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Wie ein Puma zur Zeitungsente wurde

Ein Puma sorgte 1982 für Angst und Erheiterung in Nordfriesland. Foto: imago stock&people

1982: Für jedes Sommerloch das passende Tier - auch die Husumer Nachrichten hatten eines

Löwin in Berlin, Kaiman Sammy im Baggersee, Killer-Wels Kuno aus Mönchengladbach - für jedes Sommerloch das passende Tier. Auch die Husumer Nachrichten hatten eins: Ein Puma sorgte im Sommer 1982 für Schlagzeilen.

Nicole hatte gerade mit „Ein bisschen Frieden“ den Grand Prix de la Chanson gewonnen, Trio landete mit dem Song „Dadada“ einen Hit, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war Vizeweltmeister geworden, von Mai bis September schien die Sonne und bescherte einen Supersommer - und in Nordfriesland trieb ein Puma sein Unwesen. Zumindest wollten ihn mehrere Menschen gesehen haben.

Ende Juli begann es im Blätterwald ganz mächtig zu rauschen: Die Husumer Nachrichten berichteten über Sichtungen einer wilden Raubkatze, von Jägern, die auf die Pirsch gingen, und als Höhepunkt vom Kampf eines entschlossenen Rantrumers mit dem Puma in der Oldersbeker Feldmark, der eine Suchaktion mit 20 Polizeibeamten und 50 Jägern nach sich spaltete zog. Die Leserschaft sich in zwei Lager: die einen glaubten fest an die Existenz des Pumas, die anderen hielten es für eine schnaps-selige Lügengeschichte. Eine findige Husumer Werbeagentur entwarf einen Aufkleber mit „Friesi - nordfriesischer Seepuma“.

Verdächtige Spuren in Dänemark

Doch wie hatte die Geschichte ihren Anfang genommen? Im benachbarten Dänemark waren von Ende Juni bis Mitte Juli mehrfach Spuren entdeckt worden, die auf eine große Raubkatze deuteten. Am 17. Juli wollte dann ein deutscher Grenzbeamter das Raubtier bei der Einreise nach Südtondern beobachtet haben. Angeblich sollte das Tier schon vor Jahren aus einem Privatgehege in Jütland ausgebrochen sein. Große Raubkatzen scheinen im Grenzgebiet hin und wieder unterwegs zu sein. Denn diese Angaben stammen aus dem Nordschleswiger vom 9. Dezember 2015: Damals ging es wieder um einen Puma, den ein dänischer Lokführer an der Bahnstrecke in Flensburg-Weiche gesehen haben wollte.

Aber zurück ins Jahr 1982: Der Boden für eine große Puma-Geschichte mitten im Sommerloch war also bereitet. Das Epi-Zentrum war Oldersbek. So sprang dort am 22. Juli ein Puma aus einem Maisfeld in einen Garten, eine 52-jährige Frau erlitt einen Schock, sie hatte noch ihre beiden Enkelkinder in Sicherheit bringen können, wie die Husumer Nachrichten berichteten. Acht Jäger und zwei Polizeibeamte machten sich auf die Suche ohne Erfolg. Am 23. Juli wollte eine Biologiestudentin das Tier beziehungsweise seine Spuren im Viöler Moor gesichtet haben, die Polizei erklärte die Puma-Spuren aber zu Rehspuren. Abends gab es noch eine Meldung aus Bordelum aber auch dort fand die Polizei nichts.

Kampf mit der Raubkatze in der Feldmark?

