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Fünf Jahre nach „Deepwater Horizon“ : Der klebrige Dauergast: Elf der größten Ölkatastrophen

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Aus der Onlineredaktion

Die Explosion der BP-Bohrinsel „Deepwater Horizon“ ist beispiellos. Wie bei allen Ölkatastrophen bleibt das wahre Ausmaß unklar. Ein globaler Blick auf die großen und die schleichenden Unglücke mit der dunklen Ressource.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2014 | 05:30 Uhr

New Orleans | Die Liste der durch Menschen hervorgebrachten Ölkatastrophen ist lang, wenngleich nicht alle dieser Unglücke sich so eindrücklich in den Köpfen festgebrannt hat, wie jenes, das vor nunmehr fünf Jahren im Golf von Mexiko geschah. Kilometerweit waren in jener Nacht die Flammen zu sehen, als sich auf der schwimmenden Bohrplattform „Deepwater Horizon“ Gas entzündete und nach einer Explosion einen Großbrand auslöste.

Für die 126 Arbeiter begann ein Kampf ums Überleben. 36 Stunden brannte „Deepwater Horizon“, ehe sich die Metallkonstruktion verbog und schließlich im brennenden Meer versank. Auf den Tod von elf Menschen folgte die schwerste Ölkatastrophe in der Geschichte der USA. Aus dem Loch sprudelte nach dem Unglück monatelang Erdöl ins Wasser. Denn es gelang erst nicht, das Loch zu schließen.

Ein Blick auf die großen Öl-Katastrophen der Vergangenheit.

1. Lakeview-Blowout

Foto: Wikipedia

Die Mutter aller Ölkatastrophen: Schon 1910 ereignete sich in Lakeview, Kalifornien, der größte registrierte Blowout (ungehindertes Austreten) in der Geschichte der USA. Die Sicherheitstechnik war dem Druck der Lakeview-Quelle bei der 740 Meter tiefen Bohrung nicht gewachsen. Bohrlochabsperrventile mussten erst noch erfunden werden. Ein Teil der Einfassung am Bohrloch zerbrach, so dass insgesamt 1,23 Mio. Tonnen Rohöl ausflossen. Erst nach 18 Monaten war das Leck unter Kontrolle.

2. Ixtoc-Explosion

Foto: Wikipedia

Ixtoc I war eine Explorationsbohrung im Auftrag der staatlich mexikanischen Erdölgesellschaft PEMEX im südlichen Golf von Mexiko. Bei einer Tiefe von etwa 3500 Metern versagte im Juni 1979 die Bohrspülung, die Arbeiter zogen daraufhin den Bohrstrang aus dem Loch. Nach einer gewaltigen Explosion sank die Bohrinsel ins Meer. 297 Tage lang strömte das Öl aus dem Loch am Meeresgrund direkt ins Wasser. Die Schätzungen für die Gesamtmenge des ausgetretenen Rohstoffs betragen 440.000 bis 1,4 MioTonnen.

3. Inferno vor Amrum: die Pallas

Die niederländische Bergungsplattform „Barbara“(r.), ist am Frachter „Pallas“ (M.) im schleswig-holsteinischen Wattenmeer vor der Insel Amrum befestigt (Archivfoto vom 18.11.1998).
Die niederländische Bergungsplattform „Barbara“(r.), ist am Frachter „Pallas“ (M.) im schleswig-holsteinischen Wattenmeer vor der Insel Amrum befestigt (Archivfoto vom 18.11.1998). Foto: dpa

Dass auch Schleswig-Holstein nicht vor Öl-Katastrophen gefeit ist, davon kann man bis heute bei Ebbe Zeugnis nehmen. Am 25. Oktober 1998 ging bei den dänischen Behörden eine alarmierende Meldung ein: 60 Seemeilen vor Esbjerg trieb mit der Strömung der Holzfrachter „Pallas“ brennend und steuerlos in der Nordsee nach Süden. Nach einer tagelangen Irrfahrt in Richtung deutsche Bucht strandete das Schiff am 6. November etwa zehn Kilometer südwestlich der Insel Amrum. Es verlor etwa 244 Tonnen gebunkertes Öl. Nach Einschätzung von Experten hat die Havarie die bis heute größte Ölpest im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer verursacht. 16.000 Seevögel aus 32 verschiedenen Arten verendeten laut Bilanz der Umweltorganisation WWF.

