Besuch beim LKA in Kiel : Spurensicherung: Wie Sekundenkleber Kriminelle verrät

sh:z-Redakteurin Sibylle Bremer (links) mit Forensikerin Maris Witt.

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Die Daktyloskopie des Landeskriminalamts macht mit chemischen Verfahren sichtbar, was dem bloßen Auge verborgen bleibt.

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29. November 2017, 13:45 Uhr

Kiel | Nicht nur in Fernsehkrimis, sondern auch im echten Leben sind es oft unscheinbare Beweisstücke, die Gesetzesbrecher hinter Gitter bringen. Spuren, mit dessen Hilfe Täter identifiziert und Fälle aufgeklärt werden können. Beim Landeskriminalamt (LKA) in Kiel ist es der Bereich Daktyloskopie, der sichtbar macht, was dem bloßen Auge eher verborgen bleibt. Das Wort „Daktylos“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Finger, „skopein“ heißt schauen, und die Daktyloskopie ist damit eine Fingerschau.

 

1897 überführte Scotland Yard erstmals einen Verbrecher anhand seiner Fingerabdrücke. Seit 100 Jahren werden auch in Deutschland Hautlinien zur Personenidentifizierung systematisch erfasst. Die Daktyloskopie ist weltweit fester Bestandteil der Kriminologie und beruht darauf, dass mit jeder Berührung der Fingerspitzen feinste Absonderungen übertragen werden. Aminosäuren, Schweiß und Fette setzen sich auf den Hautleisten der Kuppen ab und bleiben bei Kontakt mit Gegenständen haften. Die charakteristischen Papillen bilden sich bereits im Mutterleib und bestehen ein Leben lang. Jeder Fingerabdruck ist einmalig – eine perfekte Voraussetzung zur Überführung von Tätern.

In Kiel werden die Beweismaterialien gesichtet

Die vier Mitarbeiter des Sachgebiets „433/Daktyloskopische Spurensuche“ werten in Kiel Beweismaterial aus, das zuvor landesweit an Tatorten gesammelt und erfasst wurde. Je nach Oberflächenstruktur nutzen sie dafür physikalische oder chemische Verfahren. Auf Glas oder Plastik können Beamte Fingerabdrücke noch am Tatort mit Rußpulver erkennbar machen und danach mit Klebefolie fixieren. Aufwendiger ist das Verfahren bei saugfähigen Stoffen wie Papier, bei denen die Chemikalie Ninhydrin verwendet wird. Das Salz reagiert mit Aminosäuren und hinterlässt eine violette Färbung.

Im LKA-Labor werden alle nichtsaugenden Objekte hingegen nahezu ausschließlich mit Cyanacrylat, besser bekannt als Sekundenkleber, behandelt. In einem Bedampfungsschrank im ersten Stock des LKA zeigt Sachgebietsleiter Dr. Norbert Buchholz, welche Beweisstücke aktuell untersucht werden. Putzspray, Schmuckkästen, Schraubenzieher, Schokoriegel und Getränkedosen – all das sind Gegenstände, die jüngst an Tatorten gesichert wurden. Die Funde werden mit flüssigem Klebstoff bedampft, der dann erhärtet und vorhandene Fingerabdrücke als weiße Muster erkennbar macht. Eine Kontrastierung mit einem fluoreszierenden Mittel ist zudem möglich. Wenn dann Dr. Norbert Buchholz das Beweisstück unter einer UV-Lichtquelle im abgedunkelten Labor betrachtet, erstrahlen die Abdrücke. Ein Effekt, der an das Aufdecken von Blutspuren in Krimis erinnert.

Sind die Fingerabdrücke erst einmal sichtbar, werden sie im 2. Stock vom Sachgebiet 441 ausgewertet. Grundlage sind dabei die sogenannten Minutien, die Endungen und Verzweigungen der Papillarlinien.

Sichtbare Abdrücke auf Falschgeld.
Victoria Lippmann
Sichtbare Abdrücke auf Falschgeld.

Seit 1994 nutzen Experten das Automatische Fingeridentifizierungssystem (AFIS), um die gesicherten Tatortspuren mit bereits vorhandenen Fingerabdrücken von Straftätern zu vergleichen. Die bundesweite Kartei umfasst über drei Millionen Fingerabdrücke. Eine Aufgabe am Computer, die viel Sorgfalt erfordert, „denn die Fingerabdrücke am Tatort sind oft unvollständig, verwischt oder überlappen sich“, erklärt Detlef Rosenkranz vom Erkennungsdienst Daktyloskopie. Nach deutschem Recht müssen zwölf dieser Minutien bei zwei zum Vergleich stehenden Fingerabdrücken übereinstimmen, danach gilt eine Person als identifiziert. „Wir arbeiten mit dem 4-Augen-Prinzip“, ergänzt Rosenkranz. Jede Auswertung wird erneut kontrolliert. Erst dann kann sie vor Gericht zur Aufklärung eines Verbrechens verwendet werden.

Nicht nur der Finger, auch das Ohr verrät so einiges

Das Fingerabdruckverfahren ist beim LKA nur eine Möglichkeit von vielen zur Personenidentifizierung. Untersucht werden ebenso Ohrabdrücke, die beispielsweise entstanden, als der Einbrecher erst an der Eingangstür lauschte, ob jemand zu Hause ist. Schuhprofilabdrücke, die davon herrühren, dass der Täter über Schmutz und Staub lief. Fasern, die der Dieb möglicherweise verlor, als er an der Hausmauer entlang glitt oder Blut, das an der zerbrochenen Fensterscheibe kleben blieb. „Wir wundern uns immer wieder, wie unbedarft die Täter vorgehen“, ergänzt Kollegin und Forensikerin Maris Witt, die selbst auf nassen Oberflächen Fingerabdrücke sichtbar machen kann. Wie die Kriminologen aber im Detail vorgehen, verrät Dr. Norbert Buchholz nicht. „Wir wollen den Tätern ja keine Tipps geben, sondern sie kriegen.“

Schuhprofile werden untersucht.
Victoria Lippmann
Schuhprofile werden untersucht.
 

Nicht in einer Privatwohnung, sondern in das Pariser Louvre-Museum brach 1911 ein Dieb ein, der die berühmte „Mona Lisa“ stahl. Er schnitt das Gemälde aus dem Rahmen, nahm es mit, ließ den Bilderrahmen zurück – und konnte Jahre später aufgrund seiner Fingerabdrücke gefasst werden.

 
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