Die Berichterstattung über das Raubtiert regte offensichtlich die Fantasie eines 38-jährigen Rantrumers an, der, wie es später hieß, für seinen deftigen Humor im Dorf bekannt war. Er erzählte den Husumer Nachrichten eine abenteuerliche Geschichte von seinem Kampf mit dem Puma, dem er am 25. Juli abends zwischen Oldersbek und der Ostenfelder Landstraße begegnet war. Mit einer Forke wollte er das Raubtier zur Strecke bringen, doch das wehrte sich, beide gingen zu Boden, der Rantrumer nahm den Kopf des Pumas in den Schwitzkasten, so sein Bericht. Kratzspuren auf dem Bauch des Mannes sollten Beweis für den Angriff sein. Das Tier ergriff schließlich die Flucht. Eine großangelegte Suchaktion mit Jägern und Polizei folgte - wieder ohne Ergebnis.

Überregionale Zeitungen greifen Geschichte auf

Gern griffen überregionale Zeitungen die Geschichte auf, die „Bild“ titelte für ihre Verhältnisse erstaunlich nüchtern in großen Lettern: „Husum: Puma griff Dachdecker an“. Doch der Raubtier-Angriff entpuppte sich als klassische Zeitungsente: Nicht der Puma hatte Haare am Tatort hinterlassen, sondern ein Hase oder Kaninchen, so das unbestechliche Ergebnis der Kriminaltechnik zwei Wochen später. Auch die Kratzspuren auf Brust und Bauch, im Gesicht und am Arm des Rantrumers passten eher zu einem sich verteidigenden Kaninchen als zu einem Puma.

Egal, der Rantrumer blieb bei seiner Geschichte, und auch die Oldersbeker wollten sich ihren Puma nicht nehmen lassen und erzählten detailliert von weiteren Sichtungen. Gefunden worden ist das Tier letztlich nie, nur noch mehrfach gesichtet, nachweisen ließ es sich aber auch dort nicht: Etwa bei Tellingstedt in Dithmarschen, am Ostufer in Kiel und in Bordesholm, da entpuppte es sich als Angorakatze.

Aus Puma wurde Pummelchen

Die Geschichte trieb so manche fantasievolle Blüte: Ein neues Oldersbeker Dorfwappen mit Puma und Forke wurde entworfen, ein Schild aufgestellt, das auf den Safaripark Oldersbek hinwies, ein Tellingstedter Malermeister, ebenfalls als Spaßvogel bekannt, bastelte einen Puma aus Styropor und stellte ihn in ein Feld. Und der unsichtbare Puma hatte inzwischen auch einen Spitznamen: Pummelchen.

Safari-Latein aus dem Wattenmeer

Peter Höver, bis 2023 Sprecher der Landesregierung und damals junger Reporter bei den Kieler Nachrichten, wartete mit „Safari-Latein von den Sandbänken“ auf, in dem ein Professor Victor Silverlion vom Rocky-Mountain-Institut für bedrohte Tierarten den Puma auf einer Sandbank erlegen wollte, als just ein Motorboot mit Sensationsjournalisten diesen Plan zunichte machte. Des Professors Theorie: Der Puma habe Jahre im Wattenmeer überlebt und sich auf die Wattwurm-Jagd spezialisiert.

Auch die Gilde der Husumer Leserbriefschreiber zückte ihre Stifte und neben ernsthaften Gedanken zum Tierschutz - kein Abschuss des Pumas- und Vorschlägen von Sessel-Abenteurern, wie sie den Puma erlegt hätten, gab es auch Gemecker über das „Bild“-Niveau der Husumer Nachrichten. Und so mancher Leser machte sich geschliffen-ironisch Luft über so viel Unsinn in seiner Heimatzeitung. Auf dass die Nordfriesen nicht zu den Ostfriesen Schleswig-Holsteins würden, davor warnte ein Mann aus Seeth wortreich.

Das wurden sie dann doch nicht, die Großkatzenjagd verlor ihren Reiz, der Herbst kam und damit andere Geschichten. Überlebt hat die Raubkatze sicherlich in der Erinnerung mancher Nordfriesen - und im Handarchiv der Husumer Nachrichten, dort schlummert „Friesi“ friedlich, bis er für ein Jubiläum wieder zum Leben erweckt wird. Ilse Buchwald

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