Kanaltunnel, B77, A7 : Wirtschaft in Rendsburg: „Es fehlt ein Baustellen-Koordinator“

Auch am Freitag verschwendeten Autofahrer ihre Zeit vor der nördlichen Tunnelzufahrt. Blick von der Berliner Brücke gegen Mittag.
Auch am Freitag verschwendeten Autofahrer ihre Zeit vor der nördlichen Tunnelzufahrt. Blick von der Berliner Brücke gegen Mittag.

Betriebe im Raum Rendsburg klagen über Lieferprobleme, steigende Kosten und abwandernde Mitarbeiter.

shz.de von
28. Mai 2018, 09:00 Uhr

Rendsburg | Zwei Jahre blieb es relativ ruhig. Die Unternehmer im Raum Rendsburg ertrugen die vielen Baustellen nördlich und südlich des Kanals notgedrungen und ohne Protest. Ein vom Unternehmensverband Mittelholstein (UVM) initiierter Autokorso 2016 war das letzte laute öffentliche Aufbegehren gegen die marode Verkehrsinfrastruktur und deren schleppende Erneuerung.

Jetzt geht das Sprachrohr der Wirtschaft erneut in die Offensive. „Wir brauchen einen Verkehrskoordinator für den Wirtschaftsraum“, fordert UVM-Geschäftsführer Michael Thomas Fröhlich. Anlass sind der Abriss und anschließende Neubau einer Straßenbrücke im Verlauf der B77, wenige hundert Meter nördlich des Kanaltunnels. Diese Großbaustelle in naher Zukunft, die seit sieben Jahren laufende Tunnelsanierung, die zu oft auslösende Höhenkontrolle sowie weitere Bauarbeiten entlang der A7, seit Monaten auch am Rendsburger Kreuz, legten die Nerven nicht nur bei vielen Autofahrern, sondern auch in den Betrieben frei, so Fröhlich. In einer am Freitag verbreiteten Mitteilung des UVM ist von „wachsendem Unmut“ in der Wirtschaft die Rede, von einer Stimmung, die „gen Null“ sinke.

Die Wut war am Mittwoch bei einem Unternehmerfrühstück mit Rendsburgs Bürgermeister Pierre Gilgenast zu spüren. Man traf sich beim Bauernverband. Einige Unternehmer ließen Dampf ab. Tom Emminghaus vom „Bauzentrum Zerssen“ zum Beispiel. Der Fachhandel befindet sich im Gewerbegebiet Friedrichstädter Straße. Es ist von Süden aus am besten über Tunnel und B77 zu erreichen. Emminghaus: „Für uns ist es viel schwerer als früher, Spediteure zu ermuntern, in den Stadtnorden zu fahren.“ Das habe schon zu Lieferengpässen geführt, so der Standortleiter. Spediteure verlangten einen Aufschlag. „In der Branche wird schon vom Rendsburg-Euro gesprochen.“ Der Fachkräftemangel werde durch den häufigen Verkehrskollaps am Tunnel dramatisch verschärft. „Mitarbeiter haben uns auch aus diesem Grund verlassen. Sie pendeln von Hohenwestedt lieber nach Kiel, als im Stau zu stehen.“

Eingebrochen seien zudem die Abholzahlen von Kunden südlich des Kanals. „Entweder sie fahren gleich woanders hin, oder sie lassen liefern. Dadurch haben wir erheblich höhere Kosten.“ Die Auslieferungstouren seien wegen der unberechenbaren Verkehrslage kaum noch planbar. Emminghaus: „Wir rechnen alle damit, dass sich die Lage weiter verschärft, wenn auch noch an der Eiderbrücke gebaut wird.“

Das befürchtet auch Wirtschaftsförderer Kai Lass. Er bestätigt den Ärger mit Spediteuren. „Einige erheben Aufschläge, wenn sie über den Kanal müssen. Oder es werden feste Zeitfenster außerhalb der Rushhour vorgegeben.“ Die Idee eines Baustellen-Managers begrüßt der Chef der Kreis-Wirtschaftsförderungsgesellschaft. „Wir haben viele Akteure, die sich mit den Straßen, Brücken und Tunneln befassen, aber man hat manchmal nicht das Gefühl, dass sie ausreichend miteinander kommunizieren.“ Gilgenast hält einen hauptamtlichen Kümmerer für „absolut erforderlich“. Trotz aller Abstimmungsgespräche bestehe großer Koordinierungsbedarf. Viele große Unternehmen hätten zunehmend Probleme, Personal langfristig an sich zu binden.

UVM-Vorsitzender Jens van der Walle verlangt ebenfalls eine deutlich bessere Abstimmung. Firmen verwerfen nach seiner Darstellung die Ansiedlung, da sie die Verlässlichkeit für Lieferanten und Mitarbeiter nicht mehr erkennen. „Die Region braucht jetzt ein verlässliches Baustellenmanagement, sonst droht der Verkehrskollaps.“

Die neue B77-Brücke über die Eider, nördlich des Rendsburger Stadtteils Hoheluft gelegen, wird voraussichtlich nicht vor Ende 2021 fertig sein. Einen belastbaren Zeitplan für Abriss und Neubau gibt es noch nicht. Matthias Paraknewitz vom Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr (LBV) in Rendsburg rechnet mit einer Netto-Bauzeit von zwei Jahren. Hinzu kommt die vorherige Fertigstellung eines vierspurigen Bypasses. Erst wenn dieser für den Verkehr freigegeben ist, kann der Abriss der alten Eiderbrücke beginnen. Sie gilt seit Jahren als Sorgenkind und darf nur noch befahren werden, weil sie mit hunderten Stahlklammern provisorisch verstärkt wurde. „2019 wird der Bau der Behelfsbrücke sicherlich beginnen“, schätzt Paraknewitz. In diesem Sommer fangen die Vorbereitungen an. Versorgungsleitungen müssen verlegt werden.

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