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Spreepark - eine skurrile Attraktion

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Er war der erste ständige Rummelplatz in der DDR, seit zwölf Jahren gammeln die Fahrgeschäfte vor sich hin - dennoch kommen Besucher

shz.de von
erstellt am 17.Aug.2013 | 07:26 Uhr

Berlin | Die gelben Wagen der Wildwasserbahn stehen im Bahnhof - als seien die Fahrgäste gerade erst ausgestiegen. Doch den letzten zahlenden Besucher haben sie vor knapp zwölf Jahren gesehen. Entsprechend dick ist die Dreckschicht auf dem Boden, die Scheibe des Kassenhäuschens ist eingeschlagen, das Wasser grün vor Algen. Die Wildwasserbahn ist eines von neun verbliebenen Fahrgeschäften im Berliner Spreepark. Wie alle anderen gammelt sie seit November 2001 vor sich hin - und sind längst zur Attraktion für Touristen geworden.

Seit vier Jahren bietet Christopher Flade am Wochenende auf dem Gelände Führungen an. Knapp 50 Teilnehmer sind an diesem Sonntagmittag gekommen: Berliner, aber auch Gäste aus dem Ausland, die sich diese skurrile Attraktion im Plänterwald nicht entgehen lassen wollen. Für viele ist es eine Reise in die eigene Vergangenheit: Knapp die Hälfte der Besucher kennt das Gelände noch aus DDR-Zeiten.

Der Spreepark wurde am 4. Oktober 1969 zum 20. Geburtstag der DDR eingeweiht. Der "Volkseigene Betrieb (VEB) Kulturpark" war der einzige ständige Rummelplatz. "Hier konnte man Sachen fahren, die es anderswo nicht gab, weil sie aus dem Westen kamen", weiß Flade. Nach der Wende fiel der Park in die Zuständigkeit des Berliner Kultursenats, der dort einen "Freizeitpark nach westlichem Vorbild" errichten wollte und einen Betreiber suchte. Den Zuschlag erhielt die Spreepark GmbH von Pia Witte. Von den Attraktionen der DDR blieb nach dem Neuanfang nicht viel erhalten. Neben dem Wahrzeichen - dem Riesenrad - sind es nur noch die Eingangshäuschen - und die Toiletten. Rund 40 Millionen D-Mark investierte Witte in den ersten Jahren: Schiffschaukel, Familienachterbahn, Loopingbahn. Der ehemalige Betonplatz, auf dem der Rummel stand, wich Seen und Grünfläche. Nach den Umbauten wurde der Plänterwald jedoch Landschaftsschutzgebiet. Auf einen Schlag durften zum Beispiel die Parkplätze nicht mehr genutzt werden. Die Besucherzahlen gingen immer weiter zurück. 2001 zog Pia Witte einen Schlussstrich und stellte den Betrieb ein. Die Spreepark GmbH ging in die Insolvenz. Neue Investoren haben sich seitdem nicht gefunden. Der Schweizer Erich von Däniken, Bestsellerautor von Büchern über Außerirdische, blitzte mit seinem Versuch ab, auf dem Gelände einen Ufo-Landeplatz zu errichten.

Der Park ist nun mehr oder weniger sich selbst überlassen. Der Besucher streift an vielen Stellen durch dichten Wald. Die Natur erobert sich die Fläche zurück. Wären da nicht immer wieder diese skurrilen Reste des Parks: Schwanenboote stehen verlassen an einem See, mittlerweile wuchert Gras in ihnen, verfallene Imbissbuden tauchen am Wegrand auf, hin und wieder stolpert man über Schienen eines Fahrgeschäfts. Etliche der ehemaligen Attraktionen sind einsturzgefährdet, auch die ehemalige Familienachterbahn. "Bitte nicht auf die Stufen steigen", warnt Flade die Teilnehmer der Führung. "Da bricht ein Brett nach dem anderen runter." Ein Blick nach oben zeigt in der Tat viele Löcher - und Rost. Ein Achterbahnwagen steht noch im Bahnhof zum Einsteigen bereit. "Da bin ick ooch mitjefahren", sagt eine Frau zu ihrer Tochter.

Toppen kann das nur noch das 45 Meter hohe Riesenrad und eine unscheinbare Brücke mitten im Wald. "Keine Ahnung, warum die so beliebt ist", sagt Flade. Immer wieder fragen Fernseh- und Kinoproduzenten an und wollen an der Brücke eine Szene drehen. Überhaupt ist der Park eine beliebte Kulisse geworden. "Der Playboy ist mittlerweile Stammgast bei uns." Immer wieder räkeln sich leicht bekleidete Damen im Park - vorzugsweise auf den Dinosauriern, von denen die meisten mittlerweile umgestürzt sind. Flade bezeichnet den Spreepark als sein Hobby. Als Kind war er oft hier.

Ohne Führung dürfen Besucher nicht auf das Areal. Doch daran halten sich nicht alle. "Der Wachschutz greift pro Tag rund 500 Einbrecher auf", erzählt Flade. Die meisten davon sind über den Zaun geklettert. Bis vor wenigen Jahren hatten sie leichtes Spiel. Dreimal am Tag kam ein Sicherheitsdienst für jeweils eine halbe Stunde. "Die Zeiten standen sogar im Internet." Doch mittlerweile hat Pia Witte einen eigenen Dienst eingestellt, der ständig vor Ort ist und die Einbrecher zur Anzeige bringt. Einige Einbrecher haben ganze Arbeit geleistet: Eines Nachts verschwand ein Autoscooter - "nein, nicht nur ein Wagen, ein ganzes Fahrgeschäft", sagt Flade. Auch der beliebte Till-Eulenspiegel-Brunnen wurde geklaut.Fast alle Kupferkabel wurden aus dem Boden gerissen. Mit einigen Eindringlingen hat der Sicherheitsdienst aber auch Mitleid: Vor ein paar Monaten griff er eine 90-Jährige auf, die im Riesenrad festsaß. "Das war früher so schön hier", entschuldigte sie sich. "Ich wollte einfach noch mal."

Wie geht es nun mit dem Park weiter? Anfang Juli wurde eine Zwangsversteigerung des Erbbaurechts gestoppt. Frühestens in einem halben Jahr ist der nächste Termin angesetzt. Mindestens so lange macht auch Christopher Flade mit seinen Führungen weiter.

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