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Interview : „Du bist, was Du isst"

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Ernährungsexpertin Alste Janßen verrät, was sie am „Bio“-Begriff stört und warum unterwegs essen ungesund ist.

shz.de von
erstellt am 09.Feb.2017 | 12:33 Uhr

<p>Natürliche Gesundmacher: Obst und Gemüse dürfen auf dem Speiseplan nie fehlen.</p>

Natürliche Gesundmacher: Obst und Gemüse dürfen auf dem Speiseplan nie fehlen.

Foto: Fotolia
 

„Du bist, was du isst“ ist ein geflügeltes Wort. Was verrät die Ernährung tatsächlich über eine Person?

Alste Janßen: „Oh, ziemlich viel, wie ich finde! Was wir essen hat viel damit zu tun, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen und wie wir uns in ihr verhalten. Vielen Menschen scheint der Bezug für Nahrungsmittel aber verloren gegangen zu sein. Die Leute, die selbst einmal eine Kuh gemolken haben, Erdbeeren gepflückt oder ein Brot gebacken haben, werden immer weniger. 

Umgekehrt gibt es viele Bücher mit Rezepten zur veganen Küche, Versprechungen sich schlank zu schlafen oder Geschichten über dickmachende Getreidesorten. Sie sind häufig einseitig ausgerichtet und tragen zu einer großen Verunsicherung bei. Dabei ist die eigene Ernährung so individuell wie man selbst. Bewusstes Leben schlussfolgert auch Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln, unabhängig vom Ernährungskonzept.  Achtsamkeit wäre ein Schlüssel auf dem Weg zum 'Du isst was Du bist'."
 

Liebe geht durch den Magen: Stimmt das eigentlich?

„Das Sprichwort stammt noch aus einer Zeit, in der es die klassische Rollenverteilung gab. Heute haben auch Frauen tolle Jobs und sind beruflich erfolgreich. Dabei bleiben andere gute Werte im familiären Bereich wie gemeinsame Mahlzeiten leider auf der Strecke. Zusammen kochen und am Tisch essen stärkt die Beziehung und sind wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Besonders in Familien mit Kindern ist wenigstens eine gemeinsame Mahlzeit pro Tag außerordentlich wichtig. Kinder, die häufig alleine essen und keine geregelten Mahlzeiten haben, sind vielfach übergewichtig. Nebenbei vermerkt greifen diese Kinder häufiger zu energie- und zuckerreichen Kinderlebensmitteln und Fertigprodukten."

Der „Bio-Trend“ in Deutschland führt dazu, dass viele Menschen auf nachhaltige Tierhaltung setzen. Ist die Ernährungsweise  auch ein Zeichen persönlicher Selbstverwirklichung?

„Durch die steigende Nachfrage nach Bioprodukten sind die Preise in den letzten Jahren stark gefallen. Folglich ist es für breitere Bevölkerungsgruppen möglich, mehr Bioprodukte zu konsumieren. Das ist natürlich positiv, obwohl ich den Begriff „Bio“ ziemlich abgegrast empfinde. Unter  „Bio“ verstehe ich auch Nachhaltigkeit im Umgang mit Böden, artgerechte Haltung, saisonale Angebote und geringe Transportwege. Wer „Bio“-Erdbeeren im Winter kauft, kann sich das Bio dann auch schenken.

In welchem Ausmaß „Bio“ in den Alltag integriert wird, hängt bei jedem von den eigenen Möglichkeiten und dem Geldbeutel ab. Einheimische Möhren, Kartoffeln, Milch und Eier können inzwischen auch bei jedem Discounter in Bio-Qualität gekauft werden.

Und wem abgepacktes und begastes Fleisch zuwider ist, sollte zum Schlachter seines Vertrauens gehen. Da ist die Bratwurst zwar teurer als in der Kühltheke, doch beim Fleisch gilt das Credo: Weniger ist mehr."


Wir leben in einer Überflussgesellschaft und essen meistens nicht aus Hunger, sondern aus einer Emotion heraus. Stimmt das denn?

„Natürlich essen wir aus Emotionen heraus. Ich hoffe doch! Leider werden die ursprünglichen Gefühle wie Hunger oder Durst durch die ständige Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln überdeckt. Wenn ich durch die Fußgängerzone gehe, sehe ich überall Menschen, die Eis, Bratwurst oder Brötchen essen. Selbst die Kinder im Kinderwagen knabbern auf ihrem Zwieback herum. Das Ergebnis ist eine zu hohe Kalorienzufuhr durch das Snack-Verhalten.

Aus Emotionen zu essen, geschieht ständig und unbewusst. Es gibt hungerfördernde und hungerstillende Emotionen. Je nachdem, welches Essverhalten in der Kindheit erlebt wurde, tröste oder belohne ich mich mit mehr oder weniger Essen.

Im Laufe des Lebens haben wir uns zunehmend konditionierte Reize angefuttert. Wer zum Beispiel abends beim Fernsehgucken nascht, bekommt schon automatisch Hunger, wenn er den Fernseher einschaltet und das Signal der Tagesschau hört.

Es gibt auch das Essen aus „gutem Grund“. Sich mit einer Pizza und dem passendem Wein und von dem anstrengenden Arbeitstag zu belohnen, ungünstigerweise noch aus dem Gefühl heraus, den ganzen Tag noch nichts Richtiges im Bauch gehabt zu haben, ist kurzfristig zwar glücklich aber langfristig nicht schlanker."

Foto: Katrin Richter
 

Lebenslauf Alste Janßen Alste Janßen wurde 1967 im niedersächsischen Jever geboren und lebt mittlerweile im Kreis Plön. Sie arbeitet seit 1995 als Diätassistentin und Lehrbeauftragte am Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel. Dort betreut sie Ökotrophologie-Studenten in der Theorie und der Praxis, berät Patienten im Schwerpunkt spezieller Diätetik und leitet in Zusammenarbeit mit der Adipositasambulanz des Universitätsklinikums Kiel Kurse zum Gewichtabnehmen. Zuvor arbeitete Alste Janßen in verschiedenen Rehakliniken und Akutkrankenhäusern zwischen dem Schwarzwald und der Nordseeküste. Zudem arbeitet sie seit neun Jahren als Heilpraktikerin.

 

 

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