Handarbeit am High-Tech-Hafen : Hamburg wie vor 40 Jahren: Kaffee per Hand von Segelschiff gelöscht

<p>Alles Handarbeit: Ein Freiwilliger schleppt einen Kaffeesack an Land.</p>

Alles Handarbeit: Ein Freiwilliger schleppt einen Kaffeesack an Land.

Deutschlands einziges Öko-Segelfrachtschiff macht in Hamburg fest. Per Hand und Lastenrad gehen die Bohnen weiter - quasi Handarbeit im High-Tech-Hafen.

shz.de von
15. Mai 2018, 07:50 Uhr

Hamburg | Als sei ein Fenster zur Vergangenheit aufgegangen: Im Hamburger Hafen ist gestern zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren ein Frachtsegler per Hand entladen worden. Dutzende Freiwillige hievten am Hafenmuseum 18,5 Tonnen Kaffee- und Kakaobohnen vom Gaffelschoner „Avontuur“.

In einem schweißtreibenden Prozedere brachten die meist jungen Helfer die 69-Kilo-Säcke per Sackkarre und Seilzug vom Ponton auf den Kai, bevor die Waren auf Lastenfahrrädern zum Lager in der Speicherstadt gelangten. Das Revival der Hafenhandarbeit schließt die Lücke zwischen biologischer Produktion in lateinamerikanischen Kooperativen und umweltbewussten Konsumenten.

Hamburgs erster CO2-freier Kaffe sei etwas ganz Außergewöhnliches, freute sich Umweltsenator Jens Kerstan als Zeuge der Schwerstarbeit am Bremer Kai. Einem der Abnehmer der emissionsfrei gesegelten Ladung überreichte Kerstan die Urkunde als Umweltpartner der Stadt. 

Der Hamburger Verein El Rojito erhält zwei Tonnen nachhaltig erzeugten Arabica-Kaffee aus Nicaragua und veredelt die Bohnen in Trommelröstung zur Eigenmarke „Café Vela“. „Wir übernehmen Verantwortung für einen solidarischen, ökologischen und nachhaltigen Handel“, sagte Projektkoordinator Roman Witt. 

Das gute Ökogewissen hat seinen Preis. Rund 30 Euro pro Kilo kostet der makellos umweltfreundlich angebaute und verschiffte Kaffee, berichtete Witt, rund 50 Prozent mehr als in der konventionellen Variante. Dass er die Zeit mit der Nostalgie-Aktion zurückdrehen kann, glaubt er nicht. „Café Vela“ sei keine Alternative zum globalen Warentransport, aber doch „ein starkes Symbol“. Weitere Abnehmer der Ladung sind ähnliche Vereine und Firmen in Leipzig, Freiburg und Österreich.

Die „Avontuur“ ist laut Kapitän und Miteigner Cornelius Bockermann Deutschlands einziger Öko-Frachtsegler. Der 98 Jahre alte und 43 Meter lange Zweimast-Schoner mit Heimathafen Elsfleth an der Weser befördert seit 2014 auch Tee, Honig, Rum, Wein und anderes über die Weltmeere. Knapp zwei Monate hat Bockermann mit seiner sechsköpfigen Stammcrew für die Tour von Mexiko über mehrere Stationen in die Hansestadt gebraucht. „Das ist unsere erste Ladung Kaffee für Hamburg“, sagte der Kapitän zufrieden und hofft auf weitere Aufträge.

Laien fühlten sich angesichts des emsigen Treibens am Bremer Kai in die Vor-Container-Ära zurückversetzt. Auch viele Ehrenamtliche des Hafenmuseums verfolgten den manuellen Löschvorgang mit Interesse, darunter der leicht amüsiert wirkende Karl Heinrich Altstaedt (79). Vor 40 Jahren stand er selbst am Ladekran und kontrollierte als Tallymann die Waren. Als PR-Maßnahme sei die Sache ja ganz unterhaltsam, urteilte Altstaedt, „von der Arbeit her aber ist das Spielkram“. Viele Details entsprächen einfach nicht der Wirklichkeit von damals: „Eine Deern mit Kleid im Laderaum – das hat’s früher nicht gegeben.“

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