Forderung der Politik : Plastiktüten nur noch gegen Geld

EU-Spitzenreiter beim Plastiktütenverbrauch sind vor allem osteuropäische Staaten sowie Portugal.
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EU-Spitzenreiter beim Plastiktütenverbrauch sind vor allem osteuropäische Staaten sowie Portugal.

Beim Discounter kosten Plastiktüten bereits Geld – das Bundesumweltamt fordert eine generelle Bezahlpflicht auch für die ganz dünnen Beutel. Die Gesellschaft müsse dringend umdenken, meint EU-Umweltkommissar Janez Potocnik.

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10. März 2014, 09:03 Uhr

Meist fragt der Verkäufer nicht einmal: Ein Griff, und die Waren landen in der Plastiktüte. Die wasserdichten Leichtgewichte sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Oder doch? Auf der Insel Föhr will man jetzt zumindest einen Plastiktüten freien Tag in der Woche einführen, und auch EU-Umweltkommissar Janez Potocnik steuern um. Für ihn sind die leichten Tragetaschen ein „Symbol unserer Wegwerfgesellschaft“. Und die müsse dringend umdenken, mahnt er. Denn viele der dünnen Tüten werden am Ende ins Meer gespült und können dort zur Umweltgefahr werden – auch für die Tiere im schleswig-holsteinischen Wattenmeer. An der Nordsee wurden in den Jahren 2008 bis 2012 je hundert Meter Küste durchschnittlich 1,5 Einweg-Tragetaschen und drei kleinere Beutel gefunden. Auch für die deutsche Ostsee gab es erstmals Zählungen.

„Die Plastikfragmente können den Verdauungstrakt schädigen, die Mägen der Tiere verstopfen, was zum Tod durch Verhungern oder innere Verletzungen führen kann“, warnen die Umweltschützer auf Föhr. Von 136 maritimen Arten ist bekannt, dass sie sich regelmäßig in Müllteilen verstricken und strangulieren.“ Und was im Fisch landet, das kann auf dem Teller des Verbrauchers enden. Der Abbauprozess ist langwierig. Bis zu 400 Jahre braucht der Kunststoff um auf die Größe eines Sandkornes zu zerfallen.

Das Umweltbundesamt plädiert deshalb dafür, Tüten nur noch gegen Geld abzugeben. „Selbst wenn man sie zwei- oder dreimal verwendet, so lassen sie sich dennoch schwer mit Abfallvermeidung und effizienter Ressourcennutzung in Einklang bringen“, meint Vizepräsident Thomas Holzmann. Die Praxis in Lebensmittelmärkten, dass Plastiktüten etwas kosten – meist zwischen 10 und 30 Cent– , könne ausgeweitet werden.

Der Handel hält von solchen Vorschlägen wenig. Es sei Kundenservice, etwa beim Kleidungskauf eine Tüte anzubieten. Man verweist auf eine Studie, wonach von den Siedlungsabfällen in Deutschland nur 0,17 Prozent auf Kunststofftragetaschen entfallen. Ein Verbot von Tüten aus dünnerem Plastik könne sogar kontraproduktiv sein, wenn dann auf Taschen aus dickerem Kunststoff auswichen werde. Das Umweltbundesamt hält auch Einweg-Tragetaschen aus biologisch abbaubaren Kunststoffen für wenig umweltfreundlich.

Laut der Studie für die Wirtschaftsverbände werden hierzulande jährlich 6,1 Milliarden Kunststofftragetaschen verbraucht, rund eine Milliarde weniger als im Jahr 2000. Darunter sind 2,9 Milliarden wiederverwendbare Tüten. Hinzu kommen 3,1 Milliarden dünnere Beutel, die für Obst und Gemüse oder Frischfleisch genutzt werden. Gerade diese dünnen Taschen sind Umweltschützern ein Dorn im Auge, weil sie meist nach einmaligem Gebrauch weggeschmissen werden.

Im Vergleich zum Jahr 2000 ist der bundesweite Verbrauch um knapp eine Milliarde Tüten zurückgegangen. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt derzeit bei 76 Stück pro Jahr. Im EU-Durchschnitt sind es aber 198. Der Umweltbeauftragte der Nordkirche, Pastor Jan Christensen, hält das für „eine erfreuliche Entwicklung“. Zugleich ruft er dazu auf, den Verbrauch weiter zu senken und möglichst auf null zu bringen. Oft werde die Einkaufstasche vergessen und dann an der Kasse im Supermarkt trotz dem Willen zum umweltfreundlichen Handeln doch zur Plastiktasche gegriffen, so Christensen. Er plädiert für teurere Plastiktüten. Sie müssten bei Discountern und Supermärkten sowie in Kaufhäusern immer teurer sein als umweltfreundliche Baumwoll- oder Papiertüten.

Irland hat mit der Zwangsgebühr von 22 Cent pro Tasche gute Erfahrenen gemacht. Statt 320 Tüten pro Jahr verbrauchen die Iren jetzt nur noch 16 Tüten pro Kopf.

Um der Plastikflut Herr zu werden, will Umweltkommissar Potocnik den 28 EU-Staaten künftig erlauben, leichte Einkaufstüten zu verbieten. Dabei hat er Beutel von weniger als 0,05 Millimetern Dicke im Blick – und auch nur Einkaufstüten. Müllbeutel oder andere Tüten findet Potocnik weniger problematisch, weil sie immerhin im Abfall landen. Wenn alles klappt, könnte die Nutzung leichter Einkaufstüten sogar um rund 80 Prozent zurückgehen, schätzt seine Behörde.

Mitmachen beim Umweltschutz kann schon jetzt jeder auf freiwilliger Basis:

  • Tasche oder Korb regelmäßig nach dem Einkauf wieder ins Auto legen
  • Überall kann man inzwischen kleine faltbare Polyesterbeutel kaufen, die in jede Handtasche passen und teilweise auch noch witzig aussehen
  • praktisch sind auch klassische Einkaufsnetze, die eine Renaissance erleben
  • Umweltfreundlich sind große Kunststofftaschen aus recycelten PET-Flaschen. Ihr Vorteil gegenüber Stoffbeuteln: Sie sind abwischbar. Stoffbeutel, die nicht regelmäßig in der Waschmaschine landen, sind Bakterienschleudern und für den Transport von Lebensmitteln wegen möglicher E-Coli-Belastung nicht empfehlenswert.
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