Lesestück zur Insel-Geschichte : Sylter Inselgeschichte: Erinnerungen einer alten Tinnumerin

Ringreitturnier in Keitum – „für uns war es jedes Mal ein großes Fest“, schreibt die Tinnumerin.
Ringreitturnier in Keitum – „für uns war es jedes Mal ein großes Fest“, schreibt die Tinnumerin.

Carla Espersen schilderte in einem Buch ihre Kindheit und Jugend auf Sylt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts und hinterließ damit ein wertvolles Stück Zeitgeschichte.

shz.de von
15. Mai 2018, 07:05 Uhr

Ein sorgfältig getipptes Buch gibt, schon ein wenig verblasst, anschaulich Auskunft über das Sylt von gestern. Carla Espersen schildert darin ihre Kindheit und Jugend in Tinnum zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Mit fünf Geschwistern wuchs sie damals auf dem Espersen-Hof auf, den heute ihr Neffe Peter Espersen bewohnt. „Sie blieb unverheiratet und war eine sehr emanzipierte Frau, die als Gouvernante in der Schweiz, Frankreich und den USA arbeitete, bevor sie wieder nach Sylt zurückkehrte“, weiß Peter Espersen. Intelligent und sehr kontaktfreudig sei sie gewesen, habe einen großen Freundeskreis besessen. „Mit Mitte achtzig ist sie dann nach einem erfüllten Leben verstorben.“

Während Peter Espersens Tochter Sybille das Buch hütet, von dem hier erstmalig Auszüge veröffentlicht werden, besitzt Peter Espersen noch die Schreibmaschine, mit der seine Tante die Seiten des Bandes füllte, der den Vorsatz trägt: „Meinen lieben Nichten und Neffen gewidmet.“

Es waren karge Zeiten, in denen Carla Espersen aufwuchs. Zeiten, die von harter Arbeit und wenig Freizeit, von Krieg und dem zart aufblühenden Fremdenverkehr geprägt waren. „Unser Vater: Ein Bauer und Viehhändler, dessen harte Jugend viel von seinen Kräften verbraucht hatte. Die meisten Kälber der Insel wurden durch ihn nach Tondern verkauft. Pferde aber liebte er ganz besonders. Der Verkauf an andere Sylter wurde für gewöhnlich im Wirtshaus geregelt, nach ein paar Punsch wurde dort der Handel besiegelt.

Unsere Mutter: Früh erzog sie uns Kinder zur Arbeit. Sie leistete viel und verlangte auch viel. Mit Liebe, Strenge und Klugheit erzog sie uns. Was die Eltern verdienten, legten sie in eine Geldkassette und nahmen heraus, was sie brauchten. Manchmal war die Kassette voll und manchmal ganz leer. Wurde dann dringend Geld benötigt, ging Vater zur Kaufmannsfrau Rosa Hansen. Sie war eine Bank der Nächstenliebe, nicht des Wuchers. ‚Wie viel brauchst du, Anton?‘, fragte sie dann nur.“

Die hochdeutsche Sprache, sie war vor hundert Jahren gleichsam noch eine Fremdsprache, wie man sie nur von den Sommerfrischlern hörte. „Der Lehrer gab sich viel Mühe, uns ein gutes Deutsch beizubringen. Kehrten wir dann wieder heim, sprachen wir nur friesisch. Nein, wir kamen mit den Unterschieden wie ‚mir‘ und ‚mich‘ einfach nicht zurecht und würden es nie zu einem fehlerfreien Aufsatz bringen.“

In der Schule herrschte eine rigide Zucht und Ordnung. Einmal wurde Carla ungerechtfertigt vom Lehrer bestraft: „Zwei Stockschläge gab es über jede Hand.“ Ein abwechslungsreiches Programm an Events, wie es die Insel heute kennt, war seinerzeit Mangelware: „Selten, nur ganz selten, kam ein Wanderkino, ein Marionettentheater oder ein Zirkus nach Westerland und blieb für uns Kinder ein unvergessliches Erlebnis.“

Umso mehr freute sich der Nachwuchs auf die traditionellen Festlichkeiten wie das Biikebrennen: „Dafür gingen die Jungs zuvor von Haus zu Haus. Fast überall wurde der Weihnachtsbaum aufgehoben, ein Bauer gibt Stroh, der Kaufmann Petroleum. Das eingesammelte Geld wird für Teer gebraucht.

