Büsum/Helgoland : Kutter, Krabben, Knieper

Wer den Namen Büsum hört, denkt meist an Krabben. Sie haben den Ort bekannt gemacht und der Hafen blickt auf eine lange Tradition zurück.
Wer den Namen Büsum hört, denkt meist an Krabben. Sie haben den Ort bekannt gemacht und der Hafen blickt auf eine lange Tradition zurück.

Krabben gehören zu Büsum wie Knieper zu Helgoland – beide Krustentiere sind in der Nordsee zu Hause. Oft gibt es sie vor Ort direkt vom Kutter. Frischer geht es nicht.

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20. Juli 2021, 13:09 Uhr

Büsum | Mehrere Kutter haben bereits am Fischerkai unterhalb des rot-weißen Büsumer Leuchtturms festgemacht, als die „Andrea“ von ihrer zweitägigen Fangfahrt in der Nordsee zurückkehrt. Eine Kiste Krabben nach der anderen hievt André Claußen an Land. Direkt vor dem Schiff hat er einen Verkaufsstand aufgebaut. Frischer als hier bekommt man die Nordseegarnelen kaum. Claußen und seine Kollegen verkaufen sie nicht per Kilo, sondern per Liter. Soll heißen, Krabben werden nicht gewogen, sondern mit einem Litermaß geschöpft. „Knapp 200 Fischer gehen im schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Wattenmeer auf Fangfahrt“, erzählt der Fischereimeister: „Um die Krustentiere zu fangen, ziehen wir beidseitig des Schiffes Grundschleppnetze, die Baumkurre, über den Meeresboden. Wir sieben die Tiere nach Größe aus, kochen sie zehn Minuten mit Meerwasser und können bis zu vier Tonnen im Kühlraum an Bord lagern.“

Frisch aus dem Meer: Fischereimeister Andre Claussen mit seinem Fang.
Dagmar Krappe
Frisch aus dem Meer: Fischereimeister Andre Claussen mit seinem Fang.

Zunächst war Krabbenfang nur für den Eigenbedarf oder als Nebenerwerb gedacht. Frauen zogen mit einer Gliep, einem Schiebekescher durchs Watt. Eine mühsame und schwere Arbeit. Das erwerbsmäßige Fischen der Garnele an der Westküste Schleswig-Holsteins begann erst in den 1880er Jahren. „Zwischen März und Dezember bin ich pro Tour ein bis drei Tage unterwegs“, berichtet Claußen. „Direktvermarktung ist der geringste Anteil. Das Gros wird an zwei niederländische Unternehmen verkauft, die den Krabbenmarkt an der Nordseeküste überwiegend beherrschen.“

Büsum & Helgoland

Essen & Trinken: Kolles Alter Muschelsaal in Büsum (www.kolles-alter-muschelsaal.de): Traditionsrestaurant von 1920. Die Wände der Gasträume sind mit über 100.000 Muscheln aus allen Weltmeeren verziert. Bewacht werden sie von der vor über 110 Jahren angespülten Galionsfigur „Wilhelmina“. Einst ein Tanzlokal, ist es heute eine erste Adresse für Krabben- und andere Meeresspezialitäten.
Restaurant Atlantis auf Helgoland (www.atlantis-helgoland.de): Gemütliches Restaurant im Oberland. Hier kann man neben vielen anderen Fischgerichten Helgoländer Hummer (aus eigenen Hummerbecken) oder Knieper mit Cocktail-, Knoblauch und Currysauce genießen.
Ausflugstipps: Museum am Meer (www.museum-am-meer.de): Das Museum im Büsumer Hafen informiert über die die Entstehung des Ortes, die Entwicklung zum Seebad ab 1837 und die harte Arbeit der Krabbenfischerei einst und heute.
Fangfahrt mit MS „Hauke“ vor der Büsumer Küste. Dauer ca. 2 Stunden (www.adler-eils.de/schiffstouren/fangfahrt).
Führung durch die Hummeraufzuchtstation der Biologischen Anstand Helgoland (www.helgoland-lobster.de).
Museum Helgoland (www.museum-helgoland.de): Sehenswertes Museum, das sich mit der Historie der Hochseeinsel, dem Hummer- und Knieperfang, dem „Big Bang, dem Autor James Krüss, und vielen weiteren Attraktionen auf dem roten Felsen befasst. Regelmäßig werden Führungen durch die historischen Bunkeranlagen angeboten.
Infos: www.buesum.de, www.helgoland.de, www.nordseetourismus.de

