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Die eisige Kinderstube der Sattelrobben : Bedrohte Idylle auf dem Eis

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Im März versammeln sich die Sattelrobben vor der Ostküste Kanadas, um dort ihre Jungen zu gebären. Doch die eisige Kinderstube der flauschigen Tiere ist bedroht.

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2009 | 01:30 Uhr

März 1996, Sankt-Lorenz-Golf vor der Ostküste Kanadas. Wir fliegen über eine verzauberte, eine erstarrte Welt. So weit das Auge reicht, bedeckt weiß-glänzendes Eis das arktische Meer. Wie offene Wunden trennen breite Risse die riesigen Schollen, zwischen denen das Wasser dunkel schimmert. Dort, wo die mächtigen Eisplatten aufeinander prallten, zeugen Narben aus zersplittertem Eis von der Kraft der Elemente. Kaum zu glauben, dass in dieser archaischen Einöde Leben existiert.

Dann sind wir endlich am Ziel unserer Reise. Unter uns liegen Hunderte, wenn nicht Tausende dunkler Körper auf den Schollen. Im Licht der tiefstehenden Sonne werfen sie lange Schatten. Es sind Sattelrobben, Bewohner der offenen See, die so gut wie nie festes Land aufsuchen. Jetzt, im März, versammeln sie sich auf dem Eis, um dort ihre Jungen zu gebären. Hier, in ihrer eisigen Kinderstube, wollen wir die Meeressäuger filmen und fotografieren.
Klirrende Kälte raubt den Atem

In einem Wirbel glitzernder Eiskristalle landet unser Helikopter. Klirrende Kälte raubt uns den Atem, als wir die Türen öffnen. Eilig entladen wir die schwere Ausrüstung. Der starke Wind beißt im Gesicht und an den Händen - gemütlich ist es hier nicht. In den plumpen Thermo-Stiefeln stapfen wir ein paar hundert Meter durch den knirschenden Schnee - immer mit dem Wissen, dass nur eine Schicht gefrorenes Wasser uns vom arktischen Ozean trennt. Und dann der Augenblick, der uns für diesen Ort gefangen nimmt:

In einer kleinen Mulde, verborgen unter einer dicken Schicht pulvrigem Schnee, liegt bewegungslos ein Robbenbaby. Höchstens drei Tage alt, einen knappen Meter lang, aber dick wie eine pralle Wurst. Gegen die Kälte helfen ihm das weiße Jugendfell und die Fettschicht, die täglich dicker wird. Aus großen, dunklen Augen schaut das Tierchen uns an - voller Vertrauen und ohne Angst. Vielleicht ist es der Kontrast zur kalten Realität, der diesen Blick so unwiderstehlich macht.

An einer Stoßkante zweier Schollen hat sich das Eis meterhoch aufgetürmt. Direkt davor haben es sich ein paar ausgewachsene Sattelrobben bequem gemacht. Viele liegen auf dem Rücken, manche auf dem Bauch oder auf der Seite. Gelegentlich hebt eine den Kopf, um nach dem Rechten zu sehen.
Bis zu 150 Kilogramm schwer werden die Tiere

Bis zu zwei Meter lang sind die Tiere, und sie werden 150 Kilogramm schwer. Ihre Körper sind silbergrau bis braun, mit einer schwarzen, hufeisenförmigen Zeichnung auf dem Rücken.
Mehrere Mütter haben Babys an ihrer Seite. Satt und zufrieden dösen die weiß-plüschigen Dickwänste vor sich hin. Einige lassen sich säugen. Sie nuckeln an den Zitzen, die sich auf einer kahlen Stelle am Bauch der Weibchen befinden. Da die Milch der Robben etwa zehn mal fetter ist als Kuhmilch, nehmen die Jungen rasend schnell zu. Das ist auch gut so, denn nach etwa zwei Wochen ist Schluss mit der Fürsorge. 30 Kilo müssen die Kleinen bis dahin zugelegt haben. Zehn weitere Tage liegen sie dann noch alleine auf dem Eis. Im Alter von etwa vier Wochen, nachdem sie ihr helles Jugendfell gegen ein wasserdichtes Haarkleid gewechselt haben, können sie schwimmen und sind selbstständig.
Kläglich schreiend sucht das Robbenbaby seine Mutter

Eine der Robbenmütter wird plötzlich unruhig. Schwerfällig bewegt sie sich auf ihren kurzen, flossenartigen Vorderbeinen über das Eis und verschwindet kopfüber durch ein Loch ins Wasser. Sie hat Hunger und geht auf die Jagd nach Dorschen, Heringen und anderen Fischen. Das kann dauern. Als sie drei Stunden später noch immer nicht zurück ist, verliert ihr Junges die Geduld. Kläglich schreiend robbt es in die Nähe des Eislochs. Kurze Zeit später taucht Mutters Kopf endlich auf. Kleine Eisklümpchen hängen an ihren Wimpern und Schnurrhaaren. Mit einem kräftigen Schwung katapultiert sich das Robbenweibchen aus dem Wasser - und ihr Baby ist zufrieden.

Eine Idylle wie aus dem Bilderbuch. Aber wie lange noch? Der Klimawandel bedroht die friedliche Welt auf dem driftenden Eis. Wissenschaftler der internationalen Naturschutzorganisation IFAW haben beobachtet, dass die Eisflächen seit 1996 stetig kleiner werden. Kanadische Fischereibiologen vermuten, dass im Frühjahr 2007 die meisten Robbenbabys im Sankt-Lorenz-Golf ertrunken sind, weil die Eisschmelze zu früh einsetzte. Trotzdem werden alleine in Kanada noch immer jährlich mehr als 300.000 Sattelrobben gejagt. Während manche Politiker noch streiten, ob es überhaupt eine globale Erwärmung gibt, hat hier, auf dem Eis im Sankt-Lorenz-Golf, die Katastrophe bereits begonnen.

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