Danach geht es mit dem Kutschwagen voll Brennmaterial zu den Thinghügeln. Ist alles aufgeschichtet, so machen die Jungs Fackeln für sich und für jeden, der es verlangt, eine Laterne, nämlich eine Konservenbüchse, mit Teer gefüllt.“ Und am darauf folgenden Petritag durfte man endlich einmal nach Herzenslust naschen: „Dass man soviel aß, dass man Bauchschmerzen bekam, musste einfach sein, sonst wäre es kein richtiger Petritag gewesen.“

Auch die Ringreitturniere waren eine wohltuende Unterbrechung des Alltags: „Das Ringreiten in Keitum war jedes Mal ein großes Fest. Diesmal ritt auch mein Bruder mit in seiner flotten Ringreiteruniform und auf einem mit großer Ausdauer gestriegelten Pferd. Zuvor aber sahen wir uns die schönen Preise an. Der Königspreis ist eine Standuhr und der Kronprinzenpreis ein Kaffeegeschirr, wohl das schönste, das H.B. Jensen im Laden hatte.“ Im Sommer zog es die Espersen-Kinder zum Westerländer Strand. „Dann zogen wir Mädchen weiße, gestärkte Kleider mit Unterröcken an und trugen weiße Flachhüte auf den Köpfen.“ Küsten- und Naturschutz? Das waren damals noch keine Themen, alles stand den Kindern frei. „Auf einer Düne unternahmen wir herrliche Rutschpartien. Immer wieder ging es die Düne hinauf und wieder hinab, den ganzen Nachmittag über.“

Kaum einen Blick hatte man indes für „die Sommergäste, die auf der Promenade spazierten. Sie sprachen so ganz anders und wir waren überhaupt schlecht auf diese Gäste zu sprechen. Den ganzen Tag arbeiteten sie nicht und wurden davon nicht müde. Sie tranken soviel Milch, dass wir von unserem Hof Kannen davon nach Westerland schleppen mussten. Dass auch Gäste bei uns um Unterkunft fragten und bekamen, gefiel uns nicht.“ Da unternahmen die Kinder doch viel lieber Streiche: „Ein besonders beliebter Spaß war das Türklopfen. Man nahm eine Schleuder und schoss eine Kartoffel aus einem Versteck auf eine Haustür. Wenn die Tür geöffnet wurde, wunderte sich der Hausbewohner, denn es war ja niemand da, der geklopft hatte.“ Und wenn keine Streiche verübt wurden, spielten die Kinder – nicht unbedingt nur im Kinderzimmer: „Im Frühjahr, wenn das Vieh auf die Weide kam, wurde der ganze Stall gescheuert und frisch gekalkt. Dann wurde er für uns bei Regentagen zu einem großen Spielzimmer.“

Doch auf dem elterlichen Bauernhof gab es auch immer etwas zu tun: „Manchmal war eines der Tiere pflegebedürftig. Zum Beispiel das Lamm Lanje, das als einziges aus der Herde eine Sturmflut überlebt hatte. Einmal war eine Sau krank geworden. Zwei Nächte hatten wir abwechselnd bei dem Tier gewacht. Da auch der Tierarzt aus Keitum nicht helfen konnte, schaute Mutter in die Kurliste, ging in ein Hotel und bat einen dort logierenden Tierarzt um Hilfe.“

Die Welt, sie war klein für Familie Espersen und die meisten Sylter. Man blieb auf der heimischen Scholle. „Für unsere Tante Tinje bestand die Welt nur aus Sylt. Ein einziges Mal war sie in Hamburg gewesen. Aber da fand sie es scheußlich, denn man könne nicht mal in Ruhe über die Straße gehen.“

