Parteien in Flensburg : „Ich kann die Kritik verstehen“

„Personaldebatten sind sehr gefährlich“: Lehramts-Student und SPD-Chef Justus Klebe (20).
„Personaldebatten sind sehr gefährlich“: Lehramts-Student und SPD-Chef Justus Klebe (20).

So will Justus Klebe, seit 100 Tagen Flensburgs jüngster SPD-Chef aller Zeiten, die Partei voranbringen

shz.de von
29. Mai 2018, 08:00 Uhr

Herr Klebe, Sie sind vor wenigen Wochen, mit 20 Jahren, SPD-Chef in Flensburg geworden. Wie viel Aufbruchstimmung haben Sie verspürt?

Einige. Wir haben in der Endphase des Kommunalwahlkampfs erlebt, wie wir als Partei zusammenwachsen können. Auch wenn das Ergebnis nicht schön war: Ich glaube, dazu gibt es jetzt eine Chance, sagt Justus Klebe.

Sie sind 100 Tage im Amt, haben eine Kommunalwahl hinter sich. Sehen Sie eine neue Lage?

Ja, wir haben eine Diskussion um den Bundesvorsitz hinter uns und eine Kommunalwahl, bei der wir kein gutes Ergebnis eingefahren haben. Damit müssen wir umgehen, sagt Justus Klebe.

Sie haben gut 18 Prozent erreicht und machen, nachdem die SPD einst den Bürgermeister geholt hat und auch die Oberbürgermeisterin stellt, nun auch einen eigenen Vorschlag für die Stadtpräsidentin. Wieso?

Die Gefahr in der Diskussion ist tatsächlich, dass wir mit einem nicht zufriedenstellenden Ergebnis sofort eine Personaldiskussion führen. Das ist sehr gefährlich, und ich kann die Kritik verstehen. Wir haben mit Inge Krämer aber eine Kandidatin für das Stadtpräsidentenamt, die wir für die beste für diese Stadt halten, über Parteien hinweg respektiert und akzeptiert, ohne lange Einarbeitung. Womit wir nicht dienen können: dass sie eine starke Partei hinter sich hat, sagt Justus Klebe.

Die nächste Diskussion ist die um die Größe der Gremien. Was halten Sie von den größeren 15er-Ausschüssen?

Es geht darum, die tatsächliche Größe der Parteien besser darzustellen, sagt Justus Klebe.

Aber die großen Parteien sind in diesem Modell überrepräsentiert.

Es gibt unterschiedliche Modelle, aber es gibt über Parteigrenzen hinweg viele Personen, die gerne mitarbeiten würden. Denen sollten wir die Chance geben, sagt Justus Klebe.

Die nächste Diskussion wird die über die Gremienbesetzung von den Stadtwerken bis zur Nospa.

Wir halten uns in dieser Diskussion zurück und konzentrieren uns darauf, was wir anders machen müssen. Wir haben das studentische Milieu in der Innenstadt an die Grünen verloren. Das wollen wir zurückerobern. Wir müssen unsere politische Arbeit besser nach außen darstellen. Ein Beispiel: Wir haben die Volkspark-Initiative gestartet, wir haben die pestizidfreie Kommune umgesetzt – und die Grünen plakatieren Sumsum statt Blabla und sind damit erfolgreich. Das muss uns zu denken geben, sagt Justus Klebe.

Welche Themen fehlten?

Es geht darum, Personen mit Themen zu verknüpfen. Wir haben die wenigsten Direktmandate gewonnen. Wir hätten die Personen in den Wahlkreisen stärker herausstellen müssen, sagt Justus Klebe.

Dann bräuchten Ihre Leute vor Ort mehr Freiheit, weniger Fraktionsdisziplin.

Von mir aus gerne. Ich finde, dass man in einer Fraktion auch unterschiedlicher Meinung sein kann. Wir agieren aber auf einer gemeinsamen Wertebasis, ein Grundkonsens ist vorhanden, sagt Justus Klebe.

Wie gewinnt man im studentischen Milieu?

Mit den richtigen Personen und den Themen, und da sehe ich eine Chance. Wir haben nicht nur 50 Prozent Frauenanteil in der neuen Fraktion, sondern auch zwei Jusos im Rat. Lisa Vogel zum Beispiel studiert selbst und sieht, dass es morgens an den Bushaltenstellen überfüllt ist und Leute nicht pünktlich zu den Vorlesungen kommen. Dann kann sie unsere Pläne bei dem Problem auch glaubhaft vertreten, sagt Justus Klebe.

Was hat Ihre Analyse mit Blick auf die klassischen Klientels Arbeiter und Angestellte ergeben, vielleicht auch Ältere?

Es ist ja nicht nur die Kommunalwahl, wir hatten drei nicht zufriedenstellende Wahlergebnisse innerhalb eines Jahres. Ich glaube, wir haben in den letzten Jahren die Frage nach der ökonomischen Gerechtigkeit vernachlässigt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist sehr groß. Hier müssen wir wieder eine Debatte führen, sagt Justus Klebe.

Sind Sie traurig, dass Sie es selbst nicht in den Rat geschafft haben?

Natürlich wäre ich gerne dabei gewesen und war am Anfang enttäuscht, aber auch so habe ich genug zu tun, sagt Justus Klebe.

Wo wollen Sie sich im neuen Rat einbringen?

Wenn es geht, in der Stadtentwicklung. Mit Wohnraum und ÖPNV liegt dort ein Schwerpunkt, da kann ich viel lernen und viel voranbringen, sagt Justus Klebe.

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