4. Havarie der Exxon Valdez
 

Arbeiter versuchten, die Küstenlinie bei Prince William Sound vom klebrigen Öl zu säubern.
Arbeiter versuchten, die Küstenlinie bei Prince William Sound vom klebrigen Öl zu säubern. Foto: dpa

Der Kapitän der Exxon Valdez befand sich am 24. März 1989 betrunken in seiner Kammer, als der Öltanker vor der Küste von Alaska auf ein Riff lief. 37.000 Tonnen Rohöl entkamen und verseuchten 2000 Kilometer der Küste. Begünstigt durch das mangelnde Krisenmanagement der Küstenwache weitete sich das Vermächtnis des Tankers vor 25 Jahren zu einer der größten Umweltkatastrophen der Seefahrt aus, das Tausende von Wildtieren in einen qualvollen Tod riss. Bis heute hat sich das sensible Ökosystem noch nicht erholt. Die Exxon Valdez war nach Reparatur noch viele Jahre als Erzfrachter im Einsatz - bis zum Beginn ihrer Verschrottung 2012. Der Öl-Multi Exxon zahlte 4,4 Milliarden US-Dollar für die Beseitigung der verursachten Schäden. Doch die Auswirkungen sind ein Vierteljahrhundert später immer noch evident, da Rohöl bei den niedrigen Temperaturen nur sehr langsam abgebaut wird.

Immerhin stieß die Katastrophe eine Debatte über die Sicherheit von Öltransporten an. Schon bald legten die USA eine Richtlinie fest, wonach alle Tankerneubauten über eine Doppelhülle verfügen müssen, um an US-Häfen anlegen zu dürfen. Laut Beschluss der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation dürfen ab 2015 nur noch doppelwandige Tanker auf den Weltmeeren unterwegs sein.

5. Ölhahn als Kriegswaffe

Der Golfkrieg hinterließ die zweitgrößte Ölpest aller Zeiten.
Der Golfkrieg hinterließ die zweitgrößte Ölpest aller Zeiten. Foto: dpa

Während des Golfkriegs im Januar 1991 öffneten irakische Soldaten die Ventile am Sea-Island-Öl-Terminal, bombardierten Lagestätten und entließen das Öl von mehreren Tankern in den Persischen Golf. Die gigantische Menge von einer Milliarde Liter Erdöl wurden so ins Meer freigesetzt - die bis dahin größte marine Ölkatastrophe. Vor allem die Küste Saudi-Arabiens und Süd-Kuweits bekam die Auswirkungen zu spüren. Auch wenn die Zerstörung weitgehend in Vergessenheit geraten ist, ist das Ausmaß der Katastrophe in der Region weiterhin spürbar. Forscher vermuten, dass es noch Jahrzehnte dauern wird, bis die Ökosysteme an der Arabischen Küste sich regeneriert haben. Die Ölpest zerstörte die gesamte Vegetation der Salzmarschen. Millionen Wildtiere starben oder verloren ihren Lebensraum.

6. Pipeline-Leck an der Taiga

Foto: Imago

1994: Aus einer der maroden Leitungen, die sich viele Zehntausend Kilometer über den russischen Subkontinent hinweg erstrecken, strömten große Mengen Öl aus. Große Teile der Taiga wurden über viele Jahre verpestet. Journalisten und Beobachter der Umweltorganisation Greenpeace wurden vom Unglücksort ferngehalten, so dass genaue Angaben über das Ausmaß des Unglücks bis heute nicht verfügbar sind. Die Schätzungen über die Schadensmenge gehen daher deutlich auseinander. Die russische Regierung legte sich auf 14.000 Tonnen fest. Zeugen, die das Unglück aus der Vogelperspektive sahen, gehen jedoch von einer bis zu 20 Mal größeren Katastrophe aus.

