Hilfe bei exotischen Krankheiten

Jacob  Cramer
Jacob Cramer

Ratschläge, Impfungen, Gegengifte: Im Hamburger Tropeninstitut finden Reisende in ferne Länder kompetente Ansprechpartner

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17. Juli 2014, 16:43 Uhr

Nahezu 10 000 Reise- und Impfberatungen Jahr für Jahr, dazu 3500 Patienten-Behandlungen: Wer in ferne heiße Länder reist oder von dort mit unbekannten Krankheiten zurückkehrt, findet bei den Medizinern im Hamburger Tropeninstititut kompetente Ansprechpartner. Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin – so der offizielle Name – besitzt für den Notfall eine streng abgeschirmte Isolierstation und ein Kühllager mit unzähligen Gegengiften. Es könnte ja passieren, dass ein Tierpfleger bei Hagenbeck der gefährlichen Schlange versehentlich zu nahe kommt oder vom Skorpion gestochen wird.

Dr. Jacob Cramer ist der Ärztliche Leiter für Tropenmedizin in der Ambulanz. Sein Büro mit den weiß gestrichenen Wänden und dem blauen Schur-Teppichboden liegt nach Süden raus. Hohe Flügelfenster gestatten den Blick auf den alten Elbtunnel vor den Landungsbrücken und auf den Hafen. Diese Nähe ist kein Zufall. Im Jahre 1900 wurde das Hamburger Tropeninstitut gegründet. Damals war das Deutsche Reich noch eine Kolonialmacht, Seeleute schleppten exotische Fieberkrankheiten ein. Außerdem lag die fürchterliche Cholera-Epidemie, die 1892 Tausenden von Hamburgern den Tod gebracht hatte, nicht lange zurück.

Die medizinische Forschung steckte noch in den Anfängen. Schlechte Luft (lateinisch: mala aria) wurde vielfach für das sogenannte Sumpffieber verantwortlich gemacht. Dass in Wirklichkeit die Malariamücke die Krankheit überträgt, konnte erst der Brite Ronald Ross 1897 nachweisen – 1902 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Malaria macht auch heute einen Großteil der Arbeit im Tropeninstitut aus. Aber längst prägen auch andere Krankheiten die Schlagzeilen. In Zentralafrika grassiert zurzeit eine Ebola-Epidemie, vermutlich der schwerste Ausbruch der Seuche seit der Entdeckung in Zaire 1976. Ehec oder Vogelgrippe sind andere Erkrankungen, denen Cramer und seine Kollegen ihre Aufmerksamkeit widmen. Sie haben auch gleich erste Ratschläge parat für Reisende in ferne Länder. Kein Leitungswasser trinken und im Umgang mit exotischen oder gar kranken Tieren Vorsicht walten lassen. Cramer erinnert daran, dass etwa in Indien oder in Südamerika Tollwut anzutreffen ist. Gleiches gilt für die Tuberkulose, die in Deutschland seit Jahrzehnten auf dem Rückzug ist. Reisende sollten sich deshalb rechtzeitig über wichtige Impfungen informieren, zu denen neben Tollwut und Tuberkulose auch Gelbsucht, Gelbfieber, Typhus oder Meningitis zählen.

Der Mediziner pflegt ein wissenschaftlich-unkompliziertes Verhältnis zu Krankheiten, die normalen Menschen die Haare zu Berge stehen lassen. Cramer erzählt von Rattenpopulationen in den USA, die den Pestbazillus in sich tragen. Auf der Isolierstation in Hamburg wurden auch schon zwei Lepra-Fälle behandelt: eine Brasilianerin und ein Seemann von den Philippinen. Beide Erkrankungen befanden sich im gut heilbaren Frühstadium. Für ein Hamburger Ehepaar endete der erhoffte Traumurlaub am exotischen Strand ebenfalls in der Quarantäne. Es hatte sich mit dem Dengue-Fieber auf Madeira angesteckt. Das Tropeninstitut half beiden Erkrankten wieder auf die Beine. Auch eine Frau aus der Osttürkei erfuhr eine Behandlung im Tropeninstitut: Verdacht auf Krim-Kongo-Fieber.

Das ist nicht untypisch. Mit dem Schiff, dem Auto und dem Flugzeug rücken auch die Krankheiten näher. Die Tigermücke, die das Gelbfieber übertragen kann, wurde bereits in Bayern und Baden-Württemberg nachgewiesen – offenbar erleichtert der Klimawandel der subtropischen Species das Überleben in nördlichen Gefilden. Übrigens: Die Malariamücke war früher auch in Italien, England und sogar in Deutschland heimisch. Cramer, ein anerkannter Malaria-Experte, erinnert daran, dass im Emsland das plattdeutsche „Annadagsfieber“, das Anderen-Tags-Fieber, bis in die 1950er-Jahre ein bekanntes Phänomen war. Und die Niederlande mit ihren endlosen Wasserlandschaften gelten erst seit den 60er-Jahren als malaria-frei.

Allen Reisenden gibt Cramer zu bedenken, dass es neben Krankheiten noch ganz andere Gefahren im Ausland gibt: Unfälle, Kriminalität, Sonnenbrand. Der Tropenmediziner kennt den Geschäftsreisenden und den Vier-Wochen-Urlauber mit vergleichsweise luxuriöser Unterkunft, den anspruchslosen Rucksack-Touristen, den in Hamburg lebenden Afrikaner, der seine Familie besucht und sich den Lebensbedingungen vor Ort anpasst, den Missionar, der oft jahrelang fernab der Zivilisation zubringt. Deshalb sind auch die Ratschläge und Impfungen individuell. Cramer hält fest: „Den typischen Reisenden gibt es gar nicht.“

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