Urlaubs-Boom und wachsende Probleme : Tourismus in Schleswig-Holstein frohlockt mit „bombastischen Zahlen“

<p>Schleswig-Holstein ist bei Touristen beliebt, doch die Probleme werden sichtbarer.</p>

Schleswig-Holstein ist bei Touristen beliebt, doch die Probleme werden sichtbarer.

SH hat im Bereich Tourismus schon sein Umsatzziel für 2025 überboten. Der Fachkräftemangel wird ein ernstes Problem.

shz.de von
31. Mai 2018, 09:00 Uhr

Kiel | Gästezahlen, Übernachtungen, Umsätze – für den Tourismus in Schleswig-Holstein geht es immer weiter nach oben. Von bombastischen Zahlen sprach Minister Bernd Buchholz am Mittwoch in Kiel bei der Vorstellung des Sparkassen-Tourismusbarometers. Dieses steht unverändert auf „schön“. Doch Buchholz (FDP) sieht auch noch ungehobene Schätze im Binnenland, Fachkräftemangel als mittlerweile real existierendes, massives Problem und manches Gasthaus erinnert ihn an finstere Szenen im „Tatort“.

Wirtschaftssektor: Der Tourismus erwirtschaftete 2017 einen Bruttoumsatz von knapp 9,5 Milliarden Euro, 37,7 Prozent mehr als 2012. Die Tourismusstrategie sah bis 2025 ein Plus von 30 Prozent vor. Der Beitrag zum Volkseinkommen stieg auf 5,9 Prozent, die Zahl der Arbeitsplätze kletterte seit 2015 von 151.300 auf 168.000.

Reisende I: In den ersten drei Monaten dieses Jahres kamen 1,19 Millionen Übernachtungsgäste, 17,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Übernachtungen nur in Häusern ab zehn Betten nahm sogar um ein Viertel auf 4,12 Millionen zu. Das lag auch an Sondereffekten. So begannen die Osterferien diesmal schon im März. Und in die Statistik gingen 400 Betriebe mit 45.000 Betten mehr ein als vor einem Jahr. Ohne die Erweiterung blieb bei den Übernachtungen laut Beratungsgesellschaft dwif immer noch ein sattes Plus von 3,5 Prozent. Die Übernachtungszahl wird 2018 in Häusern ab zehn Betten auf mehr als 30 Millionen steigen – womit ein weiteres Ziel für 2025 schon erreicht wäre.

Reisende II: Von 232 Millionen Aufenthaltstagen von Touristen entfielen 2017 die meisten auf Tagesgäste aus dem Inland: fast 146 Millionen. Sie allein brachten einen Bruttoumsatz von gut 3,8 Milliarden Euro. Mit ihren Unterkünften sind die Gäste im Norden im Bundesvergleich überdurchschnittlich zufrieden, sagt dwif. Dessen Experte Karsten Heinsohn lobte die Entwicklung der Branche im Land insgesamt: „Im Vergleich der drei Küstenländer hat sich Schleswig-Holstein in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt.“

Reserven: „Wir dürfen uns nicht auf unseren Erfolgen ausruhen“, sagte Buchholz. So seien im Binnenland noch touristische Schätze zu heben. An der Schlei, in Angeln, in der Probstei, im Hinterland der Westküste und anderswo gebe es traumhafte Landschaften. „Da sind noch viele ausbaufähige Potenziale.“ Das Tourismusbarometer ergab auch, dass die Betriebe ihre Eigenkapitalquote erhöht haben. „Allerdings fällt auf, dass die Investitionsquote derzeit relativ niedrig ist“, sagte der Vize-Vorsitzende des Tourismusverbandes, Frank Behrens.

Schwerpunkte: Qualitätsverbesserungen nannte Buchholz die zentrale Herausforderung. Die Weiterentwicklung des Radtourismus, Barrierefreiheit als Wettbewerbsfaktor und Digitalisierung hob er ebenso hervor. Und: Die Gäste müssten auch gut her und zurück kommen. Stundenlange Staus auf Autobahnen und ein Desaster wie auf der Bahnstrecke nach Sylt seien da nicht hilfreich. Die Deutsche Bahn müsse ihre Verantwortung auch für den Tourismus wahrnehmen.

Fachkräfte: Jede 20. Stelle im Gastgewerbe ist laut dwif unbesetzt. Bei Lehrstellen war es 2017 sogar jede sechste. „Fachkräftemangel ist mittlerweile Realität“, sagte Buchholz. Einige Betriebe machten anders als früher auch während der Saison Ruhetage, sagte Tourismusverbands-Vize Behrens. Buchholz forderte, die Attraktivität der Jobs in der Branche zu steigern. Bei Arbeitskräftemangel werde der Markt eine bessere Bezahlung bewirken. Es könnten auch verstärkt Mitarbeiter aus dem Ausland geholt werden, und eine Chance für ins Land gekommene Schutzsuchende könne das laut Buchholz auch sein.

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