„Tanzsport lebt von Innovation“

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Agilando, Bokwa oder Swing: Tanzvereine und -schulen bieten Kurse für jeden Geschmack – und sind immer neuen Trends auf der Spur

shz.de von
05. Januar 2015, 09:55 Uhr

Werbung tut „ihrem“ Sport immer gut, findet Andrea Thors. „Jede neue Staffel der Fernsehshow ,Let’s dance’ sorgt für mehr Popularität der Tanzsportvereine und -schulen“, weiß die Pressesprecherin des Tanzsportverbandes Schleswig-Holstein (TSH). Ob es allein an der medialen Unterstützung liegt oder auch andere Gründe eine Rolle spielen – für sie steht fest: „Tanzen ist in, und zwar bei allen Altersgruppen.“ Stefan Oeser von „Tanzen in Kiel“ bestätigt den Trend: „Unsere Mitgliederzahlen schießen durch die Decke.“ In den zurückliegenden fünf Jahren seien sie von 240 auf knapp 900 gestiegen – damit ist der Club nach eigenen Angaben der größte Tanzsportverein in Norddeutschland, liegt bundesweit an fünfter Stelle. „Das Interesse am Tanzsport wächst“, sagt Oeser.

Gar nicht angestaubt, sondern nach wie vor angesagt ist der klassische Gesellschaftstanz, also das gesamte Repertoire der Standard- und lateinamerikanischen Tänze. „Wiener Walzer, Rumba oder Cha-Cha-Cha bieten die Möglichkeit, schöne Stunden zusammen mit dem Partner zu verbringen, nah beieinander zu sein und auch ein paar Worte zu wechseln“, erklärt Bernd Hörmann, Vize-Präsident des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbands (ADTV) und Leiter der ADTV-Region Nord. Gleichzeitig gebe es immer neue „Aufhänger“, die die Menschen (wieder) aufs Parkett lockten und sie den Reiz des Tanzens neu entdecken ließen: „Sommertänze“ wie etwa die – bei uns eher kurzlebige – Lambada oder die kubanische Salsa, die schon lange eine große Fangemeinde im Land hat.

Überhaupt sind Latino-Rhythmen beliebt bei den Nordlichtern: ein Grund dafür, dass der Fitness-Tanz Zumba – der karibische Klänge mit schweißtreibendem Workout verbindet – nach wie vor boomt, besonders bei jüngeren Frauen. Manche Vereine und Schulen bieten inzwischen auch den weniger latino-lastigen Nachfolger Bokwa an, bei dem nach Anweisung des Trainers Zahlen oder Buchstaben getanzt werden. Der Begriff setzt sich zusammen aus Boxen und Kwaito, einer südafrikanischen Musikrichtung.

Ebenso afrikanische Wurzeln hat der Kizomba – ein gefühlvoller Paartanz, der auch als Angolanischer Tango bezeichnet wird. „Nachdem er in den vergangenen Jahren vor allem in portugiesisch-sprachigen Ländern getanzt wurde, verbreitet sich Kizomba inzwischen auch in Deutschland“, sagt Stefan Oeser. „Und wir möchten ihn jetzt in Schleswig-Holstein bekannter machen.“

Im Norden bereits angekommen ist dagegen der West Coast Swing, der – wie alle Swing-Arten – seine Wurzeln in den USA der 1930er-Jahre hat und jenseits des Atlantiks inzwischen als der Trend-Tanz schlechthin gilt. „Tanzen kann man ihn zu praktisch jeder Musik im Vier-Viertel-Takt, insbesondere zu Blues, Rhythm & Blues oder Clubsounds“, sagt Hörmann. Fließende Bewegungen und atemberaubende Drehungen machen den West Coast Swing zu einem „sehr eleganten, aber auch eher anspruchsvollen Tanz“.

Anspruchsvoll ist auch das vom ADTV für die Generation 50 plus entwickelte neue Konzept Agilando, eine Kombination aus tänzerischer Gymnastik und Partytänzen, für die man keinen Partner braucht. „Ältere Menschen sind heute insgesamt körperlich fitter und geistig offener als früher – und wollen auch mit über 70 noch neue Figuren lernen“, weiß Hörmann.

Dass Tanzen – in erster Linie als Gesundheitssport – immer mehr Senioren anspricht, stellt auch Carola Kahrs vom Tanzclub Hanseatic Lübeck fest. „Die Musik trägt und inspiriert einen; auch bei körperlichen Einschränkungen ist Tanzen bis ins hohe Alter möglich.“ Erst kürzlich habe das „zweitälteste“ Mitglied ihres Vereins, eine Dame von 92 Jahren, ihr Tanzsportabzeichen abgelegt. Und für alleinstehende, meist ältere Menschen biete ein Tanzkurs außerdem eine gute Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen.

Doch auch am anderen Ende der Altersskala tut sich einiges. So werden seit der Einführung 2011 jedes Jahr mehr „Tanzsternchen“ in den schleswig-holsteinischen Vereinen verteilt – spezielle Abzeichen mit Button und Urkunde für kleine Tänzer von drei bis acht Jahren, die die Choreographie für mindestens zwei Gruppentänze sicher beherrschen. „Da werden wir in diesem Jahr die 200er-Marke knacken“, sagt Andrea Thors.

Bei den Jugendlichen ist vor allem Cooles angesagt: HipHop, Video-Clip Dance, Jazz- oder Breakdance. Doch auch die Jungen lassen sich von den „alten“ Rhythmen und Schrittfolgen locken, nach denen schon die Großeltern sonntags über die Diele geschwoft sind. „Gesellschaftstänze sprechen auch Teenager an“, sagt Tanzlehrer Hörmann.

Die Vereine stellen beim Nachwuchs jedoch auch eine weitere Entwicklung fest: Immer weniger junge Leute haben Lust, ihre Wochenenden auf Turnieren zu verbringen, wollen dem Hobby lieber „freizeitmäßig“ nachgehen. „Der Trend geht klar weg vom Leistungs- und hin zum Breitensport“, bilanziert Andrea Thors vom TSH. „Die Palette an Aktivitäten ist groß, gleichzeitig wird die Freizeit knapper.“ Um so mehr seien Vereine und Schulen bemüht, Bewegungsfreudige aufs Parkett zu locken – mit Angeboten für jede Altersklasse und (fast) jeden Musikgeschmack. „Vielfalt ist wichtig“, betont auch Stefan Oeser: „Der Tanzsport lebt von Innovation. Unsere Aufgabe ist es, immer neue Trends aufzuspüren und Abwechslung zu bieten, um Menschen fürs Tanzen zu begeistern.“


>Teil 2, 13. Januar: Trend Fitness-Tanz

> Teil 3, 20. Januar: Tanzen für Demenzkranke

> Teil 4, 27. Januar: Jugend tanzt

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