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Leseraktion „Das erste Auto“ : Der „Knutschkugel“ sei Dank: So wurde Detlef Sierts zur Dorf-Ikone

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Aus der Onlineredaktion

Seinen Anteil an einem Lotto-Gewinn investierte Detlef Sierts 1957 in den Kauf einer BMW Isetta. Damit war der damals 23-Jährige der einzige in seiner Familie und seinem Freundeskreis mit einem Auto.

shz.de von
erstellt am 11.Mär.2016 | 15:15 Uhr

80 DM im Monat, mehr verdiente er als junger Mann nicht. 1957 war der damals 23-jährige Detlef Sierts das, was man heute als „armen Schlucker“ bezeichnen würde. „Ich hatte gerade meine Prüfung zum Kaufmann absolviert und wollte mir einen Roller kaufen“, berichtet er heute. Für mehr reichte sein Erspartes nicht, zu schlecht war sein Monatslohn als einfacher Kaufmann im Außendienst. „Der Beruf gehörte damals zu den am schlechtesten bezahltesten“, erinnert sich der gebürtige Hollingstedter (Kreis Schleswig-Flensburg). 

Die Rechnung von Detlef Sierts erstem Auto.
Die Rechnung von Detlef Sierts erstem Auto.

Bis er mit drei seiner Freunde das ganz große Los zog: Das Quartett spielte regelmäßig Lotto und gewann eines Tages 6000 DM, das machte 1500 Euro pro Nase. „Zusammen mit meinem Ersparten habe ich mir dann mein erstes Auto gekauft, eine BMW Isetta 250.“ Das fabrikneue Auto, frisch aus München geliefert, kaufte Sierts bei der Schleswiger Firma Voss für knapp 2600 DM. „Das war damals sehr viel Geld, daher war ich auch weit und breit der einzige in meinem Alter mit einem eigenen Wagen.“

Gangschaltung in der Innentür

Weder seine Freunde, noch seine Familie besaßen damals ein Auto. „Wenn wir Ausflüge gemacht haben, durfte ich immer mit dem Gepäck vorfahren, die anderen hatten ja allenfalls ein Motorrad.“ Doch die Isetta, liebevoll „Knutschkugel“ genannt, diente auch seiner Familie für nützliche Zwecke. „Meine Mutter habe ich damals häufiger von A nach B chauffiert und sie war auch später der Ansicht, dass es das bequemste Auto gewesen sei, in dem sie einmal saß.“

Seine längste Fahrt mit der Isetta legte Detlef Sierts im Zuge eines achttägigen Urlaub nach Boppard am Rhein zurück, bei dem ihn ein Freund begleitete. Dass das Auto in der Spitze nur 90 km/h fuhr, störte Sierts damals nicht. „Für mich war das vollkommen ausreichend.“ Gewöhnungsbedürftiger sei für ihn die Gangschaltung gewesen. „Die war links in der Fahrer-Innentür.“

Lukrativer Nebenjob: Bessere Bezahlung als bei Hauptberuf

Mit seinem regulären Kaufmanns-Lohn hätte Detlef Sierts, der von 1959 bis zu seinem Ruhestand 1997 bei einer Dannewerker Werksvertretung als Außendienst-Vertreter tätig war, die Unterhaltung der Isetta jedoch nicht finanzieren können. Daher nahm er einen Zweitjob auf - den er ohne seine Isetta nicht bekommen hätte. „Ich bin jeden Freitag 13 Lotto-Annahmestellen von Süderbrarup bis Kappeln abgefahren und habe die Lottoscheine dann nach Schleswig gebracht.“ Für jede dieser Freitags-Tour erhielt er 29 DM. „Mit dem Job habe ich somit

Detlef Sierts. Foto: Privat
Detlef Sierts. Foto: Privat
deutlich mehr verdient als in meinem regulären Beruf“, berichtet Sierts.

Eine Garage als Unterstellmöglichkeit konnte er sich trotzdem nicht leisten. „Der Wagen stand bei einem Nachbarn im Kohleschuppen.“ Zumindest knapp drei Jahre lang, dann verkaufte Detlef Sierts die BMW Isetta wieder, für 1600 DM. „Ich war ja jung wollte ein neues Auto haben, daher habe ich mir dann einen Fiat 500 gekauft für 3205 DM.“ Seine Isetta wird Detlef Sierts trotzdem immer in besonderer Erinnerung behalten.

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