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Grüner Glanz - Nachhaltige Hotels tun Gutes und sprechen darüber

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Wien (dpa/tmn) - Fallen lassen war gestern. Benutzte Handtücher hängen Hotelgäste meistens auf - der Umwelt zuliebe. Denn was hängt, wird nicht gewaschen. Darauf weist inzwischen fast jedes Hotel im Bad hin. Wirklich nachhaltigen Häusern reicht das aber nicht.

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erstellt am 29.Mai.2013 | 11:33 Uhr

Wien (dpa/tmn) - Fallen lassen war gestern. Benutzte Handtücher hängen Hotelgäste meistens auf - der Umwelt zuliebe. Denn was hängt, wird nicht gewaschen. Darauf weist inzwischen fast jedes Hotel im Bad hin. Wirklich nachhaltigen Häusern reicht das aber nicht.

Grüne Aufkleber erinnern den Gast an seine gute Tat. Etwa zehn in jedem Zimmer. Am Lichtschalter, am Fernseher, am Klo oder da, wo man im Hotel eigentlich die Minibar erwartet. «21 000 Kilogramm CO2 sparen wir ohne die Minibars», sagt Michaela Reitterer. Sie leitet das «Boutiquehotel Stadthalle» in Wien, das damit wirbt, das weltweit erste Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz zu sein. Ihre Gäste wollen nicht nur zu Hause Müll trennen und Bio essen, sondern mit den guten Taten auch in den Ferien nicht aufhören. Für das gute Gewissen klebt überall dort ein grüner Punkt, wo der Gast der Umwelt besonders wenig schadet.

Immer mehr Urlauber wollen mit gutem Gewissen reisen, wie die jüngste Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) zeigt. Anfang 2013 gaben 40 Prozent der Befragten an, dass sie sich einen ökologisch einwandfreien Urlaub wünschen. Im Januar 2012 waren es noch 31 Prozent. Sozialverträglichen Urlaub, also faire Arbeitsbedingungen und Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung am Urlaubsort, wünschten sich sogar 46 Prozent. Die vom Kieler Institut NIT erhobenen Zahlen wurden auf der Reisemesse ITB in Berlin (6. bis 10. März) vorgestellt.

Die grünen Gastgeber erinnern ihre Gäste nur allzu gern an die gute Tat. «Jeder Hotelier ist gut beraten, wenn er die Dinge, die er für die Umwelt tut, auch kundtut», sagt Harald Zeiss. Der Professor für Tourismusmanagement ist Geschäftsführer des Instituts für nachhaltigen Tourismus in Hannover und leitet das Nachhaltigkeitsmanagement bei Tui Deutschland. Tui bietet unter anderem mit dem «Dorfhotel Fleesensee» nahe der Müritz ein nachhaltiges Hotel an.

Neben Minibarverzicht und Sparspülung gibt es viele weitere Stellschrauben, an denen Hotels drehen können. Hotelleiterin Reitterer hat zum Beispiel einen Vertikalgarten an der Fassade ihres Hotels anlegen lassen, der das Raumklima verbessert und den Schall dämpft. Die gesamte verbrauchte Energie des Hauses erzeugen Photovoltaik-Anlagen und eine Wasserwärmepumpe. Die Gardinen, Polstermöbel und Bettbezüge sind aus recycelten Stoffen, und durch die Toiletten fließt Regenwasser.

Einiges davon klingt nach hohen Investitionskosten. Viele Gäste würde es deshalb auch nicht überraschen, wenn sie für einen Urlaub mit gutem Gewissen tiefer in die Tasche greifen müssten, sagt Petra Thomas vom Forum Anders Reisen. «Kunden erwarten, dass Nachhaltigkeit teuer ist, weil es früher bei den Bio-Produkten auch so war. Das ist aber de facto nicht so.»

