Folge 29 : Arme Tiere und gruselige Schädel

Zu Besuch in einem Longhaus und bei uralten Gräbern im Dschungel.

Avatar_shz von
04. August 2011, 10:14 Uhr

Jhon und ich sausen mit dem Motorrad die Strasse entlang. Mit uns fahren noch zwei weitere Dayak aus Pimping. Endlich erreichen wir ein Dorf, in dem mehrere Longhäuser auf hohen Stelzen stehen, wovon wir eins besuchen wollen. Die Bewohner sind meinen Begleitern bekannt, deswegen haben wir ungehindert Zutritt.
Die gesamte langgezogene vordere Hälfte bildet einen großen Gemeinschaftsraum. Ich darf in alle Räume sehen, während die Bewohner an ihren gewohnten Plätzen im Großraum sitzen, plaudern oder mich begutachten. Altertümliche Feuerstellen oder offene Öfen glühen vor sich hin und schaffen ein düsteres Bild. Unter der Decke im Stützgebälk hängen Körbe und Säcke mit Vorräten von den Feldern, Reis und Tapioka. Die erbeuteten Köpfe aus alter Zeit sind seit langem entfernt oder an geheimen Orten versteckt.
Dafür gibt es traurige Bilder der Haustierhaltung, die im Dämmerlicht ihr Dasein fristen müssen. Kleine Schildkröten sind in Bündeln am Hinterfuß an einen Pfahl gebunden. Ein Affe hockt traurig auf dem Holzboden und schaut mich mit ängstlich flehenden Augen an. Ein gespenstisches Bild.
In manchen Wohneinheiten stehen riesige Krüge mit schönen Dayakmustern, an den Wänden hängen Felle von Pardelkatzen neben Speeren und Blasrohren. Einige Appartements stehen bereits leer. Ich sehe kaum junge Leute, die Bewohner sind teilweise uralt und klapperdürr. Schöne Flechtkörbe und Hüte sind zu entdecken, doch alles ist alt und scheint mit dem Ableben der letzten Greise zu verrotten. Lange sitzen wir bei den Einwohnern auf der Bretterdiele. Jhon fühlt sich überall gleich als Mittelpunkt. Er spielt eine wichtige Rolle bei den Dayakstämmen seiner Gegend. Wir erhalten die Erlaubnis, eine Gräberhöhle im Urwald zu besuchen. Was wird uns erwarten?
* * * 
Durch kleine verwilderte Gärten mit Bananenstauden und Tapiokastengeln gehen wir zu einem kleinen Flüsschen im Wald. Ein kanuartiges schmales Boot nimmt uns auf und erheblich schaukelnd staken wir mit der Strömung voran. An Sandbänken müssen wir aussteigen und schieben, ehe es durch den Wald weiter geht. Nach einer ganzen Weile erreichen wir eine Felswand.
Fünf Meter über uns ist ein Höhlenspalt. Mühselig klettern wir empor. Als ich aufblicke, sehe ich eine Anzahl aus Stein gehauene ganz schmale Särge aufgereiht. Die Deckel fehlen und schartige Totenschädel blicken bleich daraus hervor. Manche tragen noch Haare oder ledrige Haut, aus der ein gespenstischer aufgerissener Mund blickt, als wolle er schreien. Kleine runde Tontöpfe mit Opfergaben stehen herum. Was wir hier sehen ist älter als 300 Jahre und hat für die Dayak heute keine Bedeutung mehr. Die fest geschlossenen Steinsärge und die luftige Höhe hat über die Jahrhunderte den Inhalt konserviert, aber vieles ist wohl nach Öffnen der Särge verloren gegangen, ebenso wie das Wissen der Dayak über ihre alten Riten. Auf dem Rückweg erreichen wir einen neuen Friedhof, der sich wie üblich, auf der anderen Seite der Häuser befindet.
Wir besuchen noch ein Nachbardorf. Einige Dayak sitzen auf dem Boden beim Reisessen, während andere an riesigen Tonkrügen sitzen, mit langen Halmen den Inhalt aufsaugen. Während Jhon gleich wieder bei den Reisessern der Mittelpunkt ist, werden wir anderen drei von mehreren Betrunkenen beschimpft und angepöbelt, so dass wir rasch aufbrechen.
(shz)

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen