Kriminalität in SH : Einbruch in die Privatsphäre - drei Opfer berichten

Der Dieb geht, die Angst bleibt. Redakteurin Sibylle Bremer hat mit drei Opfern gesprochen und so erfahren, wie sehr sie unter den Folgen leiden.

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18. Oktober 2018, 09:58 Uhr

Flensburg/Husum/Lübeck | Es sind drei unterschiedliche Fälle, die aber gleichermaßen verdeutlichen, was Einbrüche bei den Betroffenen bewirken können: 2015 passierte einer Lübeckerin das, wovor sich viele Frauen fürchten. Es war kurz nach Mitternacht, als die schlafende 40-Jährige in ihrer Mietswohnung durch ein Geräusch geweckt wurde und in der Dunkelheit eine Gestalt direkt neben ihrem Bett ausmachte. Ein Mann, der gerade in ihre Nachttischschublade griff. Die allein lebende Frau, die im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnt, reagierte ungewöhnlich: Sie richtete sich auf und hielt den flüchtenden Unbekannten am Arm fest. „Wie aus einem Reflex heraus, ich habe mich festgekrallt, ohne zu wissen, warum.“ Der Mann, der über ein auf Kipp gestelltes Fenster ins Gebäude gekommen war, riss sich los und floh über den Balkon. Beute nahm der Einbrecher keine mit. Zurück ließ er eine Bewohnerin, die noch Wochen später nachts hochschreckte und erst zu Ruhe kam, als sie die Möbel in ihrem Schlafzimmer umstellte, „weil ich das Gefühl hatte, irgendetwas verändern zu müssen.“

Einbruch während des Urlaubs

Ein weiterer Fall ist ebenfalls zwei Jahre her: Das Opfer ist diesmal eine 63-jährige Flensburgerin, die allein in einem Einfamilienhaus lebt. Dicht an dicht stehen in ihrem Wohnviertel die Häuser, getrennt von mannshohen Hecken. Im Sommer machte die Rentnerin Urlaub in Amerika. Bei ihrer Rückkehr sprudelte sie über, als sie ihren Verwandten am Flughafen von den Erlebnissen berichtet – dann aber mit der Frage „Und was ist denn hier so passiert?“ damit konfrontiert wurde, was ihr bis heute zusetzt: Diebe hatten ihr Küchenfenster aufgehebelt, Schmuck und Bargeld entwendet. Als die Urlauberin heimkehrte, waren zwar alle Spuren bereits beseitigt, geblieben ist aber dennoch das Gefühl, sich im eigenen Heim nicht mehr sicher zu fühlen. Die Flensburgerin schließt sich seither jeden Abend in ihr Schlafzimmer ein. Dreimal hatte sie in Panik bereits die Polizei angerufen, weil sie glaubte, etwas gehört zu haben. „Ich war immer schon ein ängstlicher Typ“, gibt sie als Erklärung dafür, dass sie weiterhin mit dem Einbruch zu kämpfen hat. „Für mich ist mein Haus immer noch wie beschmutzt“, so die Rentnerin.

Die Verletzung der Privatsphäre ist auch das, was eine 51-Jährige als das Schlimmste am Einbruch beschreibt – der letzte Fall, der vor vier Monaten in einem 2000-Seelendorf am Rande von Husum passierte. Als die Bewohnerin nach dem Besuch einer Freundin zurückkehrte, fielen ihr die leeren Schmuckboxen im Flur ihres Einfamilienhauses sofort ins Auge. „Im ersten Moment dachte ich, ein Tier war ins Haus gekommen und hatte hier rumgewühlt – ein völlig irrationaler Gedanke.“ Nachdem sie Sekunden später jedoch im Schlafzimmer die geöffnete und ausgeleerte Kommode registrierte, kam die Panik. „Ich musste raus aus dem Haus, rannte zum Nachbarn.“