Das sieht der Nachhaltigkeitsexperte des Deutscher Tourismusverbands (DTV), Dirk Dunkelberg, ähnlich. Durch nachhaltiges Wirtschaften sparen die Hotels Energie. «Und das macht sich in den Preisen bemerkbar.» Außerdem seien die Kosten vieler Maßnahmen sehr gering, merkt Zeiss an. «So ein Durchlaufbegrenzer am Wasserhahn zum Beispiel, der kostet nur ein paar Euro.» Nicht teuer sei auch die mit der Klimaanlage gekoppelte Balkontür - die Anlage schaltet sich automatisch aus, wenn man die Tür öffnet. «Diese Dinge kosten nur wenig extra und amortisieren sich schnell.»

Nachhaltigkeit sei allerdings auch zu einem Modewort geworden, kritisiert Dunkelberg. «Es ist halt auch schick, mit diesem Begriff umzugehen.» Ob ein Hotel tatsächlich umwelt- und sozialverträglich wirtschaftet, oder ob es nur Etikettenschwindel betreibt, ist laut Petra Thomas für Gäste relativ leicht durchschaubar. «Am besten am Frühstücksbuffet.» Dort sollte das Haus Marmelade oder andere Aufstriche nicht in Plastikverpackungen anbieten. Besser seien Glasschälchen.

Außerdem sollte es Bio-Lebensmittel und regionale Produkte geben. Die Mitarbeiter sollten auf Nachfragen konkrete Antworten geben können, sagt Zeiss. Zusätzlich können sich Gäste an Gütesiegeln orientieren. Es gibt deutschlandweite Zertifikate wie Viabono, aber auch internationale wie Green Globe oder Earth Check.

«Das Thema Nachhaltigkeit ist kein Hype, sondern etwas, was uns langfristig begleiten wird», kündigt Zeiss an. Die Motive dafür sind nach Einschätzung von Dunkelberg allerdings oft: eine idyllische Umgebung und gute Luft am Urlaubsort - also Vorteile für sich selbst. Den Gast treibe die «Sehnsucht nach einer heilen und unvermüllten Welt». Und dem Gewissen tut ein nachhaltiger Urlaub ebenfalls gut. Manch einem Gast genügt es da nicht einmal, sich dessen im Hotel stets bewusst zu sein - offenbar soll auch zu Hause noch ein bisschen grüner Glanz nachschimmern. Die grünen Punkte müssen Reitterer und ihre Kollegen jedenfalls regelmäßig nachkleben. «Weil die Gäste die so oft abziehen und mitnehmen.»

Forum Anders Reisen

Mehr zum Nachhaltigkeitszertifikat Viabono

Infos zu Green Globe

Webseite zu Earth Check (engl. / franz. / span.)

DTV über nachhaltigen Tourismus

Webseite zur Reisemesse

Ob Schwan, Schwalbe oder Steinbock - Labels für nachhaltige Tourismus-Angebote gibt es viele. Der Verbraucher verliere da zwar schnell den Überblick, sagt Martina Kohl, Tourismusexpertin der Umweltschutzorganisation WWF Deutschland. Eine Orientierung böten sie aber trotzdem. Denn wenn ein Hotel ein Zertifikat trägt, das ihm besonderes Engagement in sozialen und Umweltbelangen bescheinigt, sei das grundsätzlich ein gutes Zeichen. Welches Label das genau sei, spiele dabei eher eine untergeordnete Rolle.

Ein Zertifikat beweise immerhin schon mal, dass sich der Hotelier Gedanken um das Thema macht und sich bemüht, Kriterien einzuhalten, sagt Kohl. Häuser, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben, aber kein Zertifikat vorweisen können, setzten sich möglicherweise eher halbherzig für das Thema ein. Glaubwürdig seien vornehmlich Zertifikate, die nicht hauseigen seien, sondern von unabhängigen Gutachtern stammten.

Kohl weist aber auch darauf hin, dass Häuser ohne Label nicht grundsätzlich weniger nachhaltig seien. Verbraucher könnten nur schwieriger nachvollziehen, welche Kriterien die Hotels erfüllen. Nachhaltigkeitssiegel gebe es in erster Linie für einzelne Hotels. Aber auch Veranstalter, Hotelketten, Reisebüros oder ganze Regionen können sich zertifizieren lassen. Die meisten Siegel seien länderspezifisch. «Die kann man nicht miteinander vergleichen.»

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