Fahrverbot für schmutzige Diesel? : Anwohner des Kieler Theodor-Heuss-Rings leiden unter den Belastungen

Marianne Johannsen putzt die Fenster ihrer Wohnung an der B76. Der Straßenabschnitt im Theodor-Heuss-Ring ist Kiels meistbefahrener und weist die höchste Stickstoffdioxid-Belastung auf.

Marianne Johannsen putzt die Fenster ihrer Wohnung an der B76. Der Straßenabschnitt im Theodor-Heuss-Ring ist Kiels meistbefahrener und weist die höchste Stickstoffdioxid-Belastung auf.

Wegen hoher Stickoxid-Werte drohen an der Verkehrsader erste Fahrverbote. Die Anwohner leiden nicht nur unter dem Lärm.

shz.de von
28. Mai 2018, 09:00 Uhr

Kiel | Ihre Fenster zur Straße öffnet Marianne Johannsen nur zum Saubermachen. „Das ist ja ganz schöner Lärm hier. Und Dreck auch“, sagt die Kielerin. Ihre Wohnung liegt direkt am Theodor-Heuss-Ring, einer viel befahrenen Verkehrsachse in Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt. Dort ist die Belastung mit Stickoxiden seit Jahren besonders hoch. Deshalb droht ein Fahrverbot für schmutzige Dieselfahrzeuge. Die 69-Jährige würde sich darüber freuen. „Dann wär das schön leise.“ Zumindest die „großen Brummer“ könnten nach ihrem Willen gerne andere Wege nehmen.

Die erlaubten Stickoxid-Emissionen werden am Theodor-Heuss-Ring deutlich überschritten. Nach vorläufigen Daten des Umweltbundesamts stand Kiel 2017 mit einer Belastung von 56 Mikrogramm Stickoxiden je Kubikmeter Luft – gemessen am Theodor-Heuss-Ring – zuletzt auf Platz acht der Städte mit schlechter Luftqualität in Deutschland, allerdings nach Verbesserungen zum Vorjahr.

Eine Luftmessstation steht an der B76.
Frank Molter, dpa

Eine Luftmessstation steht an der B76.

 

Marianne Johannsen wohnt seit 40 Jahren nur wenige Meter vom Messpunkt entfernt. Die Miete ist relativ niedrig. Rund 400 Euro zahlt sie für ihre 2,5-Zimmer-Wohnung. Doch der viele Verkehr vor ihrem Fenster bereitet ihr mittlerweile körperliche Probleme. „Morgens habe ich viel Husten“, sagt sie. Und durch den Lärm könne sie schlecht hören. „Das belastet mich schon ganz schön.“

Wenn es im Sommer warm wird, zieht sie zur Straßenseite die Rollos herunter, die Wohnung lüftet sie zur Hofseite. „Ich würde mir wünschen, dass weniger Autos fahren, die Lastwagen überhaupt nicht“, sagt die Kielerin. Die Lkw machten den meisten Lärm. Glauben mag sie daran aber nicht. „Wo sollen die denn alle hin?“ Dann gebe es das gleiche Problem schließlich an anderer Stelle.

Stickoxide können unter anderem Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen oder verschlimmern. Die Stadt Kiel will die Situation für die Anwohner des Theodor-Heuss-Rings verbessern, aber ein Fahrverbot für Diesel-Fahrzeuge möglichst umgehen. Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) fürchtet, dieses könnte in der Stadt sonst zu einem Verkehrschaos führen.

Diskutiert wird deshalb der Bau einer Schutzmauer. Doch viele Fragen sind noch offen: Wie hoch müsste sie sein, wie viel würde sie kosten und ließe sich eine Schutzwand baulich überhaupt realisieren? Für Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) kommen bauliche Maßnahmen zwar in Betracht. „Ob die aber reichen, ist ungewiss“, sagte er Mitte Mai. Der Grünen-Politiker hat eine klare Erwartung an die Stadt Kiel: „Ich würde mir als Emissionsschutzminister wünschen, dass es ein klares politisches Bekenntnis gibt, eine solche Maßnahme zu prüfen.“

Marianne Johannsen würde es schon reichen, wenn keine Lkw mehr durch die Straße fahren.
dpa

Marianne Johannsen würde es schon reichen, wenn keine Lkw mehr durch die Straße fahren.

 

Marianne Johannsen sieht den Bau einer Schutzmauer kritisch: „Dann kann man ja nirgends mehr hinsehen.“ An einen Wohnungswechsel hat die Kielerin bereits gedacht. Nach dem Tod ihres Mannes habe sie aber „ganz alleine nicht den Mut, noch einmal umzuziehen“.

Vielleicht muss sie das aber auch nicht. Das Umweltministerium arbeitet derzeit an einem Luftreinhalteplan. Im Verlauf der Woche will Minister Habeck der Stadt einen ersten Entwurf übermitteln. Auch Diesel-Fahrverbote am Kieler Theodor-Heuss-Ring schließt der Minister nicht kategorisch aus. Möglich wäre das, weil das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Diesel-Fahrverbote für bessere Luft in Städten nach geltendem Recht für grundsätzlich zulässig erklärt hat.

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