riskiert auf Dauer eine Abnutzung seiner Gelenke. Doch ist das wirklich so?„Mitnichten“ sagt Prof. Dr. Babak Moradi, Direktor für Orthopädie an der Uniklinik Schleswig-Holstein (UKSH) Campus Kiel. Er erforscht seit Jahren das Prinzip Arthrose und spricht vielmehr von „Umbauarbeiten“. Die Redaktion hat einmal genauer nachgefragt.
Dr. Moradi, seit 2012 leiten Sie die experimentelle Arbeitsgruppe „Zelluläre und molekulare Pathomechanismen der Osteoarthrose“. Was darf man sich darunter vorstellen?

Arthrose ist das Haupterkrankungsbild, womit wir es in der Orthopädie vor allem zu tun haben. Es gab über viele Jahre bei der Arthrose relativ wenig Grundlagenforschung und vor allem das Thema Inflammation, also die Entzündung durch das Immunsystem, lag bisher ziemlich brach. Lange ist man davon ausgegangen, dass Arthrose eine reine Verschleißerkrankung, also ein Stück weit gottgegeben, ist. Das passt aber nicht dazu, wie ein Körper grundsätzlich funktioniert. Zu sagen, Gelenke nutzen sich ab, ist eigentlich nicht korrekt. Es sind vielmehr zelluläre und molekulare Umbauprozesse der Zellen, die den Knorpel und die Gelenkschleimhaut bilden. Es ist zutreffender zu sagen, Arthrose ist ein chronischer Umbauprozess des Gelenkes mit zunehmendem Funktionsverlust, Entzündungen und Schmerzen. Die Ursachen für diesen Umbauprozess sind zum Teil noch unklar. Natürlich wirken sich mechanische Einflüsse von außen, wie Brüche und Sportverletzungen, auf Gelenkstrukturen negativ aus. Arthrose kann aber auch durch eine Fehlernährung entstehen. Bei übergewichtigen Menschen wissen wir heute, dass es nicht so sehr die Last ist, die ein Gelenk erkranken lässt, sondern vielmehr die chronischen Entzündungen, die mit dem Übergewicht einhergehen, verantwortlich sind. Wir beschäftigen uns im Wesentlichen mit diesen Prozessen und lernen sie besser zu verstehen. Das ist die Grundlage dafür, um medikamentös eingreifen zu können. Dass das in Zukunft möglich ist, wird immer realistischer.
Was ist Arthrose aus der Sicht eines Wissenschaftlers?
Mit der Forschungsbrille betrachtet ist Arthrose im Grunde ein Ungleichgewicht zwischen Regeneration und Degeneration.
Kann man selbst etwas für die Gesundheit seiner Gelenke tun?
Man kann sehr viel tun, wenn man versteht, dass es immer eine Balance zwischen Abbau und Aufbau ist. Es geht immer um Gewichtskontrolle, um chronische Entzündungen zu vermeiden. Dann geht es um Bewegung, denn unsere Gelenke ernähren sich davon, bewegt zu 42 43 werden. Ein hoher Muskelanteil im Körper schützt zudem vor Entzündungen. Sportliche Betätigung führt zur positiven Veränderung der Botenstoffe und wirkt gegen Entzündungen, oft genauso gut wie entzündungshemmende Medikamente. Wenn wir unseren Körper beanspruchen, erneuern sich unsere Zellen immer wieder. Beim Sport beispielsweise werden wir kontinuierlich stärker, je mehr wir trainieren. Doch es gehört auch eine gute Vorbereitung auf neue Reize dazu, um den Körper nicht überzubelasten.


Was heißt denn „eine gute Vorbereitung“?
Das heißt, dem Körper die Chance zu geben, auf neue Belastung zu reagieren. Also nach den guten Vorsätzen zum neuen Jahr sofort zehn Kilometer zu laufen, obwohl man sonst überhaupt nicht läuft, ist sicher nicht förderlich. Die Muskeln reagieren schnell auf Veränderung. Aber Knorpel, Knochen, Bänder und Sehnen sind gering durchblutete Strukturen. Sie brauchen viel länger, um sich anzupassen. Dann aber hält der Knorpel beispielsweise einen Marathonlauf auch problemlos aus.
Und wie gut lässt sich Arthrose behandeln?
In frühen bis mittleren Stadien lässt sich Arthrose gut behandeln und die Symptome können über lange Zeit hinweg verschwinden. Wir sehen manchmal Patienten, deren Röntgen- oder MRT-Bilder vermuten lassen würden, dass sie unter Schmerzen leiden, sie sind jedoch durch eine gute Bewegungstherapie symptomfrei. Auch wenn man die Diagnose Knorpelschaden hat, kann man durchaus beschwerdefrei zurechtkommen. Wie gesagt, mit Gewichtskontrolle, Ernährung und Bewegung kann man schon viel erreichen. Wir wissen jedoch, wie schwierig es für Patienten ist, eine gute Bewegungstherapie durchzuführen. Deswegen haben wir übrigens in diesem Jahr vom Land das Projekt „AKTIV - Kieler Arthrose Initiative“ gefördert bekommen. Eine onlinebasierte Therapiemöglichkeit, die Betroffene über Videotelefonie unterstützen kann. Auch Maßnahmen wie Physiotherapie und Hilfsmittel können begleitend helfen. Als Schmerztherapie eignen sich teilweise zudem lokale Injektionen in die Gelenke. Eine Möglichkeit ist auch die Eigenbluttherapie.


Wie lange können Gelenke denn im Durchschnitt halten?
Wenn man der Altersforschung der Medizin glaubt, dann kann der Mensch generell noch viel älter werden als 100 Jahre. Ich sehe es in unserer Praxis immer wieder, dass Menschen mit 80 oder sogar 90 Jahren gesunde Gelenke haben. Gelenke sind darauf ausgelegt, ein Leben lang zu halten. Es geht vielmehr darum, wie wir damit umgehen.
Glauben Sie, dass Arthrose irgendwann in Zukunft heilbar sein wird?
Davon bin ich überzeugt. Doch es wird meiner Meinung nach nicht eine Therapie für alle Arthroseformen geben. Die Behandlung wird immer aus verschiedenen Bausteinen bestehen und dahin wollen wir kommen. // Interview: Julia Voigt

INFORMATION
Babak Moradi ist seit Januar 2021 Professor für Orthopädie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie des UKSH, Campus Kiel. 2013 wurde er mit dem Start-up-Preis der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie ausgezeichnet. 2018 folgten der Wilhelm-Roux-Preis der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie und der Arthur-Vick-Preis der Deutschen Gesellschaft für orthopädische Rheumatologie.