Tierschutz : Kitz-Rettung vor dem Mähwerk

Mit vielen geht es am schnellsten: Jasna Behnke (links) und (daneben) Lars Melfsen sind als Jäger bei der Kitzsuche dabei.
Mit vielen geht es am schnellsten: Jasna Behnke (links) und (daneben) Lars Melfsen sind als Jäger bei der Kitzsuche dabei.

Jäger und Landwirte in Harrislee durchkämmen 75 Hektar nach Wild-Nachwuchs vor der Grasmahd. Unterstützung bekommen sie dabei durch freiwillige Helferinnen und Helfer.

shz.de von
18. Mai 2018, 08:00 Uhr

Die zweite Gruppe, die am Dienstag die Koppeln durchkämmte, hat eines entdeckt: ein Kitz im hohen Gras. Normalerweise stülpen die Helfer dann einen luftigen Wäschekorb über das hilflose Tier, stecken einen weißen Stab daneben zur Kennzeichnung, und der Landwirt kann um das Kitz herummähen, ohne es zu behelligen. In diesem seltenen Fall aber flüchtete das Tier ganz von allein.

Normalerweise, das weiß Landwirt Hans-Heinrich Hansen, „drücken sich die Kitze weg, legen sich hin. Sie haben keinen Fluchtinstinkt.“ Und wenn die Mähmaschine kommt – „das ist grausig“, meint Hansen. Seit 45 Jahren arbeitet der Niehuuser Landwirt in seinem Beruf. Nur zwei Mal sei ihm ein solches Unglück passiert, aber das schmerzt ihn immer noch.

Und das ist auch ein Grund, warum er zur Gruppe in Harrislee gehört, die „alles Mögliche versucht“, damit keine Kitze bei der Grasmahd zu Schaden kommen. „Wir haben fürchterliche Angst, dass wir ein Kitz zu fassen kriegen“, spricht er für seine Zunft. „Das können wir nicht gut ertragen“, sagt er und erinnert sich an einen gestandenen Kollegen von 150 Kilo, der sich nach einem Vorfall hinlegen musste und nicht weiter arbeiten konnte. Ein anderer Grund zur Notwendigkeit der Kitzsuche sei Botulismus, Wurstvergiftung, was die Folge sein könnte, wenn ein Tier ins Futter gerät.

Einmal, so erzählt Hans-Heinrich Hansen, habe man mit Rauchmeldern versucht, die Tiere vor der Mahd zu vertreiben. Nachbarn hätten sich dann beschwert, weil sie nicht schlafen konnten wegen des Piepsens, sagt Hansen. Nach der Begründung der Maßnahme seien längst nicht alle einsichtig gewesen. Davor gab es Mähwerke mit Zinken an den Seiten, die immerhin Fasane aufrüttelten, doch die Kitze blieben liegen.

Zum zweiten Mal streifen nun also Freiwillige an mehreren Tagen durch Felder von insgesamt 75 Hektar, sagt Carsten Christiansen. Er betreibt in Niehuus eine Hundeschule und hat für Revierteile von Harrislee einen Begehungsschein. So auch seine Kollegin Jasna Behnke, mit der er die Kitzsuche im Namen der Harrisleer Jäger und Landwirte organisiert. „Was wir hier machen“, sagt Christiansen, „ist eine wasserdichte, aber auch die aufwendigste Methode.“ Anders als im letzten Jahr seien die ersten beiden Such-Aktionen von Montag und Dienstag sehr kurzfristig zustande gekommen, bedauert er. Landwirt Hans-Heinrich Hansen kann das begründen: Das Gras sei in diesem Jahr sehr schnell gewachsen und müsse nun bei gutem Wetter bald runter, weil der Futterwert nachlasse und es nicht mehr gut für Milchkühe sei, wenn es weiter so wächst.

So schickte Carsten Christiansen am Sonntagnachmittag eine Nachricht in seinen Verteiler von 48 Adressen, dass die Kitzsuche unmittelbar bevorsteht. Ein gutes Dutzend stapfte sodann am Montag ab halb elf in einer langen Reihe durch hohes Gras und suchte die ersten 12 Hektar nach dem winzigen Wildnachwuchs ab. Das ist mühsamer als gedacht: Die Sonne brennt, die Reihe zu halten, fällt trotz Jasnas regelmäßiger Ermunterung nicht leicht, ein Maulwurfshügel fühlt sich beinahe wie ein Kitz an, wenn man drüber stolpert. Zwei Hasen nehmen Reißaus. Irgendwann kommt die gute Fee Renate vorbei und bringt kalte Getränke und Gebäck zur Stärkung. Dann ist plötzlich Eile geboten: Ein Mähwerk ist überraschend auf einem Stück Land aufgetaucht, die Mahd in vollem Gange. Die Kitzsucher gewinnen den Wettlauf mit der Zeit und schaffen es gerade noch rechtzeitig, alle Ecken nach Kitzen zu durchforsten. Auch Lars Melfsen, 48, Jäger und aus Harrislee, ist dabei. Der Industriemechaniker hat sich frei genommen. Warum? „Weil das ein ganz unnötiger Tod ist und um den Bestand zu erhalten.“ Jäger Melfsen ergänzt noch eine Begründung: „Es ist ein Naturerlebnis, ein Kitz so nah sehen zu dürfen.“

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