Regierung setzt auf Liberalisierung : Usbekistan: Für Hipster und Hadschis

Junge Usbeken in der Juma-Moschee in der Wüstenstadt Chiwa. Die Sowjet-Vergangenheit wirkt nach, indem der Islam politisch keinen Einfluss hat. Wer Mehrehen eingeht, muss mit Haft rechnen. Foto: Burkhard Ewert
Junge Usbeken in der Juma-Moschee in der Wüstenstadt Chiwa. Die Sowjet-Vergangenheit wirkt nach, indem der Islam politisch keinen Einfluss hat. Wer Mehrehen eingeht, muss mit Haft rechnen. Foto: Burkhard Ewert

Lange abgeschottet, versucht sich Usbekistan an einer vorsichtigen Öffnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Regierung will der Islamisierung ebenso widerstehen wie dem wachsenden Einfluss Chinas und des Westens. Ob es gelingt?

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08. September 2019, 22:25 Uhr

Taschkent | Als Timur erscheint, jubelt die Menge. Es ist Springbrunnenfest in Samarkand, und an die alte Koranschule auf dem Registan-Platz wird eine Lichtschau an die Fassaden geworfen, die einen Abriss der Geschichte Usbekistans darstellt. Die alten Chinesen sind zu sehen, Dschingis-Khan und die von ihm entfachten Feuerstürme, und dann eben Timur, genannt der Lahme, und sein berühmter Enkel Ulug Beeg.

Der eine, Timur, steht für Macht und Größe, der zweite für Wissenschaft und Kultur. Die Usbeken haben sie aus dem Dunkel der Geschichte geholt, denn sie suchen nach ihrer Identität als moderner Nationalstaat. Sie scheinen sie in jener Epoche gefunden zu haben, als sich Timur zum Herrscher eines Reichs von Bagdad bis Dheli aufschwang. Da stört es auch nicht, dass er zu den brutalsten Massenmördern der Geschichte zählt. Es gibt wenig Grund, an Berichten zu zweifeln, wonach er Kinder zu Tausenden vor den Augen ihrer Eltern töten und die Schädel von Bewohnern eroberter Städte zu meterhohen Pyramiden stapeln ließ.

Gegensätze prägen das moderne Usbekistan auch andernorts. In der U-Bahn der Hauptstadt Taschkent sitzt eine Studentin mit Lippenstift und Minirock. Die gleichaltrige Frau daneben trägt Köylak, das lange und dicke Alltagskleid mitsamt besticktem Kopftuch. Im staatlichen Kunstmuseum hängt das jüngst entstandene Abbild einer halbnackten Frau. Schräg gegenüber zeigt ein Ölgemälde einen islamischen Gelehrten vom Hof des letzten Emirs von Buchara. Der Besuch des Mausoleums der Sassaniden-Dynastie, das den Mittelpunkt eines riesigen Friedhofs bildete, wird von wummerndem Pop begleitet. Wo früher Gräber waren, findet sich heute ein Freizeitpark im sowjetischen Stil mit Zuckerwatte und Riesenrad.

Seiner Lage hat der kunstvolle Backsteinbau immerhin sein Überleben zu verdanken: Der abergläubische Dschingis Khan wollte die Toten nicht stören. Er verzichtete auf die Zerstörung des Gebäudes. Auch das Minarett der Moschee von Buchara ließ er stehen, weil er von dessen Schönheit so beeindruckt war. Alles andere aber legte er in Schutt und Asche, weshalb die meisten der heute so pittoresken und prototypisch orientalischen Sehenswürdigkeiten Usbekistans in der Zeit des großen Timurs im 15. Jahrhundert oder später entstanden.