Die Täter blieben unterkannt

In allen drei Fällen konnten die Täter nie gefasst werden, die Beute blieb verschwunden. Die professionell durchgeführten Einbrüche in Flensburg und in der Nähe von Husum lassen auf eine Bande schließen. Die Täter zerstörten wenig und gingen gezielt vor. Sie wählten aus, was wertvoll war. „Irgendwie denkt man, das kann mir ja nicht passieren“, sagt die Nordfriesin. „Vielleicht hatte ich deshalb meinen Schmuck so leichtsinnig im Schlafzimmer aufbewahrt.“

Der Fall der Lübeckerin ist ungewöhnlich, da Einbrecher seltener mitten in der Nacht kommen. Auch prüfen sie meist zuvor, ob jemand zu Hause ist. Ungewöhnlich ist zudem, dass sich die Mieterin wehrte – wovor die Polizei jedoch dringend warnt.

Polizei-Tipp: Was ist zu tun, wenn ein Dieb im Haus ist?

Wichtig ist es erst einmal, ruhig zu bleiben – auch wenn es schwerfällt. Die Polizei empfiehlt, auf sich aufmerksam zu machen, damit der Einbrecher merkt, dass er entdeckt worden ist. Der Bewohner kann beispielsweise  Licht anmachen oder  Geräusche verursachen. Im Schlafzimmer ist es ratsam, immer ein Telefon bereitzuhalten.

Wer einen Täter im Haus bemerkt, sollte sich einschließen und unverzüglich den Polizeiruf  110 wählen. Dringend davon abgeraten wird es hingegen, sich dem Täter in den Weg zu stellen. Mit seinem mitgeführten Werkzeug, beispielsweise einer Brechstange,  kann der Einbrecher dem Bewohner schwere Verletzungen zufügen. Laut Erfahrung der Polizei flüchten  fast alle Diebe, sobald sie entdeckt worden sind.

Jeder Dritte bekommt einen Schock

Ein Drittel der Einbruchsopfer erleidet einen Schock, das besagen Studien. Hilfe können sie sich beim „Weißen Ring“ holen, der für diesen Artikel den Kontakt zu den drei Personen herstellte. Alle drei Opfer wollten namentlich jedoch nicht genannt werden, weil sie sich ohne Sicherheitsmaßnahmen am Gebäude zum Teil selbst die Schuld am Einbruch geben und weil sie in ihrem Umfeld nach der Tat auf zu wenig Verständnis stießen. „Von einigen Bekannten wurde der Vorfall heruntergespielt. Dass mir doch schließlich nichts passiert sei, bekam ich zu hören“, so die Husumerin.

Der „Weiße Ring“ rät Opfern zur Verarbeitung des Geschehens einen Brief an die Einbrecher zu richten.  Diese Worte  an die Unbekannten verfasste die Nordfriesin.
shz.de
Der „Weiße Ring“ rät Opfern zur Verarbeitung des Geschehens einen Brief an die Einbrecher zu richten.  Diese Worte  an die Unbekannten verfasste die Nordfriesin.

Dabei kann die Verletzung der Privatsphäre schwerwiegender sein als eine physische Verletzung nach einem Rohheitsdelikt. „Ein Einbruch ist ein Angriff auf die Seele“, weiß Kriminalhauptkommissar Kay Katzenmeier vom Landespolizeiamt. Der eigene Rückzugsort sei entweiht, die feste Burg zerstört. „Wer so etwas nicht selbst erlebt hat“, betont das Flensburger Opfer, „kann sich die Auswirkungen einfach nicht vorstellen.“ Schlimmstenfalls sind die Ängste nach einem Einbruch derart stark, dass Wohnungseigentümer einen Umzug wählen.

Hilfe, um den Schock zu verarbeiten

Mit den Folgen eines Einbruchs haben besonders ältere sowie alleinstehende Frauen zu kämpfen – daher nehmen auch mehr Frauen als Männer die Hilfe vom „Weißen Ring“ an. Die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbrüchen liegt hierzulande bei unter 20 Prozent, nur drei Prozent der Gefassten werden verurteilt. Folglich wird meist niemand zur Verantwortung für das Geschehene gezogen – ebenfalls etwas, was es den Opfern so schwer macht.

(Aus dem Archiv, Dezember 2017)

 
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