Sturmfluten suchen früher wie heute Sylt heim. Carla Espersen berichtet aus dem Jahre 1909: „Es erhob sich nachts ein schwerer Sturm. Er nahm sich mit einem Griff die Westerländer Strandhallen mit allen Möbeln und anderen Dingen. Sogar der Tinnumer Binnendeich hatte einen Riss bekommen, und die Männer mussten ihn die ganze Nacht mit Sandsäcken stopfen, weil einige Häuser bereits im Wasser standen. Auf den überschwemmten Wiesen brüllte das Vieh, das nicht mehr zu retten war. Auch ertrank ein altes Ehepaar, das vergebens seine Schafe retten wollte.“

Zu einer ungewöhnlichen Jahreszeit, am 30. August 1923, lief abermals eine Sturmflut auf, über die der bekannte, auf Sylt weilende Dramatiker Robert Musil notierte: „Es war eine Sturmflut von solcher Macht, deren gleichen man seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte. Im Osten der Insel brach die Flut mit ungeheurer Gewalt ein, so dass ihr viel Vieh zum Opfer fiel und auch einige Menschen ertranken.“ Diese Beobachtungen bestätigen die Zeilen von Carla Espersen: „Zwischen Tinnum und Morsum gab es keinen einzigen trockenen Fleck. Die Wellen schlugen gegen die Häuser, und die Menschen wateten drinnen im Wasser.“

Doch nicht nur Sturmfluten überraschten die Insel und ihre Bewohnern, sondern auch der plötzliche Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Die letzten Kurgäste mussten die Insel fluchtartig verlassen. Dafür wimmelt es jetzt plötzlich vor Soldaten. Sie singen, trinken und grölen und die Wogen der Begeisterung gehen hoch“, schilderte die junge Tinnumerin ihre Eindrücke und auch dies: „Der Inselkommandant hat es schwer mit den Syltern, die sich seinen Anordnungen nicht so recht folgen wollen. Auch beklagen sie sich, dass die Soldaten überall schnüffeln würden und sie auf der Insel nur noch in ihren eigenen Wänden zuhause seien.“

160 an der Front gefallene Söhne, Väter, Ehemänner hatte Sylt am Ende des Ersten Weltkriegs zu beklagen. Dagegen endeten die Scharmützel der Dorfjugend höchstens mit einem blauen Auge. Carla Espersen schrieb: „Wenn schon die Erwachsenen nicht den Frieden bewahren können, so ist es nur begreiflich, dass auch die Kinder ihren Kleinkrieg führen.

Die Tinnumer Jungs haben nie Frieden, denn wenn die Westerländer mal kriegsmüde sind, fangen mit Sicherheit die Keitumer Burschen einen Händel an. Die Tinnumer rufen dann: ‚Kommt in die Tinnumburg, wenn Ihr was wollt.‘ Gleich wird eine Zeit vereinbart und dann fliegen in der Tinnumburg die Fetzen.“

Durch den bis 1918 andauernden Krieg mussten die Sylter noch mehr Entbehrungen als gewöhnlich in Kauf nehmen. Davon machte auch Heiligabend keine Ausnahme: „Es war Kriegsweihnacht und die bunten Teller blieben leer bis auf eine einzige Apfelsine. Doch dann, welch Glück, trieben bald nach Weihnachten Kisten voller Apfelsinen an den Strand, man brauchte sie nur zu holen und genießbar waren sie auch. Ein anderes Mal, wir saßen gerade beim Mittagessen, hörten wir den Ruf ‚Wal auf dem Strand‘. Im Nu stürmten wir los, mit großen Messern und Sägen bewaffnet. Das war ein großes Schlachtfest am Strand. Der Wal war über zwanzig Meter lang und gab viel Fleisch und Fett, und Peter Johannsen nahm zuletzt die beiden Walkiefer mit und stellte sie als Tor in seinen Garten.“

Auch anderweitig versuchte man, den Hunger mit allem zu stillen, was die Natur bot: „Wir Kinder gingen auf Kaninchenjagd sammelten Möweneier oder pflückten Beeren.“ Und so endet die Geschichte des alten Sylt und von den Entbehrungen der Menschen, der vertrauten Gemeinschaft und den Sorgen und kleinen Freuden der Altvorderen, endet die Geschichte einer Zeit, von der heute keine Zeitzeugen mehr berichten können.

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