Kiel : Aktivisten in Kiel: Wer ist die Wagengruppe Schlagloch?

„Wagengruppe Schlagloch“: Die Aktivisten campierten noch am Freitag auf dem Rathausplatz. Zuvor hatten sie die Hörn „besetzt“.
„Wagengruppe Schlagloch“: Die Aktivisten campierten noch am Freitag auf dem Rathausplatz. Zuvor hatten sie die Hörn „besetzt“.

Obwohl sie in Wohnungen auf Rädern leben, finden sie keinen festen Platz in der Stadt. Jetzt sprechen die Aktivisten über ihre Vision und das Leben in Kiel.

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14. Mai 2018, 09:25 Uhr

Von sich reden machte die Wagengruppe Schlagloch zum ersten Mal im April 2017, als sie am Möbel-Kraft-Gelände Prüner Schlag campierte. Die Forderung der Aktivisten: Bezahlbarer Wohnraum für alle Kieler und städtische Flächen für alternatives Leben in Wagen. Nach zähen Verhandlungen mit der Stadt räumten die Aktivisten die Möbel-Kraft-Fläche und zogen nach eigenen Angaben zunächst auf den Hasseldieksdammer Weg, den Hornheimer Weg und die Hofteichstraße und überwinterten in der Edisonstraße (Wellsee). Vergangene Woche machte sich die Wagengruppe auf, die Hörn zu „besetzen“. Von dort zogen sie in einer Kundgebung mit hunderten Sympathisanten auf den Rathausplatz. Am Freitag rollten die Wagen weiter in die Ernestinenstraße in Gaarden. Im schriftlichen Interview sprachen die „Schlagloch“-Vertreter anonym über ihre Mission.
 

Was ist die Wagengruppe? „Wir sind eine Gruppe in Wagen lebender Menschen. Wir kämpfen für einen neuen Wagenplatz in Kiel, der für alle zugänglich ist und auf dem Begegnung und Teilhabe unabhängig von Geld, sozialer und kultureller Herkunft, geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung möglich ist. Wir wollen Brachflächen beleben und der Flächenversiegelung entgegenwirken. Wir sehen das Wagenleben als bezahlbare und nachhaltige alternative Wohnform“, sagen die Aktivisten.

Wie reagiert die Stadt Kiel auf? „Trotz andauernder Verhandlungen kam bis vor einigen Wochen von Seiten der Stadt lediglich die Aussage, mensch habe „keine Vakanzen“, um die Flächen zeitnah zu prüfen. Seit dem Aufruf zur Demo gibt es ein verstärktes Interesse, mit uns gemeinsam eine Lösung zu finden. Daraufhin wurden wir informiert, dass nahezu alle Flächen, die wir der Stadt vorgeschlagen haben, geprüft wurden. Für jede negativ geprüfte Fläche gab es fadenscheinige Gründe, aus denen ein Wagenplatz dort nicht möglich sei. Offensichtlich ist unser Kontostand nicht hoch genug, um diese Gründe aus dem Weg zu räumen“, sagen die Aktivisten.

Was wünschen sie sich von der Stadtpolitik? „In erster Linie bezahlbaren Wohnraum für alle. Und Brachflächen durch den Wagenplatz zu beleben, bis dort bezahlbarer Wohnraum gebaut wird“, sagen die Aktivisten.

Was sind die Pläne für die kommenden Wochen? „Es wird weitere Gespräche mit der Stadt geben, in denen über mögliche Flächen verhandelt wird. Uns wurde angeboten, bis auf Weiteres auf der Fläche in Wellsee zu bleiben. Für uns bedeutet das enorme Unsicherheit und Handlungsunfähigkeit, da kein Zeitraum oder Pachtvertrag vorgeschlagen wurde. Wir wollen aber handlungsfähig bleiben. Wir werden weiterhin klar und laut unsere Forderung nach einem Freiraum vertreten. Darum haben wir beschlossen, wieder in der Stadt unterwegs zu sein. Solange Kiel den Ausverkauf unserer Stadt nicht beendet und bezahlbare Wohn- und Freiräume immer seltener werden, kämpfen wir weiter“, sagen die Aktivisten.

Ist der jetzige Standort Ernestinenstraße eine Option?
„Seit vielen Jahren gibt es hier eine brachliegende Fläche. Die Wagengruppe Schlagloch befand sich im Sommer 2017 mit der Stadt im Gespräch über eine Nutzung. Da wir einen Platz brauchen, um die Wagen abstellen zu können und unser Konzept für die derzeitigen Aktionen lautet, sichtbar zu sein, sind wir hierher gezogen. Sie schien uns geeignet, um auf den Ausverkauf städtischer Flächen hinzuweisen. Laut Aussage der Stadt wurde diese an einen Investor verkauft, um eine Kita zu bauen. Nachdem wir seit Freitag diese Brache mit Leben füllen, haben wir interessante Gespräche mit Anwohnern geführt, die den Sachverhalt in einem anderen Licht erscheinen lassen“, sagen die Aktivisten.

Und welches ist das? „Offensichtlich sind die Informationen, über die unsere Gesprächspartner bei der Stadt verfügen, nicht aktuell oder wurden uns bewusst vorenthalten. Denn die Fläche an der Ernestinenstraße soll erst noch verkauft werden, um einen integrativen Waldorfkindergarten entstehen zu lassen, der die Lücke von 300 fehlenden Betreuungsplätzen in Gaarden um 80 reduzieren könnte. Das Tiefbauamt stellt sich mit Verweis auf die angeblich mangelhafte Parkplatzsituation quer und verhindert den Bau eines wichtigen Projekts, dessen Eröffnung für 2018 geplant war“, sagen die Aktivisten.

Die Ernestinenstraße wird jetzt wieder geräumt. Warum? „Wir wollen der Stadt und dem Tiefbauamt keine Steilvorlage für weitere Ausreden liefern, um das Projekt des Fördervereins, mit dem wir uns ausdrücklich solidarisch erklären, weiter zu verschleppen. Die Bürokratie mag langsam und träge sein, wir sind es nicht“, sagen die Aktivisten.

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