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Vogelschutz : Die Letzten ihrer Art

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Im Neufelderkoog an der Unterelbe kämpfen Naturschützer und Wissenschaftler um das Überleben der letzten Lachseeschwalben-Kolonie in Mitteleuropa.

shz.de von
erstellt am 26.Mai.2013 | 06:27 Uhr

Neufelderkoog | Wenn gleich vier renommierte Ornithologen am Elbdeich zum Artenschutzprojekt zusammentreffen, muss die Lage ernst sein! Zweifellos ist sie sogar dramatisch: Hier an der Mündung des großen Stroms in die Nordsee brüten die letzten rund 40 Paare der Lachseeschwalbe in ganz Nord- und Mitteleuropa. Einst umfasste die sogenannte cimbrische Population in Jütland (Dänemark) und Schleswig-Holstein bis zu 500 Brutpaare. Heute ist die Art in Dänemark praktisch verschwunden, in Deutschland akut vom Aussterben bedroht.
"Die Lachseeschwalbe ist eine irgendwie vergessene Art. Ihr Rückgang ist ein bisschen durchgerutscht", erzählt Dr. Markus Risch von der Kieler Gesellschaft für Freilandökologie und Naturschutzplanung. Vielleicht liegt es daran, dass sie den anderen Seeschwalbenarten, insbesondere der Brandseeschwalbe, so ähnlich sieht. Im Gegensatz zu dieser verfügt die Lachseeschwalbe allerdings nicht über einen Federschopf am Hinterkopf und auch nicht über eine gelbe Schnabelspitze. Besonders deutlich ist sie im Flug an ihrem wenig gegabelten Schwanz zu erkennen.

Rückgang erst 2010 festgestellt


Unter der Koordination des Bündnis Naturschutz in Dithmarschen e.V. und im Auftrag des schleswig-holsteinischen Umweltministeriums versammeln sich neben Markus Risch nun Bernd Hälterlein von der Nationalparkverwaltung schleswig-holsteinisches Wattenmeer, Klaus Günther als Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer sowie Dr. Veit Hennig von der Universität Hamburg. Risch hat 2010 während einer Untersuchung des Raum-Zeit-Verhaltens der Lachseeschwalben im Zusammenhang mit der Planung von Windkraftanlagen erst festgestellt, wie gefährdet dieses letzte Vorkommen tatsächlich ist. Er konnte nur einen einzigen flüggen Jungvogel feststellen - viel zu wenig für den Erhalt der Population.
Noch vor hundert Jahren war die Lachseeschwalbe in Deutschland und Mitteleuropa überwiegend im Binnenland verbreitet. So sind aus dieser Zeit Brutvorkommen an naturnahen, dynamischen Flussläufen im Voralpenland Bayerns und Baden-Württembergs bekannt, desgleichen an der Donau in Österreich. Hier gab es Kolonien von bis zu 200 Paaren auf unbewachsenen Kiesbänken. Aber auch in Schleswig-Holstein brütete die nicht an das Meer gebundene Seeschwalbenart an kleineren Landgewässern.

Stets in der Nähe der Verwandtschaft


Lachseeschwalben sind zum Schutz ihrer Kolonie auf eine gastgebende Art angewiesen. Ihre Brutplätze befinden sich bei uns stets in Gesellschaft mit denen von Lachmöwen oder Flussseeschwalben - zwei Arten, die früher ebenfalls überwiegend im Binnenland vorkamen. Mit der Begradigung und Verbauung von Flüssen und dem Trockenlegen von Feuchtwiesen verloren sie gemeinsam ihren Lebensraum. Ein bis heute anhaltender Bestandsrückgang war die unweigerliche Folge. Während sich die wärmeliebende Lachseeschwalbe mehrheitlich in den Mittelmeerraum und ans Schwarze Meer zurückzog, etablierte sich eine kleine isolierte Population vor allem an den dänischen Nordseefjorden, wo sie zunächst weiter anwuchs.
In Bayern wurden Anfang der 1930er Jahre, in Österreich 1942 die letzten Brutpaare beobachtet. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist allerdings auch der cimbrische Bestand dramatisch eingebrochen und die Brutplätze haben sich südwärts verlagert. Seit 1995 befindet sich von einzelnen Paaren abgesehen das in Mitteleuropa letzte Brutvorkommen der Lachseeschwalbe an der Elbmündung, in manchen Jahren auf niedersächsischer Seite, überwiegend jedoch im Neufelderkoog-Vorland in Schleswig-Holstein. Hier bevorzugt sie die im Frühjahr von durchziehenden Nonnengänsen kurzgefressenen, offenen Salzwiesen.

