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Gut zu wissen : Gefiederte Waldarbeiter

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Die Eichelhäher pflanzen Bäume und verjüngen den Forst. Da fällt es schon fast schwer zu glauben, dass es sich bei diesem Vogel um einen Rabenvogel handelt.

shz.de von
erstellt am 29.Jun.2013 | 11:34 Uhr

Vorsichtig, Schritt für Schritt, pirsche ich Richtung Waldrand. Draußen, auf der Lichtung, äsen zwei Rehe. Der leichte Wind steht gut - er weht mir direkt ins Gesicht. Jetzt bloß keinen Fehler machen: Ein falscher Tritt, das Knacken eines Astes, und die Chance auf das Foto wäre dahin.
Aus heiterem Himmel schallt ein lautes, unmelodisches Ratschen durch den Wald: Einmal, zweimal ertönt der krächzende Warnruf, dann gaukelt der Eichelhäher vor mir durchs Geäst. Verdammt, das wars dann wohl. Die Rehe schrecken auf, sichern kurz und und setzen mit großen Sprüngen davon. Wie zum Hohn ertönt nochmals das blecherne Schnarren. Als "Wildvergrämer" fürchten die Jäger den Eichelhäher - und das nicht ohne Grund. Nichts entgeht dem wachsamen Vogel, ob Waidmann, Fuchs oder Spaziergänger.

Ein wahrhafter "Stimm-Imitator"

Dass der misstrauische Geselle zu den Rabenvögeln gehört, mag man auf den ersten Blick nicht so recht glauben. Sein rötlich-brauner Rücken und Bauch, die schwarz-weiß gestrichelte Stirn, der schwarze Bartstreif und der himmelblau leuchtende Flügelspiegel: All das erinnert eher an einen Harlekin.
Auch die Stimme will nicht so recht zu der schwarzen Verwandtschaft passen. Mal ruft der Häher wie ein Bussard, mal miaut er wie eine Katze, dann flötet er wie ein Pirol, oder er schwätzt wie eine Grasmücke. Ein begnadeter Stimm-Imitator ist der Eichelhäher ohnehin. Selbst das Klingeln eines Weckers oder das Rasseln einer Egge - begeistert nimmt er solche Geräusche in sein Gesangs-Repertoire auf.

Leicht zu unterschätzen

In seiner Novelle "Der Eichelhäher" kommt der Heidedichter Hermann Löns regelrecht ins Schwärmen: Als lustigen Schwätzer beschreibt er den Häher, als Irrwisch und Schalksnarr, als Prahlhans und Meister Wunderlich. Ein lustiger Bursche? Die grüne Zunft war da lange Zeit anderer Meinung: Bis in die 1980er Jahre galt der Eichelhäher als Raubzeug, als "Jagdschädling", dem man immer und überall nachstellen musste.
OK, ein Unschuldslamm ist er nicht: Er plündert schon mal ein Vogelnest und lässt sich Jungvögel und Eier schmecken. Seine wichtigsten Beutetiere jedoch sind Insekten, Larven und Mäuse. Inzwischen haben die meisten Waidmänner ihren Frieden mit dem Häher gemacht. Er ist ganzjährig geschützt, und kaum noch einer macht den Finger auf ihn krumm. Heute sorgt so mancher Forstmann geradezu liebevoll für seine Eichelhäher. Nicht so sehr zum Wohl der Vögel, sondern im Interesse des Waldes.

Vorratshaltung nicht immer auffindbar

Im Spätherbst und Winter ernährt sich der Häher bevorzugt von Baumfrüchten. Vor allem nach Eicheln steht ihm der Sinn, aber auch Bucheckern, Edelkastanien und Haselnüsse liebt er. In weiser Voraussicht betreibt der kluge Geselle Vorratshaltung. Bis zu 10 Eicheln gleichzeitig schleppt er im Schnabel und Kehlsack zu seinen Verstecken, die er auf Lichtungen und an Waldrändern anlegt. Hunderte sind es manchmal, mit bis zu 5000 Eicheln. Rücklagen, aus denen er sich in der kalten Jahreszeit bedient.
Aber so schlau der Häher auch ist, nicht alle Verstecke findet er wieder. Wenn die vergessenen Nüsse und Samen keimen, wachsen sie langsam zu "Hähersaaten" heran - und verjüngen somit den Wald. Der Förster kann den "Einsatz" seiner freiwilligen Mitarbeiter gezielt steuern. Auf einem "Hähertisch" präsentiert er den Vögeln Eicheln, die er in anderen Waldstücken gesammelt hat. Bald haben die gefiederten Forsthelfer die Leckerbissen entdeckt - das große "Pflanzen" beginnt. Eine "win-win"-Situation für Vogel und Mensch. Der Eichelhäher als Waldarbeiter - zum Nulltarif und ohne Anspruch auf Urlaub.

Daten und Zahlen

Eichelhäher (Garrulus glandarius)
Es gibt etwa 70 Unterarten.
Familie Rabenvögel (Corvidae)

Körperlänge:
32 bis 35 cm

Flügelspannweite:
bis 53 cm

Gewicht:
ca. 170 Gramm

Verbreitung:
Ganz Europa, Mittelmeerraum in Nordafrika und Kleinasien, Asien ostwärts bis Japan, Ostasien.

Lebensraum:
Lichte Laub-, Misch- und Nadelwälder, zunehmend auch nahe Siedlungen und in Parks.

Brut:
Monogame Saisonehe, Nest im dichten Gehölz in mittlerer Höhe, 4-7 (selten bis zu 10) Eier.


Wanderungen:
In Süd- und Westeuropa meist Stand- oder Strichvogel, in anderen Regionen meist Teilzieher.
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