Folge 24 : Der ertrinkende Vogel

Armin Püttger-Conradt blickt angewidert nach unten: Lange, dünne Blutegel saugen sich an den Beinen fest, wenn man in das entlegene Dayak-Dorf Tanjung Selor watet.

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18. Juli 2011, 09:40 Uhr

Dörfer sind im Innern Borneos selten und meist an Flüssen zu finden. Tanjung Selor zu erreichen, die nächste Stadt, gleicht einer kleinen Expedition. Mr. August, eigentlich Agus, aber ich habe immer August verstanden, hat in einem kleinen Dorf Verwandte und will George und mich auf einen Besuch dorthin mitnehmen, es gibt nur einen Pfad durch Dschungel dorthin. Morgens wandern wir los, durch Gärten vorbei an Fischteichen, dann bergauf und bergab durch den Urwald, Bäche werden durchwatet - zum Glück ist man ständig im Schatten. Während einer Rast entdecken wir Blutegel, dünn wie Streichhölzer, die sich an uns festgesaugt haben. Will man sie entfernen, zieht man sie wie einen Gummischlauch immer länger, ehe sie loslassen und einen roten Fleck hinterlassen. Waren sie schon länger am Werk, blutet es stark. Und der Anblick, wie sie in der Hand, wild nach einer Blutquelle suchend, hin und her pendeln, lässt einen erschaudern.
Mr. August führt uns zu einer Lichtung im Wald, die einen Blick weit über ein grünes Tal erlaubt, eine herrliche Berglandschaft. Irgendwo da unten muss das Ziel liegen. Nach steilem Abstieg treten wir an einer Brücke ins Freie, Gärten sind zu sehen und hinter der Brücke das kleine Dörfchen. Etwa vierzig Familien leben hier an einer kurzen Straße, die auf beiden Seiten im Wald endet, parallel zum Fluss. Die meisten Menschen sind bereits fortgezogen und haben einige Kilometer von Tanjung Selor entfernt ein neues Dorf gegründet. So entvölkert sich das zentrale Borneo immer mehr, vergleichbar mit der Landflucht bei uns. Aber es gibt noch eine kleine Dorfschule, und die Regierung hat den Bau der soliden Fußgängerbrücke aus Holz bezahlt. Aber das wird keine der jungen Dayak-Familien mehr halten. Der Empfang bei Mr. Augusts Verwandte ist herzlich. Nach dem Essen geht George angeln und ich ziehe los, um das Dorf und die Vogelwelt zu erkunden. Ein Dayak sieht mich dabei und beginnt zu flöten. Zunächst denke ich, er will mich unterhalten, aber dann lockt er damit tatsächlich Bulbulvögel an. Die Kinder begutachten mich neugierig.
Als ich später am Urwaldrand am Fluss sitze, sehe ich zwei kleine Vögel über dem Wasser verspielt umeinander tanzen. Dann fällt einer hinein und wird mit den Stromschnellen davongetragen. Ich sehe ihn noch hilflos mit den Flügeln schlagen, dann haben ihn die Wellen verschluckt. Das Rauschen des Wassers verdeckt die kleine Tragödie.
(shz)

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