Erfolgsgeschichte aus der Wirtschaft: Der Geldautomat wird 50

Der frühere Tübinger Sparkassenmitarbeiter Hartmut Krumm zeigt eine der Lochkarten, die vor 50 Jahren den Weg zum Bargeld per Automat frei machten.
Der frühere Tübinger Sparkassenmitarbeiter Hartmut Krumm zeigt eine der Lochkarten, die vor 50 Jahren den Weg zum Bargeld per Automat frei machten.

Karte rein und Scheine raus: Was heute vielerorts möglich ist, startete vor 50 Jahren in Tübingen. Dort wurde am 27. Mai 1968 der erste Geldautomat Deutschlands aufgestellt.

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28. Mai 2018, 06:50 Uhr

Karte rein und Scheine raus: Was heute vielerorts möglich ist, startete vor 50 Jahren in Tübingen. Dort wurde am 27. Mai 1968 der erste Geldautomat Deutschlands aufgestellt. Der Kasten verlangte aber einiges an Aufwand, bevor er Scheine ausspuckte: Eine Lochkarte, einen Kundenausweis sowie einen Doppelbartschlüssel. Zudem war 1968 Geldabholen noch eine persönliche Sache: Der Kassierer am Bankschalter zahlte den Betrag aus. Bares aus der Maschine, da war man skeptisch. „Nicht alle haben sich viel vom Geldautomaten versprochen“, sagt Klaus Rein, Pressesprecher der Kreissparkasse Tübingen. Elmar Jauch, damals bei der Kreissparkasse für diesen Bereich zuständig, setzte jedoch auf die Neuerung. „Er wollte technisch vorne dabei sein“, sagt Rein. Und die Tübinger waren dabei – mit gebotener Vorsicht: Höchstens 1000 eigens registrierten Kunden wurde der Zugang zu dem mit einer dicken Metalltür gesicherten Geldausgabe-Schacht in der Außenwand der Bank gewährt.

Zehn Lochkarten bekamen ausgewählte Kunden auf Vorrat, für jede Karte spuckte der Automat einen Hundertmarkschein aus. Auf einen Rutsch konnten höchstens 400 D-Mark abgehoben werden. Nutzen durfte die neue Technik nur, wen die Bank für flüssig hielt. Schließlich sollte das Konto auch bei Abhebung der 1000 Mark nicht ins Minus rutschen, erinnert sich Hartmut Krumm (71), damals Sparkassenmitarbeiter in Tübingen.

Dass er beim Geldabheben auf die Öffnungszeiten seiner Bank angewiesen war, brachte ein paar Jahre zuvor den Schotten John Shepherd-Barron (1925-2010) zum Nachdenken. 1965 kam Shepherd-Barron ins Grübeln – in der Badewanne, wie er 2007 dem Sender BBC erzählte. Kurzerhand erdachte der Manager einer Firma, die auch Banknoten druckte, einen Automaten, der Schecks prüfen und entwerten konnte und im Gegenzug Bargeld ausspuckte. Er stellte seine Idee der Großbank Barclays vor – und die griff zu. Am 27. Juni 1967 nahm die Bank in einer Filiale nahe London den ersten Automaten in Betrieb, der aber maximal zehn Pfund ausgab. „Aber das reichte damals für ein wildes Wochenende“, erklärte der Erfinder.

Viele Tübinger blieben jedoch zunächst skeptisch. Zwar zog die Kreissparkasse nach zehn Monaten eine positive Zwischenbilanz. Die Sicherheitskontrollen erschienen zuverlässig, anfängliche technische Störungen seien behoben, und es sei immer der richtige Geldbetrag ausgezahlt worden, hieß es in einem Bericht.

Doch gerade mal 125 Kunden hatten sich für die Automatennutzung angemeldet. Doch auch wenn die Kunden nicht Schlange standen, Aufsehen erregte der Automat doch. „Die Banker sind in Strömen zu uns gekommen, um sich das anzusehen“, erinnert sich der damalige Technik-Chef der Tübinger Sparkasse Werner Staiger. „Technisch waren wir immer vorne mit dabei.“ So wurden Anfang der 80er in Tübingen Automaten installiert, die verschiedene Stückelungen auszahlten. Der Durchbruch in Deutschland kam, als die Automaten im Foyer sowie im Außenbereich der Banken installiert wurden und damit rund um die Uhr nutzbar waren.

2015 war laut der Deutschen Kreditwirtschaft, des Dachverbands der deutschen Banken, der Höhepunkt erreicht: Bundesweit gab es 61 100 Geräte. Mittlerweile sinken die Zahlen. Ende 2017 wurden noch knapp 58 400 Geldautomaten in Deutschland gezählt. Gründe für den Rückgang: Mittlerweile kann man Bargeld an Kassen von Supermarkt-Ketten abheben, und einige Kunden bezahlen selbst kleine Beträge mit Karte. Der Online-Handel wächst, ebenso Online-Banking und Online-Bezahldienste.

Trotzdem lieben die Deutschen ihr Bargeld, wie die Studie „Zahlungsverhalten in Deutschland“ belegt. Danach werden drei von vier Einkäufen an der Ladenkasse mit Scheinen und Münzen beglichen. Vor allem Beträge unter fünf Euro zahlen die Deutschen gern in bar. Und eine klare Mehrheit (88 Prozent) der rund 2000 befragten Bundesbürger will auch in Zukunft mit Bargeld bezahlen können.

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