Prototypisch orientalisch: in Samarkand finden sich besonders schöne Kuppeln. Foto: Burkhard Ewert
Prototypisch orientalisch: in Samarkand finden sich besonders schöne Kuppeln. Foto: Burkhard Ewert


Seit dem Zerfall der Sowjetunion hatte Usbekistan auf Abschottung gesetzt. Die Einreise war selbst aus Nachbarstaaten schwierig bis unmöglich, Tourismus unerwünscht. Journalisten durften generell nicht kommen, von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit konnte keine Rede sein. Das soll sich ändern. Die Regierung hat ein Programm aufgelegt, mit dem sie in jeder Beziehung auf Wachstum und Entwicklung setzt. Ein wichtiger Pfeiler ist der Tourismus. Seit Jahresbeginn ist die Einreise für EU-Bürger ohne Visum möglich. Aus Deutschland hat die staatliche Fluglinie Uzbekistan Airways neue Direktflüge aufgelegt. Auf Strecken, die die staatliche Linie nicht bedient, sollen Lizenzen auch an Billigflieger vergeben werden. Eine Schnellzuglinie soll verlängert werden bis zur derzeit noch abgelegenen, romantisch-ruhigen Wüstenstadt Chiwa, womit die historischen Höhepunkte des Landes künftig wie auf einer Perlenschnur erreichbar wären.

Hotspot für Hipster?

An Urlauber aus Europa ist nicht allein gedacht. Vielleicht kommt zwar außer Bildungs- und Erlebnisreisenden bald jene Hipster-Klientel, die gegenwärtig auch Georgien entdeckt. Schöne Hintergründe für Selfies gibt es genügend. Aber Masse verspricht sich die Regierung aus einer anderen Quelle: Sie wirbt gezielt um muslimische Pilgerreisende. Aus der Türkei kommen bereits viele, einige auch aus Malaysia. Neu sind auch Direktflüge aus Indonesien.

Detail der Stadtmauer von Chiwa. Foto: Burkhard Ewert
Detail der Stadtmauer von Chiwa. Foto: Burkhard Ewert


Was religiöse Reisende locken könnte, ist beispielsweise das Grabmal des Cousins des Propheten Mohammed in Samarkand – eine der heiligsten Stellen des Islam. Es dreimal zu besuchen, kommt der Hadsch gleich, erzählt der Reiseleiter. In Taschkent wird einer der ältesten Korane der Welt ausgestellt, den Timur seinerzeit aus Bagdad raubte. Wenig entfernt finanziert die Regierung den pompösen Neubau eines „Zentrums der islamischen Welt“. Gerne verweist sie auch darauf, dass zahlreiche arabische Gelehrte und islamische Dichter aus der Region stammen, viele von ihnen angesiedelt durch Timurs Enkel Ulug Beeg, der sich als Förderer der Wissenschaft verstand und als Astronom mit unglaublichen mathematischen Leistungen Berühmtheit erlangte, die heute in einem Atemzug mit Galileo oder Kopernikus genannt werden.

Starbucks? Fehlanzeige. Imbiss im zentralasiatischen Grasland. Foto: Burkhard Ewert
Starbucks? Fehlanzeige. Imbiss im zentralasiatischen Grasland. Foto: Burkhard Ewert


Weil es bisher nur 20.000 Fremdenverkehrsbetten im Land gibt, werden Hotels in der kurzen Hochsaison bereits knapp. Das Ministerium für Tourismus hat deshalb das Ziel ausgeben, die Zahl auf 75.000 zu steigern. 8000 bis 12.000 US-Dollar sind pro neues Zimmer als staatlicher Zuschuss möglich. Gleichzeitig gelten bis zu 15 Jahre Steuerfreiheit. Auch internationale Ketten sollen anders als bisher zugelassen werden, allerdings gedeckelt auf drei bis vier größere Häuser pro historische Stadt.

Erste Folgen sind zu sehen. Wo in Buchara derzeit noch das traditionelle usbekische Puppentheater residiert, rollen bald die Bagger an. Dort, im Schatten der gewaltigen Stadtmauer, sollen Hotels und Restaurants entstehen. Auch zentrumsnahe Schulen und Kindergärten mussten bereits weichen, um Platz für touristische Infrastruktur zu schaffen.

