Folge 16 : Fröhliche Kinder und eine 300 Jahre alte Trommel

Kinder spielen Federball in einem Haus. Die Gebäude im Dorf Long Bia haben bunte Säulen - jedoch keine Schreckfiguren mehr. Schuld sind die holländischen Missionare.

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11. Juli 2011, 09:11 Uhr

Mit dem Hausherrn meiner Unterkunft besuche ich verschiedene Punkte im Dayak-Dorf Long Bia. Genau genommen sind es zwei Dorfteile, die von unterschiedlichen Dayak-Stämmen bewohnt werden. Sogar von den im Urwald lebenden Punan, einem kleinwüchsigen Stamm, hat es einige ins Dorf verschlagen. Wir besuchen den Kulturchef. Er wohnt in einem kleinen Holzhaus mit Terrasse, wo sich eine 300 Jahre alte Trommel befindet, gut mannshoch, und noch immer voll funktionsfähig. Bereits vor Jahrhunderten wurde von seinen Vorfahren darauf getrommelt, und auch heute kommt sie zu festlichen Gelegenheiten noch immer zur Anwendung.
Wir sehen uns das große Dorfversammlungshaus an. Ein hoher Mast, mit einem riesigen, hölzernen Nashornvogel verziert, steht davor. Das Holzhaus gleicht einer Halle und ist mit zahlreichen Schnitzereien und traditionellen Zeichnungen versehen. Einige Kinder spielen gerade Federball darin. Auch andere respektable Häuser sind mit schönen Zeichnungen auf Säulen versehen, aber die alten Hampatongs, Schreck- und Zauberfiguren, die das Dorf schützen sollen, gibt es nicht mehr. Das holländische Missionswesen hat die alten Religionen und Traditionen nahezu zum Erliegen gebracht und nur in "harmlosen" Relikten am Leben erhalten.
Gutes Aussehen der Menschen ist auffallend
Richtig belebt wird Long Bia durch die vielen munteren Kinder, die nach der Schule umher schwärmen und ein freies Leben führen. Sie gehen in den Häusern ein und aus, und ich weiß nie, wer zu wem gehört. Auffallend ist das gute Aussehen der Menschen und ihre natürliche Freundlichkeit, und viele hätten nur zu gerne ein Gespräch mit mir geführt, was wegen der Sprachschwierigkeiten aber eher einfach ausfiel. So bin ich froh, George kennenzulernen, der seit drei Jahren in Tanjung Selor auf einer Plantage arbeitet und jetzt Urlaub am Kayanfluss macht. Er stammt aus Timor und kennt Borneo sonst kaum, spricht aber gut englisch. Ihm sind die Probleme der Waldabholzung nur zu gut bekannt und er möchte jetzt lieber in einem nachhaltigen Waldnutzungsprojekt weiterarbeiten, dass den Dayak zugute kommt.
Ein junger Wissenschaftler aus Djakarta trifft ein. Er ist Geologe und will in der Umgebung nach Kohle suchen. Tatsächlich ist Borneo durch und durch von Kohle durchsetzt. In Kuching besuchte ich vor einigen Wochen im Museum eine Ausstellung mit Versteinerungen und Kohlefunden. Neben alten Pflanzen- und Tierformen wurden auch Saurierfunde gemacht, was zeigt, welch alter Erdteil die Insel ist. Wenig später zeigt uns der Wissenschaftler ein paar Kohlefunde, die er per GPS lokalisiert, während die Frauen mit großen flachen Strohhüten ungeschroteten Reis auf Matten ausbreiten. Victor von Plessens Buch mit den alten schwarz-weiß Bildern geht durch unzählige Hände. Die Dayak sind beeindruckt bis belustigt über die verlorene Welt, die die Abbildungen von ihren Vorfahren zeigen. Alle bestätigen, dass es das hier in der Gegend so nicht mehr gibt.
(shz)

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