Künstlerhaus Otte : Künstler suchen Inspiration in Eckernförde

Finden Eckernförde für ihre Arbeit inspirierend: Marte Kiessling und Kai-Hendrik Windeleler.
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Finden Eckernförde für ihre Arbeit inspirierend: Marte Kiessling und Kai-Hendrik Windeleler.

Marte Kiessling aus Berlin und Kai-Hendrik Windeler aus Leipzig sind die aktuellen Künstlerstipendiaten im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus. Die bildenden Künstler finden Inspiration in Eckernförde.

shz.de von
18. Mai 2018, 08:30 Uhr

Was haben Werbezeitungen und Tackerklammern mit Eckernförde zu tun? Warum ist die Brachfläche in der Gartenkolonie am Schulweg interessant? Marte Kiessling aus Berlin und Kai-Hendrik Windeler aus Leipzig kennen die Antworten. Die beiden bildenden Künstler sind die aktuellen Stipendiaten im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus in der Ottestraße.

„Ich finde es spannend, was andere Orte mit sich bringen“, sagt Marte Kiessling. Sie lasse sich sehr gern von den jeweiligen Gegebenheiten inspirieren. Die 37-Jährige verbringt die Hälfte des Jahres in Künstlerresidenzen, war zum Beispiel schon in Japan und in Italien. Im Vergleich zu Berlin sei Eckernförde sauber und ordentlich, so Marte Kiessling, aber ihr sei aufgefallen, dass man an jeder Ecke umsonst viel Papier (Werbezeitungen) bekomme. Also habe sie beschlossen, das Papier in seine ursprüngliche Form als wilde Pflanze zurückzuführen – und dazu benutzt sie die Hände und den Tacker. Diese Arbeit unterscheidet sich sehr von ihrer eigentlichen – Kiessling arbeitet mit Video- und Lichtinstallationen. Ihr Thema ist das verlorene Paradies, was sie sowohl im ökologischen Sinne als auch auf persönlich-kultureller Art verstehen möchte. Sie erforscht die Lebensgeschichte ihrer 1956 verstorbenen Urgroßmutter, macht sich in Florenz auf die Suche nach ihrem zeitweiligen Wohnhaus, interviewt Verwandte und stellt aus dem Material eine Dokumentarfiktion her. Formen von Gedächtnisstrukturen und Transformationsprozesse von Erinnerungen, persönlicher, archivalischer oder architektonischer Art, sind auch das Thema von Kai-Hendrik Windeler. In der verlassenen Gartenkolonie am Schulweg begibt der 33-Jährige sich auf Spurensuche, sammelt sichtbare Strukturen, spricht mit den Menschen, untersucht die Prozesse ihrer Erinnerungen. Windelers künstlerisches Anliegen, eine dreidimensionale Installation mittels Licht, Video und Material zu schaffen, verbirgt auch gesellschaftspolitische Aspekte. Ein Beispiel ist seine Installation, die er im Kollektiv mit zwei anderen Künstlern im „situation room“ geschaffen hat. Er setzt Plattenbauelemente, auf denen sozialistische Schriftzüge aus der DDR-Zeit zu lesen sind, in eine neue Beziehung. „Auch Architektur birgt Erinnerung“, so Windeler.

Der Ursprung der Motivation, sich mit Erinnern, Vergessen und Wahrnehmung zu beschäftigen, ist wie bei Marte Kiessling in der Familie zu suchen. Das Dia-Archiv seines Vaters war seine erste Quelle, um Erinnerung zu untersuchen. Stimmte seine eigene mit der Wirklichkeit auf den Bildern, die ihn als kleines Kind zeigten, überein? Heute sind es You Tube, Fernsehen und andere Dienste, die die Menschen mit Bildern überfluten. Windeler geht der Frage nach, wieweit sie das Gedächtnis trüben, denn durch die Masse an Medienbildern reflektiere der Mensch sie nicht mehr. Die Vorsitzende des Künstlerhauses, Jutta Johannsen, begrüßt die Absicht der beiden, im September eine gemeinsame Ausstellung im Künstlerhaus zu organisieren.

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