Schulmädchen in Samarkand. Foto: Burkhard Ewert
Schulmädchen in Samarkand. Foto: Burkhard Ewert


Die Regierung baut auf den Verdiensten sowjetischer Archäologen und Restauratoren auf, die den Wert der historischen Stätten erkannten und sie vor dem Zerfall bewahrten. Der Chefstratege des Tourismusministeriums hat in Südkorea studiert und weiß daher, dass für Touristen auch die kleinen Dinge zählen. So wird der drahtlose Internetzugang rigoros ausgebaut, und wer öffentliche Toiletten einrichtet, kann Steuern sparen, wobei sich bereits die bestehenden wie auch die Straßen und Landschaft durch Sauberkeit auszeichnen. Irgendwo fegt immer jemand, entlang der Straßen wird Blume um Blume gepflanzt, das Müll-System funktioniert – Usbekistan bemüht sich um Stil und Gefälligkeit. Zudem besteht ein Bewusstsein für die Risiken des neuen Weges, indem eine Abhängigkeit von chinesischen Krediten ebenso vermieden werden soll wie neureiche Bausünden mit Wellblechdach und rosa Säulen, die den Städten ihr Flair nehmen würden.


Für Usbekistan als Reiseland sprechen zudem die unaufdringliche Gastfreundschaft und das sichere Reisegefühl. Die Kriminalität ist äußerst gering. Russische Touristen sind häufig mit kleinen Kindern unterwegs – sie kennen das Land aus Sowjetzeiten, auf die auch der hohe Bildungsstand der Bevölkerung zurückgeht. Ähnliche Wurzeln hat die strikte Trennung von Staat, Recht und Religion, an der die Regierung mit aller Kraft festhalten will – die unmittelbare Nachbarschaft zu Afghanistan und Pakistan führt vor Augen, was andernfalls geschehen kann.

Minarett in Buchara: Dschinghis Khan ließ es intakt, weil er die Schönheit des Turmes so bewunderte. Den Rest der Stadt zerstörte er. Foto: Burkhard Ewert
Minarett in Buchara: Dschinghis Khan ließ es intakt, weil er die Schönheit des Turmes so bewunderte. Den Rest der Stadt zerstörte er. Foto: Burkhard Ewert


So wird der Islam zwar nicht drangsaliert. Wohl aber lautet das Ziel, den religiösen Einflussum jeden Preis in Schranken zu halten. Die traditionellen Mehrehen etwa, zuletzt weitgehend geduldet und tendenziell sogar im Kommen, verbot der neue Präsident rigoros. Selbst Geistlichen, die sie schließen, drohen nun bis zu drei Jahre Haft, gleiches gilt übrigens für gewerbsmäßige Bettelei.

Bonbon-Geschäft in Taschkent. Foto: Burkhard Ewert
Bonbon-Geschäft in Taschkent. Foto: Burkhard Ewert


300.000 touristische Gäste zählte die Regierung im vergangenen Jahr insgesamt, davon die winzige Zahl von 14.000 aus Deutschland. Statistisch wird damit in jedem deutschen Reisebüro alle ein bis zwei Jahre eine Reise nach Usbekistan gebucht. Von der „Nische in der Nische“ spricht Ury Steinweg, Chef des landeskundigen Kieler Reiseveranstalters Gebeco. Dies gelte schon wegen der kurzen Saison, die sich auf April/Mai und Mitte August bis Mitte Oktober beschränkt, wenn man Temperaturen von 50 Grad im Sommer und hohe Minusgrade und eisige Winde im Winter vermeiden will.

Die Nebensaison ist für Deutsche auch deshalb nur bedingt interessant, weil auch Reisen in der Hauptsaison erschwinglich sind. Die Lebenshaltungskosten liegen bei etwa einem Zehntel der deutschen. Touristen zahlen in der Regel mehr als Einheimische, doch die Ausgaben für Unterkunft, Transport, Eintritte und Verpflegung liegen trotzdem auf niedrigem Niveau. Die Reise in einer privaten Kleingruppe oder im Familienkreis zu absolvieren oder Abstecher in die Nachbarländer einzuplanen, steigert die Kosten nur moderat. Auch Ausflüge abseits der historischen Orte sind möglich und lohnend, so in riesige Geröllwüsten, die Ausläufer des Pamir-Gebirges oder zur gespenstischen Szenerie des weitgehend ausgetrockneten Aralsees.

Seide machte die Gegend reich. Mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien verlor die Karawanenstraße aber rasch an Bedeutung, die Fürstentümer hatten ihre Glanzzeit hinter sich. Foto: Burkhard Ewert
Seide machte die Gegend reich. Mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien verlor die Karawanenstraße aber rasch an Bedeutung, die Fürstentümer hatten ihre Glanzzeit hinter sich. Foto: Burkhard Ewert




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