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Tiere

16. Dezember 2017 | 16:29 Uhr

Flensburg : Spürnasen im Einsatz

vom

Sie entdecken Leichenteile und Sprengstoff. Sie stellen Einbrecher, finden Drogen – Schutzhunde sind für den Polizeidienst unentbehrlich.

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2013 | 06:21 Uhr

Flensburg | Es ist nur ein mikroskopisch kleiner Blutpartikel. Ein paar Milligramm Rauschgift im Gefrierbeutel, versteckt im vollen Mülleimer. Ein Körpergeruch, hinterlassen wie einen Fingerabdruck. Eigentlich ein Nichts. Was für Menschen immer im Verborgenen bleiben wird, das erschnüffeln gut ausgebildete Polizeihunde innerhalb von wenigen Sekunden. Eine Million Mal schärfer ist ihr Geruchssinn im Vergleich zu dem eines Menschen. "Wie wir den Duft von frisch gemähtem Gras wahrnehmen, riechen unsere Hunde kleinste Mikrozellen auf der Erdoberfläche", erklärt Henri Krüger, Leiter der Diensthundestaffel der Polizeidirektion Flensburg. "Bodenverletzungsfährte" nennt man dies im polizeilichen Fachjargon.
So können Spürhunde selbst aus großen Menschenmengen eine Person ausfindig machen. Auch flüchtige Verbrecher markieren unbewusst ihren Weg mit ihrem Individualgeruch. Wie vor einiger Zeit im Selker Noor: Ein vorbestrafter Einbrecher hatte sich dort bereits in Sicherheit gewähnt, als er, erschöpft an einem Baum gelehnt, von den Spürhunden gestellt wurde. Die geschädigte Hauseigentümerin hatte gesehen, dass der Einbrecher sich kurz hingesetzt hatte. "Und genau an dieser Stelle konnten die Hunde den Geruch aufnehmen", erinnert sich Henri Krüger an den Fall zurück.

Sprengstoffspürhunde lernen nicht zu bellen und kratzen


Ein Polizeihund kommt selten allein, meistens sind zwei davon im Einsatz. "Länger als 20 Minuten können sie eine Fährte nicht halten, dann wird das zu anstrengend, und der Hund muss abgelöst werden", so der erfahrene Polizist. Das Ganze funktioniert ausschließlich über den Spieltrieb und die "klassische Konditionierung". So wird zum Beispiel eine kleine Menge Kokain im Lieblingsspielzeug versteckt. Sprengstoff oder menschliches Gewebe, das von der Gerichtsmedizin in Kiel zur Verfügung gestellt wird, verpacken die Hundetrainer in Bälle oder Gummiknochen. Seit kurzem sind Polizeihunde auch in der Lage, verstecktes Geld zu riechen. In Schleswig-Holstein gibt es zurzeit 130 sogenannte Schutzhunde, gut die Hälfte davon ist auf einen bestimmten Bereich spezialisiert. Nur bei besonderer Eignung wird der Vierbeiner zum Spezialhund ausgebildet - und die Ansprüche sind hoch.
Sprengstoffspürhunde zum Beispiel werden meist präventiv eingesetzt. Mit fünf von ihnen wurde jüngst jeder Winkel des Schlosses Gottorf in Schleswig abgesucht, denn der Bundespräsident Joachim Gauck hatte seinen Besuch angekündigt. "Wir haben für solche Einsätze immer nur ein kleines Zeitfenster, aus diesem Grund fordern wir dann gleich mehrere Hunde gleichzeitig an", erklärt Henri Krüger. Auch bei der Stippvisite des israelischen Botschafters in Flensburg waren die Hunde aus der Region mit dabei. Sprengstoffspürhunde lernen im Gegensatz zu ihren Artgenossen nicht zu bellen und zu kratzen, wenn Sprengstoff gefunden wird. "Man würde sonst Gefahr laufen, eine Explosion auszulösen", so Krüger. Stattdessen legt sich der Hund neben den Fundort und wartet regungslos auf das nächste Kommando. Ähnlich trainiert werden auch die Brandmittelspürhunde.

"Jede Emotion überträgt sich sofort auf das Tier"


Rauschgifthunde, wie Chicco und ASimba aus der Direktion Flensburg, werden häufig bei Verkehrskontrollen, beim Zoll und bei Rockkonzerten eingesetzt. Zu den beliebtesten Verstecken von Drogen zählt die Türverkleidung im Auto. Gern genommen werden auch der Benzintank oder der Boden einer vollen Kaffeekanne. "Das lenkt unsere Hunde allerdings nicht ab", klärt Henri Krüger auf. Mittlerweile sind Polizeihunde auch in der Lage Geldscheine aufzuspüren, dabei riechen die Vierbeiner die beim Druck verwendeten Farben und Lösungsmittel. "Drogen und Geld hängen oft eng miteinander zusammen", sagt der Hundeführer.
Die wohl schwierigste Aufgabe wird dem Personenspürhund, dem PSH, zuteil. Wird in einem Gebäude Alarm ausgelöst und vermutet, dass sich der Einbrecher noch darin aufhält, dann wird der Schutzhund allein vorgeschickt. Immer wird der Hundeeinsatz vorher durch die Beamten angedroht. Anspannung der jeweiligen Halter ist jedes Mal mit dabei, und umso konzentrierter arbeiten Hund und Mensch zusammen. "Jede Emotion überträgt sich sofort auf das Tier", so Henri Krüger. So ist die Freude über einen erfolgreichen Einsatz immer wieder ansteckend und auch eine Belohnung für den Hund. "Natürlich gibt es dann und wann ein Leckerli und Streicheleinheiten extra", schmunzelt der Polizist.  

