Die böse Macht der Graffitis

Illegale Graffitis - mit ihnen suchen Jugendliche Aufmerksamkeit und Anerkennung. Foto: dpa
Illegale Graffitis - mit ihnen suchen Jugendliche Aufmerksamkeit und Anerkennung. Foto: dpa

Wilde Wandmalereien beeinflussen das Verhalten der Menschen. Das belegt eine Studie der Universität Groningen. Wo Graffitis auf Wände gesprüht wurden, werden eher Gesetze übertreten als dort, wo Mauern makellos sind.

Avatar_shz von
03. Januar 2009, 03:59 Uhr

Washington/Hamburg | Graffiti tragen nicht unbedingt zur Verschönerung eines Viertels bei. Eine Studie zeigt jetzt, dass die Schmierereien außerdem das Verhalten der Menschen negativ beeinflussen. Wissenschaftler der Universität Groningen in den Niederlanden konnten in Feldversuchen nachweisen, dass allein die Anwesenheit von Graffiti die Zahl der Menschen mehr als verdoppelte, die stahlen oder Abfälle auf die Straße warfen.

Die Wahrscheinlichkeit steige, dass Menschen Normen oder Gesetze übertreten, wenn sie beobachten, dass auch andere Regeln verletzen, schreiben die Wissenschaftler um Kees Keizer im US-Fachjournal "Science" (online vorab). Der Effekt sei nicht auf gesellschaftliche Normen begrenzt, sondern gelte auch für polizeiliche Verordnungen und legitime Bitten privater Firmen.

Die Wissenschaftler führten sechs Feldversuche durch. In einem Fall beobachteten sie Menschen in einer Straße in einem Shopping-Viertel, wo viele Fahrräder parken. Mal waren die Wände sauber, mal wurden sie beschmiert - wobei es sich um einfache Graffiti handelte und nicht etwa um kunstvollere Bilder. An den Fahrradlenkern wurden Werbezettel (Flyer) befestigt. Dann beobachteten die Wissenschaftler das Verhalten der Leute, wenn sie ihr Rad wieder abholten. Einen Mülleimer gab es in der Straße nicht. Die Forscher stellten einen deutlichen Unterschied fest: Waren die Wände sauber, warfen 33 Prozent der Radfahrer den störenden Flyer auf die Straße. Gab es Graffiti, waren es hingegen 69 Prozent - mehr als doppelt so viele.

Keizer und Kollegen konnten auch nachweisen, dass Graffiti und Müll die Bereitschaft zum Stehlen erhöhen. Aus einem Brief kasten ließen sie einen Umschlag heraushängen, in dem sich sichtbar ein Fünf-Euro-Schein befand. Das Ergebnis: Waren der Briefkasten und seine Umgebung sauber, stahlen 13 Prozent der Passanten den Umschlag mit dem Geld. Das taten aber doppelt so viele, wenn der Briefkasten mit Graffiti beschmiert war (27 Prozent) oder Müll herumlag (25 Prozent). Die wahrscheinlichste Inter pretation für diese Ergebnisse sei, dass ein Fehl verhalten (Graffiti oder Werfen von Abfall auf die Straße) ein weiteres Fehlver halten (Stehlen) fördert, in dem es das Ziel eines ordnungsgemäßen Verhaltens abschwächt, erläutern die Wissenschaftler.

In einem weiteren Versuch stellten die Forscher einen Zaun am Fußgänger-Haupteingang eines Parkplatzes auf, ließen aber eine Lücke von 50 Zentimetern Breite. An den Zaun hängten sie ein Durchgangsverbotsschild - wer sein Auto abholen wollte, musste also 200 Meter weiter zum nächsten Eingang laufen. Ein zweites Schild unter sagte es, Fahrräder am Zaun festzumachen. Die Forscher untersuchten zwei Szenarien: Mal waren vier Räder in einem Abstand von einem Meter vom Zaun - also "ordnungsgemäß" - geparkt, mal waren sie am Zaun angeschlossen. Auch hier zeigte sich deutlich, dass ein Regelbruch einen weiteren auslösen kann: Waren die Räder richtig geparkt, schlüpften nur 27 Prozent der beobachteten Menschen durch die Lücke im Zaun. Das taten jedoch 82 Prozent der Leute, wenn die Räder falsch geparkt waren.

Die Ergebnisse stützen die sogenannte "Theorie des zerbrochenen Fensters", wonach Anzeichen von ordnungswidrigem Verhalten - wie zerbrochene Fenster, Graffiti oder Müll - weitere Vergehen und Kleinkriminalität nach sich ziehen. Für politische Entscheidungsträger und die Polizei ergebe sich eine klare Botschaft, schreiben Keizer und seine Kollegen: Im Kampf gegen die Ausbreitung von Unordnung seien frühes Erkennen und Einschreiten von zentraler Bedeutung.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen