Bahnverkehr : Verspätet von Hamburg nach Sylt - Entschädigungsantrag von Student angeblich in Reisezentrum zerrissen

Ein Haufen Papierfetzen – das von einer DB-Mitarbeiterin zerrissene Formular.
Ein Haufen Papierfetzen – das von einer DB-Mitarbeiterin zerrissene Formular.

Ein Sylter Student, der am Freitag mit zweistündiger Verspätung aus Hamburg auf seiner Heimatinsel gelandet war, hatte ein ganz besonderes Erlebnis: Sein Antrag auf Entschädigung wurde im Reisezentrum kurzerhand zerrissen.

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15. Mai 2018, 08:00 Uhr

Das Wetter ist traumhaft, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten strömen zahllose Gäste auf die Insel Sylt. Engpässe bei den Auto- und Personenzügen lassen sich kaum vermeiden. Fahrgäste berichten von schlimmen Zuständen, vor allem am Himmelfahrtstag. Ein Sylter Student, der am Freitag mit zweistündiger Verspätung aus Hamburg auf seiner Heimatinsel gelandet war, hatte ein ganz besonderes Erlebnis: Sein Antrag auf Entschädigung wurde im Reisezentrum kurzerhand zerrissen.

Mit Recht und Gesetz kennt sich Robin Koza aus – er steht kurz vor dem Jura-Examen. Minutiös hatte der 24-jährige Tinnumer das Fahrgastrechte-Formular ausgefüllt, das er vom Schaffner im Zug erhalten hatte – mit Angaben über die Zugnummer, die planmäßige Abfahrt, die planmäßige Ankunft, die tatsächliche Ankunft, die Zugnummer des IC, in den er in Husum umsteigen musste. Am Freitag war er von Hamburg-Altona nach Westerland gefahren. „Wie so oft hatte der Zug eine erhebliche Verspätung“ – Koza spricht von 143 Minuten. Überrascht hatte ihn das nicht. Was ihn aber erschrocken hat, ist der Umgang der DB mit den Fahrgastrechten, die seit 2009 verbrieftes Recht aller EU-Bürger sind.

Am Sonnabend, so berichtet Robin Koza, sei er in das Reisezentrum im Bahnhof Westerland gegangen und habe einer DB-Mitarbeiterin das Formular übergeben – mit der Bitte um Erstattung der ihm zustehenden Hälfte des Reisepreises. „Die Mitarbeiterin hat das Formular keines Blickes gewürdigt und sofort vor meinen Augen in kleine Stücke zerrissen und in den Mülleimer geworfen.“ Das Formular sei falsch, habe sie ihm erklärt, und ihm stattdessen den Prospekt mit der Nah.SH-Garantie ausgehändigt. Er müsse seinen Antrag an die Nah.SH richten, die Nahverkehrsgesellschaft des Landes. Sie als DB-Mitarbeiterin sei die falsche Ansprechpartnerin.

Der Jura-Student sieht seine Fahrgastrechte gleich in dreierlei Hinsicht beschnitten: Erstens müsse das Eisenbahnunternehmen seine Fahrgäste von einer Verspätung informieren, sobald sie bekannt ist. In der DB-Navigator-App habe er bereits unterwegs auf seinem Handy lesen können, dass sein Zug nicht bis Westerland durchfahren wird. Aber erst kurz vor Husum habe der Zugbegleiter den Passagieren mitgeteilt, dass sie in Husum umsteigen müssen. „Vor allem die älteren Fahrgäste fielen aus allen Wolken.“

Zweitens hätten die Passagiere bei Verspätungen von mehr als 60 Minuten einen Anspruch auf kostenlose Mahlzeiten und Erfrischungen, sofern diese im Zug oder im Bahnhof verfügbar oder lieferbar sind. Ein Cateringservice sei an Bord gewesen, doch Kozas Bitte um ein kostenloses Wasser habe der Mitarbeiter abgelehnt. Er sei nicht für die DB Regio tätig.

Drittens sei sein Entschädigungsanspruch vorsätzlich vereitelt worden, als die DB-Mitarbeiterin im Reisezentrum sein Formular zerstört hat. „Dies ist inakzeptabel und kann so nicht stehen bleiben.“

Bei einem Telefonat mit Nah S H sei er dagegen auf offene Ohren gestoßen, berichtet der Tinnumer. Dort sei eine Mitarbeiterin entsetzt und beschämt gewesen, dass sein Anliegen in Westerland derart abgewiesen wurde. Nah.SH habe umgehend auf seine Forderung reagiert: „Binnen der nächsten Woche wird die Landeskasse Ihnen die Entschädigungssumme von 16,20 Euro überweisen“, heißt es in der Bestätigungsmail.

Die Stellungnahme der Hamburger DB-Pressestelle zu dem Vorfall fällt kurz und knapp aus: „Wir werden mit der Mitarbeiterin sprechen“, antwortete Egbert Meyer-Lovis auf unsere Anfrage. Selbstverständlich solle im Reisezentrum eine Beratung gewährleistet sein. Aber: „Für Nahverkehrstickets gelten die Fahrgastrechte der Nah.SH und nicht des Fernverkehrs.“

Dennis Fiedel von Nah.SH erklärt die Situation anders: Wer eine Fahrkarte des SH-Tarifs hat, profitiert bereits bei Verspätungen ab 20 Minuten von der freiwilligen Nah.SH-Garantie und erhält die Hälfte des Fahrpreises zurück. Der Antrag muss innerhalb von drei Tagen unter www.nah.sh, telefonisch, per Mail oder per Post gestellt werden. „Bis 119 Minuten Verspätung ist die freiwillige Nah.SH-Garantie günstiger, ab 120 Minuten sind die freiwillige und die gesetzliche Regelung preislich gleichwertig.“ Nach Fiedels Auffassung hätte die DB-Mitarbeiterin daher das Fahrgastrechte-Formular von Robin Koza entgegennehmen müssen.

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