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Schlangenhalsvögel : Die heimlichen Jäger

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Wie eine Harpune durchbohrt der spitze Schnabel der Schlangenhalsvögel seine Beute. Für sie gibt es kein Entkommen.

Monsunzeit in Indiens Bharatpur Nationalpark. Es ist brütend heiß, und über den Sümpfen steht die Luft. Zwischen hohen Schilfwänden liegt glatt wie ein Spiegel der schmale Kanal. Plötzlich, wie durch Zauberhand, kräuselt ein Ring kleiner Wellen das Wasser. Ein Vogelkopf taucht auf, mit langem, dünnem Hals, der Körper bleibt im trüben Nass verborgen. Aufgespießt auf den pfeilspitzen Schnabel zappelt hilflos ein Fisch. Mit einem Ruck seines Kopfes schleudert der Jäger die Beute in die Luft und fängt sie wieder auf. Jetzt noch schlucken, und langsam, wie in Zeitlupe, gleitet der arme Wels in den elastischen Schlund.
Schlangenhalsvögel jagen heimlich. Untergetaucht schleichen sie mit halb geöffneten Flügeln an ihre Beute heran. Ihr Hals, z-förmig zurückgebogen, ist gespannt wie eine scharfe Armbrust. Pech für den Fisch oder Frosch, der dann in Schussweite kommt. Ein Mechanismus aus Wirbelscharnieren und Muskeln löst die tödliche Waffe aus. In Sekundenbruchteilen streckt sich der Hals, und blitzartig schnellt der Kopf nach vorne. Wie eine Harpune durchbohrt der spitze Schnabel die Beute. Sie hat keine Chance, zu entkommen.
Heimliche Pirsch unter Wasser
Als hätte er einen Bleigürtel umgeschnallt, so liegt der Körper des Schlangenhalsvogels beim Schwimmen unter Wasser. Kein Wunder, denn seine Knochen sind ungewöhnlich schwer. Aber damit nicht genug: Schon nach wenigen Tauchgängen ist das Gefieder des heimtückischen Jägers völlig durchnässt. Mit ausgebreiteten Flügeln muss er es deshalb in der Sonne trocknen. Was aussieht wie ein "Konstruktionsfehler" der Natur, ist jedoch die Voraussetzung für die raffinierte Jagdtechnik des langhälsigen Fischers: Nur ohne lästigen Auftrieb funktioniert die heimliche Pirsch unter Wasser.
Unser Schlangenhalsvogel hat seine Jagd inzwischen beendet. Am Nest, ein paar hundert Meter entfernt auf einem Baum mitten im Sumpf, wartet hungrig der Nachwuchs. Schreiend und fauchend recken die Jungen dem Heimkehrer ihre langen, weiß befiederten Hälse entgegen. Gierig zanken sie um den besten Platz – und um die Chance auf den größten Fisch. Dann versenkt der erste Schreihals seinen Kopf tief im Rachen des Altvogels. Mit dem Schnabel packt er sich den vorverdauten Wels aus dem Kehlsack und schlingt ihn herunter. Endstation für den glücklosen Flossenträger.

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erstellt am 04.Mai.2009 | 01:32 Uhr

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