«Die verbotene Insel» : Kutschfahrten auf der gesperrten Halbinsel Wustrow

Die gesperrte Ostseehalbinsel Wustrow (hinten), vorn der Ostseestrand von Rerik. Für Jahrzehnte war die Halbinsel Wustrow geheimnisumwittert.
Die gesperrte Ostseehalbinsel Wustrow (hinten), vorn der Ostseestrand von Rerik. Für Jahrzehnte war die Halbinsel Wustrow geheimnisumwittert.

Seit Jahrzehnten hat die Halbinsel Wustrow den Beinamen «die verbotene Insel». Noch ist der Zaun geschlossen, doch es gibt Signale, dass etwas in Bewegung gerät.

shz.de von
09. Juli 2018, 10:55 Uhr

Es gibt wohl nur wenige Orte in Mecklenburg-Vorpommern, die so geheimnisumwittert sind wie die Halbinsel Wustrow bei Rerik. Die einzige Zufahrtsstraße, der schmale einspurige «Hals», ist seit rund 14 Jahren am Ende mit einem Zaun versperrt, der bis in die Ostsee hinein reicht.

Ein Wächter passt auf, dass niemand auf die rund 1000 Hektar große Halbinsel mit ihrer wechselvollen Geschichte kommt. Diese ist vor allem durch die Anwesenheit der Wehrmacht und später von Sowjet-Militär in den Jahren zwischen 1933 bis 1993 geprägt. Und nun ist die Insel seit vielen Jahren in Privatbesitz.

Mit der absoluten Abgeschlossenheit ist es seit kurzem vorbei. Seit wenigen Wochen darf eine Pferdekutsche mit maximal 20 Personen eine Runde durch den oberen, etwa 300 Hektar großen Teil fahren, um Einheimische und Touristen durch eine bizarre Landschaft zu führen. «Mit den Kutschfahrten erfüllen wir die Wünsche der Menschen, dass sie sich die Insel anschauen können», sagt Investor Anno August Jagdfeld, Chef der Entwicklungs-Compagnie Wustrow (ECW). Rund 80 Jahre lang war Wustrow die «verbotene Insel». Jagdfeld vergleicht die kleine Insel mit den Hamptons, einem noblen Viertel auf Long Island bei New York. «Dort ist eine ähnlich schöne Landschaft. Bei uns gibt bei keine schöneren Lagen als die auf Wustrow.»

Der vor allem durch seine Nagelbilder bekannt gewordene Günther Uecker hat auf Wustrow seine Kindheit und Jugend verbracht. Der 1930 geborene Künstler erzählt immer wieder mit seinen Kunstwerken, wie er als zwölfjähriger Junge die toten Soldaten beerdigt hatte, die er am Strand gefunden hatte. Eine kleine Hütte steht noch in Strandnähe, aber wohnen durfte er dort nicht.

Jeder, der auf der Kutsche mitfährt, muss unterschreiben, dass er sich korrekt verhält und nicht auf eigene Faust durch das Gelände streift. Denn hin und wieder gab und gibt es Leute, die schwarz auf die Insel kommen, wie zahlreiche Posts im Internet bezeugen. Und die Bundespolizei übt zwischen Meer und Salzhaff im Schnitt zwei Mal im Jahr Häuserkampf, wie die Reriker berichten.

«Es sind alle froh, dass durch die Kutschfahrten ein bisschen Bewegung in die Sache eingezogen ist», sagt Reriks Bürgermeister Wolfgang Gulbis (SPD). Wie die Sache am Ende aber ausgehen wird, könne noch niemand sagen, macht er die über die Jahre verhärtete Ausgangsposition deutlich.

Jagdfeld hatte 1998, als er die Halbinsel nach früheren Angaben für 12,5 Millionen D-Mark von der Treuhand kaufte, weitreichende Pläne. Aus den bebauten 100 Hektar in der alten Gartenstadt wollte er eine exklusive Siedlung gestalten, für Touristen und wohlhabende Senioren. Insgesamt 300 Hektar, davon 200 Hektar Ackerland wurden zwei Meter tief umgebuddelt und von Munition befreit. Die Kosten trug der Bund. Der 700 Hektar große Rest ist europäisches Vogel-, Landschafts- und Naturschutzgebiet und vor allem nicht beräumt - eine munitionsverseuchte Naturidylle. «Wustrow hat 20 Jahre nur Geld gekostet», sagt Jagdfeld im Blick zurück.

Die Kommunikation zwischen Jagdfeld und Rerik, das Planungshoheit über die Halbinsel hat, war nicht immer optimal. Die Stadt wolle sanften Tourismus, Fundus aber plane Urlauberpower, hieß es damals. Das Schweigen zog sich über mehrere Jahre hinweg. Bereits 2004 wurde die Zufahrtsstraße gesperrt.

Erst jetzt gibt es zarte Annäherungen, man spricht miteinander, die Kutschfahrten sind ein Ausdruck davon. Jagdfeld ist in der Region gut bekannt. 1996 hatte er das Gelände des Grand Hotels in Heiligendamm erworben, auch damit war ihm jedoch bekanntermaßen kein Glück beschieden.

Die meisten der 90 Häuser aus der Militärzeit in der Gartenstadt sind verfallen, «trostlos» ist ein Wort, das häufig fällt. Auf Häuser gestürzte Bäume, Balkone hängen runter, die Natur holt sich verloren gegangenes Terrain zurück. Doch immer noch sind genügend Häuser da, die ihre eigenen Geschichten erzählen können. Offiziershäuser, Mannschaftsunterkünfte, ein Krankenhaus, ein Kino oder ein Flughafen-Tower, der allerdings nie genutzt wurde, wie Jagdfeld erzählt. Denn die Sowjets hätten nie richtige Flugzeuge stationiert, Attrappen wurden hin und her geschoben. Ob sich der kapitalistische Klassenfeind täuschen ließ, ist nicht überliefert.

Im Towergebäude gibt es eine riesige sowjetische Wandmalerei, auf der die «siegreiche Rote Armee» mit Panzern, Flugzeugen und Truppen abgebildet ist. Und überall auf dem Gelände sind die Betonreste von Flak-Fundamenten zu sehen. «Die hatten den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als aufs Meer zu schießen», sagt Jagdfeld. Viel Munition wurde versenkt.

Für den Geschäftsführer des Landestourismusverbands, Bernd Fischer, ist Wustrow ein Areal, das die einmalige Möglichkeit für ein hochinteressantes touristisches Produkt bietet. «Es muss als ein zukunftsweisendes und ökologisches Projekt ausgerichtet sein.» Nur das passe zu dieser Insel. Aber er verweist darauf, dass eine vernünftige Verkehrslösung dafür her muss. «Der Druck auf beide Seiten wird zunehmen. Ich bin mir sicher, dass es nicht nur bei den Träumen bleibt.»

Jagdfeld hofft auf ein neues Bewusstsein in der 2100-Einwohner-Kommune. «Es wäre doch schade, wenn das Gelände unerschlossen bleibt.» Ob es jemals Entscheidungen gibt und ein Ende des Dornröschenschlafs ansteht? Jagdfeld zuckt mit den Schultern.

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