7. Bruch der „Prestige“

November 2002: Der in zwei Teile gebrochene Öltanker „Prestige“ sinkt vor der Nordwestküste Spaniens bei Caion.
November 2002: Der in zwei Teile gebrochene Öltanker „Prestige“ sinkt vor der Nordwestküste Spaniens bei Caion. Foto: dpa

Der Untergang des Öltankers „Prestige“ führte 2002 zur größten Umweltkatastrophe in der Geschichte Spaniens. Das in die Jahre gekommene Schiff war am 13. November 2002 bei einem Sturm rund 50 Kilometer vor der Küste Galiziens havariert. Wasser drang in den Rumpf des mit 77.000 Tonnen Schweröl beladenen Tankers ein, der Schlagseite bekam. Die schlecht beratenen Behörden wollten schlimmeren Schaden für die Küsten verhindern, indem sie den 26 Jahre alten Tanker auf hohe See schleppen ließen. Dort zerbrach das Schiff in zwei Teile und sank. Mindestens 50.000 Tonnen Schweröl strömten so ins Meer. 2900 Kilometer Küstenlinie wurde mit Ölschlamm verseucht. 250.000 Seevögel starben, doch die Natur erholte sich vergleichsweise rasch.

8. Der milliardenschwere Matsch von Alberta

Foto: Imago

In 30 Metern Tiefe unter den Borealwäldern und Mooren der kanadischen Provinz Alberta lagert die drittgrößte Ölreserve der Welt: die Athabasca-Ölsande. Lange waren die extremen Kosten für den Abbau des Bitumen nahe der Kleinstadt Fort McMurray so hoch, dass sich die Förderung sich nicht rentierte. Doch angesichts steigender Weltmarktpreise für Öl und sicherheitspolitischer Abwägungen boomt der extrem umweltschädliche Abbau seit Jahren. In „Fort McMoney“ lässt sich viel Geld verdienen. Fast zwei Millionen Barrel Öl werden inzwischen täglich gefördert - und es sollen in den nächsten Jahren deutlich mehr werden.

Auch 30 Jahre nach Beginn des Abbaus haben sich die typischen Ökosysteme nicht zurückentwickeln können. Zweifelhaft ist, ob sie es je tun werden. „Dort sieht es aus wie Hiroshima", schimpft Rock-Legende Neil Young, einer der prominentesten Gegner der riesigen „Sondermülldeponie“, die giftige Teiche und Schwefelberge hinterlässt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace bezeichnet Fort McMurray als „größtes Industrieprojekt des Planeten“. Beim Abbau werden täglich mehrere Millionen Liter Wasser verbraucht, die anschließend - mit krebserregenden Kohlenwasserstoffen verseucht - versickern und in die Flüsse gelangen. Bei den naheliegenden Siedlungen der Ureinwohner wurde ein stark erhöhtes Aufkommen von Krebserkrankungen registriert.

9. Stille Pest am Niger-Delta

Foto: dpa

In den vergangenen 50 Jahren sind am Niger-Delta nach Expertenschätzungen mehr als zwei Millionen Tonnen Rohöl ins Ökosystem geraten. Die Lebenserwartung der 30 Millionen dort lebenden Menschen liegt durch die ölbedingte Verschmutzung von Luft, Gewässern und Böden um etwa zehn Jahre unter dem Landesniveau. Laut Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) wird es Jahrzehnte dauern, bis in der Region Ogoniland wieder Fischfang oder etwas Landwirtschaft betrieben werden kann. Amnesty International macht für die etwa 300 Lecks pro Jahr marode Pipelines verantwortlich. Die Interessenvertreter von Shell sehen die Ursachen in Sabotage und verweisen auf die vielen illegalen Anzapfungen der Pipelines. Der Öl-Riese hat zwar ein Teilschuld an den Öllecks eingeräumt, ist den Schadensersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe laut Umweltschützern aber bislang nicht nachgekommen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

10. Explosion auf der Deepwater Horizon

Die brennende Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im April 2010.
Die brennende Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im April 2010. Foto: dpa

