Insel-Krise spitzt sich zu : Sylter Laden muss wegen Personalmangel schließen

Kein Ladenbetrieb: Das Sylter Waschkontor nimmt keine Aufträge von privat mehr an.
Kein Ladenbetrieb: Das Sylter Waschkontor nimmt keine Aufträge von privat mehr an.

Situation in Sylter Geschäften und Betrieben verschärft sich – Hauptursachen sind Bahnchaos und zu wenig bezahlbarer Wohnraum

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30. Mai 2018, 06:10 Uhr

Die junge Kundin mit dem Sakko über dem Arm ist schnell wieder draußen. „Wir reinigen sowas nicht mehr“, hat ihr die Mitarbeiterin hinter dem Tresen beschieden. „Versuchen Sie es mal in der Kleinen Wäscherei oder in der Maybachstraße.“ Das Sylter Waschkontor schließt sein Ladengeschäft zum 1. Juli, und ein Aushang verrät den Grund: „Wegen Mangel an qualifiziertem Personal.“ Der Fachkräftemangel – auf Sylt ist er längst angekommen und bedroht kleine wie große Betriebe.

Von 23 Mitarbeitern seien in diesem Jahr schon fünf weggezogen, berichtet Betriebsleiterin Wenke Peschke, und die Verbitterung ist ihr anzumerken. „Es wird immer schlimmer.“ Für den Ladenbetrieb des Sylter Waschkontors von 8 bis 16 Uhr wären zwei Kräfte nötig, in der Saison vier. Weil zwei weitere Angestellte gekündigt haben, schließt der Laden zum 1. Juli, das Waschkontor übernimmt nur noch gewerbliche Aufträge von Hotels und Gastronomie.

„Siebzig Prozent unserer Mitarbeiter sind Pendler“, schildert Wenke Peschke das Dilemma, „wenn die Bahn nicht fährt, stehen wir dumm da“. Neue Mitarbeiter seien Mangelware – darunter leide die Wäschereibranche deutschlandweit. „Zum Glück konnten wir fünf Flüchtlinge einstellen.“ Doch ob das Gehalt reicht, um die hohen Mieten auf Sylt bezahlen zu können, ist nicht sicher. „Dabei bezahlen wir schon Löhne über Tarif.“

Trotz schlechterer Bezahlung: Pendler wollen zurück aufs Festland

In Kanzleien und Praxen der Insel das gleiche Bild: „Wir haben seit November vier Mitarbeiter verloren“, berichtet der Zahnarzt Dr. Joachim Stolte – „aufgrund der Bahnsituation“. Die Zahnarzthelferinnen aus Niebüll, Klanxbüll und Langenhorn hätten sich für Jobs auf dem Festland entschieden – trotz schlechterer Bezahlung. „Ganz einfach, weil sie keine Lust mehr haben auf diese totale Katastrophe.“

In seiner Praxis in Westerland arbeiteten in der letzten Saison bis zu 14 Zahnarzthelferinnen an der Seite der drei Zahnärzte, ab August wird die Zahl auf sechs geschrumpft sein. In Stellenanzeigen sucht Zahnarzt Stolte nach drei neuen Mitarbeiterinnen. Dass die Fahrkarten vom Arbeitgeber übernommen werden, sei selbstverständlich. Auch die Zahnärztekammer habe das Problem erkannt, die Grundgehälter für die zahnmedizinischen Fachangestellten seien im letzten Jahr deutlich gestiegen.

Kündigungen wegen Bahnproblemen und fehlendem bezahlbaren Wohnraum

350 Mitarbeiter sind bei der Gemeinde Sylt tätig – ob im Rathaus, im Bauhof, in den Kitas oder in den Schulverwaltungen. Ein Drittel der Angestellten, schätzt Bürgermeister Nikolas Häckel, pendele allmorgendlich über den Hindenburgdamm. „Es gibt Kündigungen wegen der Bahnprobleme“, bestätigt der Verwaltungschef, „und es gibt Mitarbeiter, die auf dem Festland eine Stelle suchen.“ Die Bahnprobleme und fehlender bezahlbarer Wohnraum machten es den Angestellten nicht leicht. Gestern führte Häckel im Rathaus wieder Vorstellungsgespräche: „Die Bewerber bekamen bei der Anreise schon einen Vorgeschmack darauf, was Pendeln bedeutet.“

Die jüngsten Ereignisse bei der Bahn haben Häckel „vollkommen frustriert“. Vom Vorschlag aus dem Bundesverkehrsministerium, bei Lehnshallig die Wartespur zu verlängern, habe er gestern aus der Zeitung erfahren. „Wieso greift da nicht mal jemand zum Telefonhörer und informiert uns?“ Doch der Vorschlag aus Berlin sei keinesfalls neu, „das war schon mal vor vielen Jahren im Gespräch.“ Häckels Vermutung: „Vielleicht war das nur Futter für die Presse, um uns ruhig zu stellen.“

Der Personalmangel auf Sylt – für Karl Max Hellner vom Verein Sylter Unternehmer ist das „ein bundesweites Problem, das sich bei uns noch verschärft.“ Früher hätten Sylter Betriebe davon profitiert, dass es in Nordfriesland nicht genug Jobs gab. Das ist heute anders – auch seine Kollegen im Einzelhandel auf dem Festland klagten über zu wenig Mitarbeiter. „In Deutschland herrscht nahezu Vollbeschäftigung, die meisten können sich ihren Job aussuchen.“ Sylter Arbeitgeber müssten einiges tun, um ihre Mitarbeiter zu halten – allein mit einem übertariflichen Gehalt sei es nicht getan.

Doch das Sylter Bahnproblem bringt nicht nur Nachteile, es geht auch andersrum: Bei Zahnarzt Stolte meldete sich letztes Jahr eine Dentalhygienikerin, die das Pendeln von Morsum aufs Festland nach Husum leid war. Sie fand eine neue Anstellung in seiner Praxis. „Da hatten wir mal Glück.“

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