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Vogelkunde: Beutelmeise : Gleichberechtigte Partner

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Die Beutelmeise ist nicht nur wegen ihrer Nestbaukunst eine besondere Vogelart in Mitteleuropa.

shz.de von
erstellt am 04.Jul.2013 | 04:16 Uhr

Eutin | Zu den interessantesten Singvögeln in Mitteleuropa zählt die Beutelmeise. Sie hat sich den Freilandornithologen durch ihr Verhalten geradezu aufgedrängt - weil sie ein einzigartiges und kunstfertiges Nest baut, wie es sonst nur afrikanische Webervögel und die dort lebenden Verwandten der Beutelmeise zustande bringen.
Außerdem gehören sie zu den wenigen und angesichts des Artenschwundes in unserer Kulturlandschaft besonders erfreulichen Beispielen von Vogelarten, die in den vergangenen Jahrzehnten in weite Teile Mitteleuropas neu eingewandert sind. Als wärmeliebender Vogel ist sie eigentlich mehr auf südliche Länder beschränkt, hat aber in Europa nördlich des Mittelmeeres ihr Verbreitungsgebiet zwischen 1930 und 1985 um rund 300 Kilometer nach Westen und von 1985 bis heute mindestens um weitere 250 Kilometer west- und 200 Kilometer nordwärts verschoben. Die erfolgreiche Kolonisation mag auch in dem eigenartigen Sexualverhalten zu suchen sein.

Das sichere Nest

Beutelmeisen sind mit den bekannten Meisen unserer Gärten und Wälder nicht verwandt. Sie leben in dichten Busch- und Baumbeständen an See- und Flussufern, und sie brüten nicht in Nistkästen oder Baumhöhlen. Das Nest ist vielmehr ein dickwandiger Beutel aus Pflanzenwolle, der an einem dünnen Ast mehrere Meter über dem Boden, meist sogar über dem Wasser frei schwingend gebaut wird. Dazu wickelt der Vogel vor allem Pflanzenfasern um die Astspitzen und verflechtet sie dann zu einem nach unten hängenden Ring, der als Stützskelett das fertige Nest tragen soll.
Das Baumaterial wird aus den wolligen Samenhaaren von Weidengewächsen sowie von den Samenträgern des Rohrkolbens zusammengetragen. Eine wichtige Zwischenstation des Nestes ist das Henkelkorbstadium, das dann weiter zu einem Beutel geschlossen wird, der seitlich oben das Einflugloch aufweist. Diese perfekte Kinderstube wiegt sich sogar bei stürmischem Wetter absolut sicher im Wind.

Klare Rollenverteilung auch bei Beutelmeise

Beutelmeisen investieren also außerordentlich viel in den Nestbau, der zwei, drei oder mehr Wochen dauern kann. Dass Männchen beginnt alleine mit der Nestanlage und stellt sie bis zum Henkelkorbstadium fertig. Nun beginnen die wohl kompliziertesten Fortpflanzungsabläufe in der europäischen Vogelwelt, die bereits in den 80er Jahren durch sorgfältige Beobachtungen beringter Beutelmeisen geklärt und später bestätigt wurden. Dabei zeigt sich ganz besonders deutlich, wie Männchen und Weibchen weitgehend ihre eigenen Interessen verfolgen und eigentlich nur so lange zusammenarbeiten, wie es jedem von ihnen vorteilhaft erscheint. Dabei können in einer Brutsaison sowohl ein Männchen mit mehreren Weibchen als auch umgekehrt ein Weibchen mit mehreren Männchen temporär verpaart sein.
Und das geht so: Vor der Fortpflanzungszeit streifen Männchen wie Weibchen der Beutelmeise herum und tauchen in geeigneten Brutgebieten auf. Findet ein zum Nestbau bereites Männchen wenigstens für eine kurze Zeit ein Weibchen, beginnt seine Bautätigkeit, die auch eifrig fortgesetzt wird, wenn das Weibchen weiterzieht und der kurzfristige Partner zurückbleibt. Erst wenn ein neues, brutwilliges Weibchen gefunden wird, kann zu Ende gebaut werden, wobei sich nunmehr der neue weibliche Partner beteiligt, wohl vorrangig an der Innenausgestaltung der zukünftigen Kinderstube.
Findet das Männchen jedoch trotz Suche kein neues Weibchen, setzt er den Bau nicht weiter fort, sondern beginnt in der Nähe oder Ferne mit einem neuen Nest. Dieses "Spiel" kann sich im Verlaufe des Jahres mehrmals wiederholen, bis die Brutzeit zu Ende geht und der Bautrieb des Männchens erlischt. Hält die Paarbildung der Beutelmeisen endlich bis zur Eiablage an, kann es geschehen, dass die Wege der Geschlechter dennoch wieder auseinander gehen. Häufig verschwindet das Männchen und sucht eine neue Gelegenheit, sich fortzupflanzen. Aber auch das Weibchen kann den Partner verlassen, der nunmehr die Bebrütung der Eier und die Fütterung der Brut auf sich zu nehmen hat.
Die "Kriminalisten" unter den Freilandornithologen haben mit dieser sensationellen Entdeckung eine Gleichberechtigung unter den Partnern der Beutelmeise festgestellt - aber wir fragen uns: Warum gibt es dieses Verhalten nach unserem Wissen nur bei dieser Vogelart?

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