Grabschändung : Der Hunger ist größer als die Scheu

Der Schmacht treibt Schalenwild selbst auf Friedhöfe – hier ein Archivbild mit Hirschen. Foto: dpa
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Der Schmacht treibt Schalenwild selbst auf Friedhöfe – hier ein Archivbild mit Hirschen. Foto: dpa

Ein Rudel Rehe sucht auch auf dem Bredstedter Friedhof nach Futter. Die Kirchengemeinde sondiert nun Lösungsmöglichkeiten.

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10. April 2013, 07:05 Uhr

Bredstedt | Der lang anhaltende Winter mit Schnee, Frost und wenig Niederschlägen hat die Tiere in der freien Natur in höchste Not gebracht. Raps- und Winterweizen sind weggefroren, im Herbst gab es kaum Nüsse, Schlehen und Eicheln, und frisches Grün sprießt in Trockenheit und Kälte nicht. Die Tiere hungern. Die Verzweiflung treibt sie von den kahlen Feldern immer näher an die Häuser heran. In den Gärten suchen sie nach Nahrung. In Bredstedt zieht ein Rudel Rehe sogar regelmäßig über den Friedhof und zupft die Rosen aus Grabgestecken und -Kränzen.

"Das war in den vergangenen Jahren auch schon so, aber in diesem Winter ist es extrem", berichtet Friedhofs-Verwalter Audi Hansen. Einerseits tun ihm die Tiere in ihrer Verzweiflung leid, andererseits fühlt sich der Gärtnermeister auch den trauernden Angehörigen gegenüber verpflichtet, die manchmal fassungslos vor den geplünderten Gräbern ihrer Lieben stehen.

Gejagd wird nicht auf dem Friedhof

"Rehe sind ganz wild auf Rosen", weiß Bernhard Petersen, der Vorsitzende des Friedhofs-Ausschusses der Kirchengemeinde Bredstedt. Für die Bambis sei daher ein Friedhof wie ein ständig frisch gedeckter Tisch. In der Regel rupfen sie die Blumen aus den Gebinden, fressen die Blütenköpfe und lassen die Stängel liegen. "Das sieht dann hinterher aus wie Grabschändung", ergänzt Hansen. Er sucht dringend nach einer Lösung, wie der Problematik beizukommen ist. Aus seiner Ausbildungszeit im Ruhrgebiet weiß er, dass dort frühmorgens auf dem Friedhof eine Treibjagd durchgeführt wurde.

Eine Treibjagd auf dem Friedhof kommt nicht in Frage, macht jedoch der Pächter des Jagdreviers Bredstedt, Hans Jakob Andritter, auf Anfrage der Husumer Nachrichten unmissverständlich deutlich. "Es handelt sich um ein befriedetes Gebiet. Dort darf generell nicht gejagt werden, und da gibt es auch keine Ausnahmen." Eine naturnahe Möglichkeit, Rosen vor Rehverbiss zu schützen, sei ungewaschene Schafwolle, so Andritter. Rehe mögen den Geruch nicht. Ansonsten sehe er nur die Lösung, das Gelände einzuzäunen.

Das würde aber ganz schön teuer werden, hat Audi Hansen schon einmal grob mit dem Hausmeister der Kirche, Hartmut Giese, überschlagen. Das Areal ist insgesamt zwei Hektar groß. Zumindest an den beiden Seiten, die zu der Kleingartenanlage und dem dahinter beginnenden Koog weisen, müsste ein zwei Meter hoher Zaun errichtet werden. "Das sind rund 1000 Meter", rechnet Giese zusammen. "Dazu kommen Pfähle und Pforten. Wer soll das bezahlen?" fragt Audi Hansen.

"Da blutet einem doch das Herz"

Die einfachste und tiergerechteste Lösung wäre gewesen, westlich der Schrebergärten zwei Futterstellen einzurichten. "Damit wäre doch allen geholfen", so der Friedhofs-Verwalter. Aber hier steht wieder ein Gesetz dagegen. Laut Landesjagdgesetz ist das Füttern von Schalenwild verboten. Ausnahmen kann die Untere Jagdbehörde erteilen, wenn eine Notlage besteht. Bei der Entscheidung, wann eine Notlage vorliegt, wird die Verwaltung von den Kreisjägermeistern des Landes beraten. Und die haben sich vor Jahren einmal auf die Faustregel geeinigt: Wenn 20 bis 30 Zentimeter hoher und verharschter Schnee liegt, dann sollte gefüttert werden. "Die Schneelage war aber nicht so extrem", so Nordfrieslands Kreisjägermeister Thomas Carstensen (Olderup), entsprechend sei auch keine Notzeit ausgerufen worden.

Eine Entscheidung, die selbst unter der Jägerschaft nicht unumstritten ist. "Mit meinem Verständnis von Hege ist das nicht vereinbar", bezieht Hans Jakob Andritter, der viele Jahre Landesjagdpräsident war, klar Stellung. Die Situation für die Rehe sei in diesem Winter katastrophal: "Da blutet einem doch das Herz." Andritter kennt das Bredstedter Jagdrevier seit mehr als 60 Jahren. Schon als Kind war er mit seinem Vater in der Natur unterwegs. "Eine solche Hunger-Situation wie diesen Winter habe ich seit dem Schneewinter 1978/79 nicht erlebt", sagt er. Und: "Es sieht in der Marsch aus wie in der Mongolei – alles ist platt." Sonst hätten die Rehe wenigstens noch Winterweizen oder Raps, der normalerweise in der Jahreszeit zehn Zentimeter hoch steht, gefunden. Aber diesmal sei alles weggefroren. Die Jungtiere hielten diese lange Hunger-Periode kaum durch. In Bredstedt seien allein drei verendet in Gärten gefunden worden. "Wir Menschen räumen die Natur aus und verdichten die Böden durch maschinelle Bewirtschaftung. Da müssen wir in Notzeiten ausgleichen", fordert Andritter. Und: "Bei Vögeln tun wir das ja auch."

Der Friedhofs-Verwalter ist mit seinem Problem nun noch nicht wirklich weitergekommen. Aber er hat für die Betroffenen einen Insider-Tipp. Blattglanz-Spray und Hornmehl halten Rehe vom Fressen ab.

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