Am 20. April 2010 kam es infolge eines starken Druckanstiegs im Bohrloch auf der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon zum Blowout: Bohrschlamm, Gas und Öl traten mit gewaltigem Druck aus, das Ergas entzündete sich und explodierte. Elf Menschen kamen bei dem Brand ums Leben. Wie häufig bei Ölkatastrophen war der erste Schaden noch der geringste: Zwei Tage nach der Explosion sank die Bohrinsel des Ölkonzerns BP ins Meer und riesige Mengen Tonnen Rohöl konnten innerhalb der folgenden drei Monate aus dem offenen Loch ins Meer strömen, weil der „Blowout-Preventer“ versagt hatte. Die Folge war die schlimmste je gemessene maritime Ölpest und die schlimmste Ölkatastrophe in der Geschichte der USA.

Allein in den Küstengewässern des Golfs von Mexiko waren monatelang 3600 Quadratkilometer Ozean vom Öl bedeckt - das entspricht beinahe der 4,5-fachen Größe Schleswig-Holsteins. Erst nach 88 Tagen schafften es Spezialisten, das Leck in 1,5 Kilometer Tiefe zu stopfen. Hochrechnungen zufolge kostete der Ölunfall der „Deep Water Horizon“ etwa 600.000 Vögeln das Leben. Das Leben der Fischer und Menschen in den ölverseuchten Hafengebieten von Louisiana änderte sich schlagartig.

Wie viel Rohöl tatsächlich in den Golf von Mexiko sprudelte, darüber streiten sich BP und die amerikanische Regierung bis heute. 3,19 Millionen Barrel - mehr als 380 Millionen Liter - waren es dem letzten Richterbeschluss zufolge, also mehr als vom Konzern angegeben und weniger als von der Regierung geschätzt. Erst nach 87 Tagen konnte das Leck geschlossen werden.

Auf der Insel East Grand Terre findet man bis heute Beweise, dass die Natur sich bei weitem noch nicht so erholt hat, wie es im Fünfjahres-Bericht von BP steht: Dunkle, klebrige Teer-Klümpchen liegen im Sand.  Das Ökosystem im Mississippi-Delta und im Golf ist zu komplex, als dass man mit dem Finger nur auf BP zeigen könnte, um dem Konzern sämtliches Unheil in die Schuhe zu schieben. Forscher sind uneins, ob etwa der drastische Rückgang der Austernbestände seit 2010 vielleicht auch durch andere Faktoren beeinflusst werden könnte. Für viele Pflanzen- und Tierarten fehlt es schlicht an Daten vor dem Unfall, die Forschungen dauern an.

Ein Satellitenfoto vom Ausmaß der Ölpest am Golf von Mexiko.
Ein Satellitenfoto vom Ausmaß der Ölpest am Golf von Mexiko. Foto: wikipedia/NASA

Und so bleibt der Fall „Deepwater Horizon“ auch fünf Jahre später eine Frage der Zukunft. 14,3 Milliarden Dollar Kosten beziffert BP bislang für die Katastrophe, und die Rechnung könnte noch deutlich teurer werden. Die Kinder und Enkel der Fischer werden irgendwann entscheiden müssen, ob sie ihr Glück noch mit Austern, Krabben und Shrimps versuchen wollen.

11. Verheimlichte Ölpest im Gelben Meer

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Foto: Imago/By-line
 

Juni 2011: Aus Lecks an Ölplattformen der US-amerikanischen Firma ConocoPhilips (Lieferant der deutschen Jet-Tankstellen) fließt wochenlang Rohöl ins Gelbe Meer. Der Umgang mit der Katastrophe in der Bohai-Bucht löst in China einen Sturm der Entrüstung aus. Erst Wochen nach den ersten Lecks enthüllen Behörden, dass mit 4250 Quadratkilometern eine fünfmal größere Fläche verschmutzt wurde, als anfänglich zugegeben. Bloggern ist es zu verdanken, dass die Naturkatastrophe überhaupt publik wurde. Schon im Juni des Jahres war Öl aus zwei Lecks im Förderfeld Penglai 19-3 ausgelaufen, dazu gab es ein drittes Leck am Meeresboden. Zusammen entspricht die verseuchte Fläche etwa der Hälfte Schleswig-Holsteins.

(Mit dpa)

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