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Keine tierischen Produkte – aus Überzeugung : Vegan leben: Hip, aber auch gesund?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wer aus ethischen Gründen auf tierische Lebensmittel verzichtet, muss auf eine ausreichende Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen achten.

shz.de von
erstellt am 26.Mai.2014 | 16:25 Uhr

Kiel | Selbstversuch: Die Nudelreste vom Vortag – natürlich Hartweizennudeln –, eine Dose passierte Tomaten, scharfe Paprikapaste, Pilze. Das sieht schon ganz gut aus. Auf den Esslöffel Creme Fraiche verzichten wir natürlich. Doch dann der erste Fehltritt: der Griff zum Parmesankäse. Ein schwerer Verstoß gegen die strengen Regeln, die sich die Veganer selbst auferlegt haben. Sie lehnen nicht nur den Verzehr von Fleisch ab – wie es Vegetarier tun – sondern meiden alle tierischen Produkte. Also auch Eier, Milch und damit auch Käse. Als es dann nach dem Essen Kaffee schwarz gibt, wird der Versuch frustriert abgebrochen. Ohne Milch – nein danke!

Andere finden Gefallen daran: Immer mehr Menschen ernähren sich aus ethischen, ökologischen sowie gesundheitlichen Gründen vegan. Auch Gastronomie und Supermärkte stellen sich zunehmend auf diese Zielgruppe ein. Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich vegan leben, ist nicht bekannt. Ihre Zahl dürfte zwischen 80.000 (Nationale Verzehrstudie) und zehn mal so vielen, wie der Vegetarierbund schätzt, liegen.

„Veganer haben wie Vegetarier gute Argumente für ihren Lebensstil: Die Folgen des hohen Fleischkonsums wie Klimawandel, nicht artgerechte Tierhaltung unter ständigem Antibiotikaeinsatz oder Zivilisationskrankheiten sind gravierend“, gibt Ernährungswissenschaftlerin Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein zu. „Zu hohe Cholesterinwerte, Diabetes oder Übergewicht, das sieht man bei Veganern sehr selten.“

Trotzdem ist Köster skeptisch: „Man muss schon klare Regeln beachten und muss Kenntnisse darüber haben, was der Körper braucht, sonst kann das gehörig schief gehen“, warnt sie. Wegen möglicher Mangelversorgung rät sie dringend davon ab, Kinder vegan groß zu ziehen.

Desillusionierend sind auch ihre Erkenntnisse über die Qualität veganer Lebensmittel. „Über Analogkäse haben wir uns den Mund zerrissen, für Veganer ist das Käse-Imitat plötzlich die Alternative schlechthin, das ist schon bedenklich.“ Viele vegane Lebensmittel werden durch Farb- und Aromastoffe so zubereitet, dass sie aussehen und schmecken wie Fleisch oder Milchprodukte, berichtet sie. Schlimmer noch: „Da sind schon einige Fett- und Zuckerbomben oder Produkte mit viel Salz und Zusatzstoffen dabei, für die auch noch tief in die Tasche zu greifen ist.“ Nicht jedes vegane Lebensmittel sei deshalb ein tolles Lebensmittel, so Köster.

Zudem mache sich der Trend zu Convenience-Produkten auch bei den Veggies breit. Erst vor kurzem hat Kösters Kollegin Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg 20 vegane Fertigprodukte unter die Lupe genommen. Ihr Urteil: „Es gab gute Produkte im Test, es gab aber auch welche, wo wir einiges zu bemängeln hatten.“ Bei vielen habe sich das Attribut „nachhaltig“ nicht bestätigt, einige Hersteller wollten die Herkunft ihrer Rohstoffe lieber geheim halten. Gefunden haben die Hamburger in den schönen Verpackungen dafür reine Industrienahrung. Viele der Produkte seien zu salzig und zu fettig, befanden sie. Eine vegane Frikadelle brachte es sogar auf 35 Prozent mehr Fett als eine vergleichbare Boulette aus Fleisch, berichtet Köster.

Weiterhin wird das Fehlen eines einheitlichen Siegels bemängelt. Es könnte den Verbrauchern Schutz und Orientierung beim Einkauf bieten. Hingegen gäbe es viele verschiedene Siegel, die teilweise von den Herstellern selbst stammen. Und auch bei veganen Produkten gibt es viel Etikettenschwindel. Beispiel: Ein Hersteller wirbt mit großen Walnüssen auf der Verpackung seines Brotaufstrichs, obwohl nur zwei Prozent Walnussöl enthalten sind.

Wer vegane Ernährung trotzdem ausprobieren will, sollte auf Folgendes achten: Es gilt Getreide mit Hülsenfrüchten oder Sojaprodukten zu kombinieren. Die Sojaprodukte enthalten viel Eiweiß, das unter anderem wichtig für den Muskelaufbau ist. Haferflocken und Sojajoghurt sind nach Meinung der Verbraucherschützer zum Beispiel eine gute Kombinationsmöglichkeit.

Da der Körper Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln schwerer aufnehmen kann als aus tierischen, ist es auch sinnvoll, zu Obst und Gemüse immer einen Vitamin-C-haltigen Saft zu sich zu nehmen. Das Vitamin verbessert die Eisenaufnahme. Um einem Kalziummangel vorzubeugen, empfiehlt die Verbraucherzentrale, kalziumreiches Mineralwasser zu trinken.

Und: Wer sich nur pflanzlich ernährt, sollte seine Blutwerte regelmäßig vom Arzt überprüfen lassen, um eventuellen Nährstoffmängeln schnell auf die Spur zu kommen. Oft helfen dagegen dann nur Lebensmittel, die mit den Stoffen angereichert sind, oder Nahrungsergänzungsmittel.

„Veggie-Trend“ – Infos rund um die vegetarische und vegane Ernährung: 2. Juni, 18.30 Uhr Verbraucherzentrale Norderstedt, Rathausallee 38, 22846 Norderstedt. Anmeldung unter: 040/52 38 455, E-Mail: norderstedt@vzsh.de
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