Nicht zwischen Hund und Täter stellen


Über den Einsatz eines Schutzhundes wird direkt vor Ort entschieden. "Jeder Halter weiß genau, ob sein Hund in der Lage ist, die Situation zu bewältigen", erklärt der Flensburger. Zugebissen wird selten. Meist reichen die bloße Anwesenheit und das Verbellen, um gesuchte Personen ruhig zu stellen.
Der Polizeinachwuchs lernt schon in der Ausbildung, dass man sich nie zwischen Hund und Täter stellen sollte. "Sobald sich jemand bewegt, beißt der Hund zu und macht keinen Unterschied mehr", warnt der Leiter der Diensthundestaffel. Ein Hund geht dann auch ohne Kommando los, schließlich könnte der zugehörige Führer bewegungsunfähig gemacht worden sein.  
Zu den Klassikern gehört der Biss in den Unterarm. Doch keine Körperstelle ist vor den scharfen Hundezähnen sicher. Wenn es unglücklich läuft, kann der Biss eines Schutzhundes tödlich sein, fast immer jedoch bleibt es bei oberflächlichen Verletzungen. Wie tief sich das Gebiss eines Hundes ins Fleisch eingraben kann, das hat Henri Krüger schon am eigenen Leib erfahren. Bei einer Trainingseinheit hielt sein Schutzanzug nicht mehr stand. Es passiert, dass der Suchhund einen Flüchtigen noch hinter einem Stapel Kartons aufspürt, während die Einsatzkräfte schon aufgegeben haben. "Der Einsatz von Schutzhunden ist für uns unverzichtbar und der Bedarf wird weiter steigen", sagt Henri Krüger. Häufig wird der PSH auf der Suche nach vermissten Kindern eingesetzt, denn besonders dann zählt jede Minute. Ebenso bei Fußballspielen oder erst kürzlich bei den Mai-Kundgebungen im Land sind Schutzhunde mit dabei.  

Hunde brauchen einen Familienanschluss


Unzählige Trainingsstunden absolviert auch der Leichensuchhund. Selbst tief vergrabene, eingemauerte oder auf den Müll geworfene menschliche Überreste kann er meist ohne Probleme aufspüren. Große Hilfe leisten die Hunde, wenn die Tatwaffe fehlt. In einem Flensburger Mordfall beispielsweise fand der Spürhund auf einem Bahngleis eine winzige Messerspitze, an der noch das Blut des Opfers klebte. Dieser wichtige Hinweis führte letztlich zum Täter.  
Im Polizeidienst ist das Amt des Hundeführers nicht der populärste Job, und immer weniger Beamte interessieren sich dafür. "Man übernimmt eine große Verantwortung, die weit über das Dienstliche hinausgeht", weiß Henri Krüger. Sechs Jahre lang war er mit Schäferhund Apollo unterwegs und hat heute noch privat Hündin Carla bei sich. Henri Krüger hat allerdings entschieden, dass sich das Weibchen nicht als Schutzhund eignet. Alle Hunde benötigen einen Familienanschluss und sind eng an ihre Halter gebunden. "Unsere Hunde sind quasi rund um die Uhr mit uns zusammen", erzählt Krüger "da muss dann auch die Familie mitspielen." Kein Einsatz, bei dem Apollo nicht dabei gewesen ist - und auch kein Urlaub ohne ihn.  

Ein Polizeihund hat es nicht immer leicht


Bevor ein Hund in den Polizeidienst aufgenommen wird, durchläuft er gemeinsam mit seinem zukünftigen Hundeführer einen zehnwöchigen Lehrgang. Beide müssen am Ende eine Prüfung bestehen, um als Team zugelassen zu werden. Die Hunde der Polizeidirektion Flensburg und Schleswig haben dann ein Dutzend Ausbildungsstunden pro Monat auf dem Plan.  
Wer Hundeführer werden möchte, der muss bereits einige Jahre Dienst getan haben und Erfahrung mitbringen. "Neulinge werden gar nicht erst zugelassen", ergänzt Krüger. Einmal im Jahr wird die Tauglichkeit des Teams geprüft. Mindestens eineinhalb Jahre müssen die Vierbeiner alt sein, wenn die Ausbildung beginnt. Älter als drei Jahre dürfen sie nicht sein. Nur wenige Rassen eignen sich überhaupt, dazu gehören der deutsche und der belgische Schäferhund. "Das Leben eines Polizeihundes ist anstrengend und stressig", stellt Henri Krüger nicht ohne Stolz fest "Unsere Hunde leisten Großartiges."
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