Absichtliche Störungen beeinträchtigen Brut


Am Deichfuß machen sich jetzt Veit Hennig und Klaus Günther bereit, die Küken dieses Jahres zu beringen. Nachdem 2010 nur ein einziger und in der Dekade davor offenbar ebenfalls kaum Jungvögel flügge geworden waren, hatten die Partner 2011 mit dem Schutzprojekt begonnen und konnten am Ende der Brutsaison immerhin neun ausfliegende Lachseeschwalben feststellen. Nun ist die Spannung groß, wie der Bruterfolg in diesem Jahr, 2012, ausfallen würde. Einige Studenten und freiwillige Helfer werden instruiert, dann geht es raus ins Deichvorland und hinein in die mit bis zu 2.000 Brutpaaren größte mitteleuropäische Kolonie von Flussseeschwalben, die hier mit ihrem aggressiven Feindabwehrverhalten den Lachseeschwalben als schützende Gastgeber dienen.
"Die Begehung der Kolonie bedeutet eine erhebliche Störung der Vögel und ist deshalb heikel", betont Veit Hennig. "Wir führen sie ausschließlich als Grundlage für das Schutzprojekt durch und begrenzen sie auf maximal 20 Minuten." Menschliche, zum Teil sogar mutwillige Störungen haben in den vergangenen Jahren die Brut der seltenen Vögel massiv beeinträchtigt. Mehrfach drang ein ortsansässiger erklärter Naturschutzgegner absichtlich in die Kolonie ein, was die Tiere jedes Mal aufschreckte. Besonders perfide war eine dieser Störungen in abendlicher Dunkelheit, als die Lachseeschwalben sich aufgrund mangelnder Sicht nur ganz allmählich beruhigten und lange nicht zu ihren Nestern zurückkehrten. Für zahlreiche Küken kamen die wärmenden Eltern bei der an jenem Tag herrschenden nasskalten Witterung zu spät. Der menschliche Störenfried konnte mittlerweile juristisch belangt und damit seine Aktionen gestoppt werden.

Rund-um-die-Uhr-Überwachung für die Tiere


Unbeabsichtigten Beeinträchtigungen der Brutvögel wurde durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit mit Flyern, Veranstaltungen und einer informativen Beschilderung vorgebeugt. Die Bedrohung durch Raubsäuger und Greifvögel ist dagegen ein anderes Problem der Lachseeschwalben an der Unterelbe. In 2011 fielen einige Küken einem Fuchs und einem Hermelin sowie Rohrweihen, Wanderfalken und einem entflogenen Jagdfalken zum Opfer. Auch 2012 gab es Störungen durch ein Hermelin, Greifvögel und Eulen. Da der Brutplatz von einem am Deich aufgestellten Bauwagen aus ganztägig von Mitarbeitern der Schutzstation Wattenmeer beobachtet wird und zusätzlich vier Übertragungskameras der Universität Hamburg rund um die Uhr Live-Bilder direkt aus der Kolonie in den Bauwagen übertragen, können die hier von Mai bis August wohnenden Gebietsbetreuer unmittelbar auf Störungen reagieren.
Ihr Repertoire reicht von Vergrämungsaktionen mit knisternden PET-Flaschen bis zur Einzäunung des Koloniestandorts mit Elektrodrähten. Zurück am Bauwagen staunen die vier Ornithologen nicht schlecht, als sie von den ermittelten 38 Brutpaaren 32 Küken eingesammelt haben. "Erst wenn die Lachseeschwalben über mehrere Jahre mindestens 30 Jungvögel pro Jahr aufziehen können, besteht Hoffnung, die Art bei uns zu erhalten", so Markus Risch. Trotz schlechten Wetters und starker Winde hatten die brütenden Lachseeschwalben in 2012 Glück. Einige bis zu 70 Zentimeter über Normal auflaufende Hochwasser erreichten die Nester nicht. Das war in den Vorjahren, befördert durch den stetigen Meeresspiegelanstieg, oft ganz anders gewesen.

Deutsche Forscher profitieren von niederländischen Daten


Seit Beginn des Artenhilfsprojektes stehen den Naturschützern dank der Kooperation mit dem Wildpark Eekholt vor Ort Inkubatoren zur Verfügung, um bei Überflutungen die aufgesammelten Eier oder Küken der Lachseeschwalben für maximal zwei Tage wärmen und versorgen zu können. "Neben den üblichen Metallringen der Vogelwarte Helgoland erhalten sie heute außerdem Farbringe", erläutert Klaus Günther, "damit ihr Zug und der Bruterfolg zukünftig besser kontrolliert werden können." Die beringten Küken werden schließlich von den Wissenschaftlern und ihren Helfern an die Plätze zurückgebracht, an denen sie aufgegriffen worden waren. Im Fernglas ist zu erkennen, dass sie schnell von ihren Eltern entdeckt und wieder mit Nahrung versorgt werden.
Schon bald werden sie im Familienverbund aufbrechen, um in den Niederlanden an traditionellen Rastplätzen ihre erste Pause auf dem Zug in die Winterquartiere einzulegen. "Seit jeher registrieren die niederländischen Kollegen an den dortigen Schlafplätzen, wie in Dänemark und Deutschland der Bruterfolg ausgefallen ist", erläutert Bernd Hälterlein. "Ihre Daten sind für uns sehr wertvoll." Der weitere Zug führt die Lachseeschwalben schließlich entlang der Küsten Europas bis ins westafrikanische Mauretanien und den Senegal. Einzelne cimbrische Vögel sind in der Vergangenheit auch in Bayern und Italien auf ihrem Weg zum Mittelmeer gesichtet worden. Wollen wir hoffen, dass auch in diesem Frühjahr wieder genügend dieser seltenen Seeschwalben aus ihren Winterquartieren an die Elbe zurückkehren und eine mindestens ähnlich erfolgreiche Brutsaison haben werden wie im letzten Jahr!
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