Lange Tradition

Büsum war früher eine Insel. Seit 1585 ist der Ort mit dem Festland verbunden. Bevor das Geschäft mit den Krabben begann, kamen die ersten Touristen. Mit Pferdefuhrwerken karrte man sie aus Hamburg heran. Badehäuser entstanden am Strand. Und seit 120 Jahren bricht man mit einer Kapelle zur Wattwanderung auf. Nachzulesen im „Museum am Meer“ im Hafen. 70 Kilometer sind es von Büsum bis zur Hochseeinsel Helgoland. Gute zwei Stunden benötigt das Seebäderschiff „Funny Girl“, bevor es zwischen dem nur einen Quadratkilometer großen Buntsandsteinfelsen und der etwas kleineren, flachen Strandinsel, der Düne, vor Anker geht. In der Silvesternacht 1720/21 brach Helgoland bei schwerem Sturm in zwei Teile. „Hier hatten nacheinander die Dänen und die Engländer das Sagen, bevor letztere das Eiland 1890 ans Deutsche Reich abgaben“, erklärt Gästeführerin Ilse Töpfer während eines Rundgangs über den Klippenrandweg im Oberland. „Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs machten alliierte Bomber Helgoland unbewohnbar. Zwei Jahre später wollten die Briten mit 6.700 Tonnen Sprengstoff alle militärischen Anlagen auf der schon schwer zerstörten Insel in die Luft jagen. Der rote Felsen überlebte den „Big Bang“.“ Als die Helgoländer sieben Jahre nach der Evakuierung in ihre völlig zerstörte Heimat zurück durften, hatten sie kaum Mitspracherecht beim Wiederaufbau. Unterschiedliche Architekten und Designer errichteten das „neue Helgoland“ mit Gebäuden in kubischen Formen und in 14 erdtönigen Farben. Sie ließen sich vom Bauhausstil und von skandinavischer Architektur inspirieren. Neben der Langen Anna, der markanten frei stehenden Felsnadel an der Nordwestspitze, sind auch die in den 1950er Jahren entstandenen Hummerbuden ein Wahrzeichen. Einst nutzten die Fischer sie als Werkstatt und bewahrten darin ihre Angeln, Stellnetze und Hummerkörbe auf. Jetzt bieten die bunten Buden Kunst, Kultur und Knieper eine Heimat.

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Ein Abstecher nach Helgoland

Jahrhundertelang lebten die Insulaner vom Fischfang. Mittlerweile gibt es nicht mal mehr eine Handvoll Männer, die dieser Tätigkeit nachgeht. In den 1930er Jahren wurden 80.000 Tiere pro Saison aus dem Meer gezogen. Heute sind es nur noch wenige Hundert. Nachtaktive Hummer benötigen Höhlen und Spalten als Rückzugsort, um dem Tageslicht zu entfliehen. Die Nordsee hat in der Deutschen Bucht nur schlickige und sandige Böden, in denen sich Krabben, aber keine Hummer wohlfühlen. Die über 60 Meter aus dem Wasser ragende Insel ist die Spitze eines unterseeischen Felssockels, der sich im Meer weiter ausdehnt. Dieser ist für diese Krustentiere ein ideales Revier. „Die Angriffe und Sprengungen im und nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörten einen Großteil der Lebensräume der Hummer“, informiert Töpfer. „Weitere Gründe sind vermutlich die Überfischung in früheren Jahrzehnten, Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung.“ Um den Bestand wieder zu erhöhen, begann die Biologische Anstalt Helgoland in den 1990er Jahren mit Hummeraufzucht. Doch das Beuteschema der Fischer ist weiterhin wenig Hummer, viel Taschenkrebs. Der Beifang des Hummers, der Knieper, benannt nach den Scheren (Kneifer) dieses Krustentieres, ist die Ersatzdelikatesse auf den roten Klippen. Um das zarte, magere, weiße Fleisch zu genießen, bricht man die Scheren einmal in der Mitte durch und kratzt sie mit einer Hummergabel aus. Sie hat an einem Ende einen kleinen Löffel, am anderen zwei Zinken. Curry-, Cocktail-, Knoblauchsoße und Zitronenmayonnaise verleihen dem Eiweißlieferanten den besonderen Touch. Dazu wird Weißbrot gereicht. Büsumer Krabben und Helgoländer Knieper – da geht die Nordsee durch den Magen.

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