#aktivinsh : Redakteure im sportlichen Selbstversuch: Bogenschießen - einfach mal loslassen

<p>Letzter Feinschliff: Erhard Gründer (r.) zeigt dem „Neuen“, wie die perfekte Haltung gelingt. </p>

Letzter Feinschliff: Erhard Gründer (r.) zeigt dem „Neuen“, wie die perfekte Haltung gelingt.

Bewaffnet mit Pfeil und Bogen Schurken und fiese Orks bekämpfen: Was Katniss Everdeen und Legolas zu Filmhelden macht, ist auch bei Hobbyschützen sehr beliebt. Der sh:z-Redakteur hat den Präzisionssport ausprobiert.

shz.de von
26. Juni 2018, 23:57 Uhr

Bordelum | Als Kind habe ich lieber Indianer als Cowboy gespielt. „Rothäute“ sahen cooler aus, hatten Pfeil und Bogen und waren nicht solche Schurken wie die „Bleichgesichter“. Dass sie am Ende auch nur Menschen waren und sich vom Gros ihrer Spezies unwesentlich unterschieden, sollte ich erst erkennen, als Winnetou dasselbe Schicksal ereilte wie Winnie Puuh und andere Helden auf die Bühne meines Lebens traten.

Was von meinen Ausflügen in die Welt der Indianer blieb, war meine Liebe zur Natur, besonders wenn sie von Menschen- und damit auch von Indianer-Hand noch weitgehend unberührt ist – und eine gewisse Faszination für das Bogenschießen. Dessen ungeachtet gab es – wie im richtigen Leben – auch beim Sport immer Wichtigeres zu tun. Ich spielte Fußball, später Badminton und gestattete mir sogar mal einen Ausflug in den Fechtsport. Wohl auch deshalb stand das Büchlein „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ noch viele, viele  Jahre neben dem Bändchen „Zen in der Kunst, das Schwert zu führen“  – allerdings ungelesen.

<p>Und jetzt stillhalten: Nur mit Ruhe, Achtsamkeit und Konzentration gelingt ein zielstrebiger und präziser Schuss. </p>
Herbert Müllerchen

Und jetzt stillhalten: Nur mit Ruhe, Achtsamkeit und Konzentration gelingt ein zielstrebiger und präziser Schuss.

Der Bogen wird bei Linkshändern andersherum gehalten

Da kam die Anfrage von „aktiv in SH“ gerade recht. Wann hat man schon einmal Gelegenheit, Beruf und Freizeit so gewinnbringend miteinander zu verbinden. Mit Erhard Gründer fand ich bei den Sportsfreunden Bordelum zudem einen Trainer, der mich geduldig mit den Grundprinzipien des Bogenschießens vertraut machte. „Wir duzen uns hier alle“, sagt Gründer, als ich durch die Turnhallentür der Bordelumer Schule trete. Aus der Halle ist das Sirren fliegender Pfeile zu hören. Sonnabend ist Übungstag in Bordelum. Zum gegenseitigen Beschnuppern bleibt da wenig Zeit.

Wenngleich es beim Bogenschießen vor allem um Ruhe, Konzentration und Achtsamkeit geht, kommen natürlich auch diese Eigenschaften nicht von ungefähr. „Aber wenn Du mal gefochten hast, weißt Du das ja“, sagt Erhard, dessen zauselige schlohweiße Haarpracht ein Eigenleben zu führen scheint und mich unweigerlich an Catweazle, eine weitere Ikone meiner unbeschwerten Kindheit, erinnert. Der Mann ist mir sofort sympathisch und – wie ich – auch noch Linkshänder, was mir die vage Hoffnung gibt, das könne alles etwas einfacher machen. Ich habe Angst, mich zu blamieren, zumal ich durch das Fenster schon zwei Bekannte entdeckt habe, die bestimmt nur darauf warten zu sehen, wie „der Neue“ sich anstellt.

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Herbert Müllerchen

Bücherwissen hilft hier wenig

„Wie meinst Du das“, gebe ich Erhards Frage zurück, ohne die Antwort abzuwarten: „Beim Fechten hat mich vor allem fasziniert, dass wir die verschiedenen Techniken immer und immer wieder trainieren mussten, bis sie irgendwann in Fleisch und Blut übergingen. Im besten Fall konnten wir sie auf der Planche dann intuitiv abrufen.“ Erhard lächelt das Lächeln eines Lehrers, der mit seinem Schüler zufrieden ist. „Genau das meine ich. Genauso ist das auch beim Bogenschießen“, beendet er unsere erste Übungseinheit.

Genug der Theorie. Jetzt ist Materialkunde an der Reihe. Und die hat es in sich. Das ließ sich schon erahnen, als ich vor zwei Wochen in eine Buchhandlung spazierte und eine offensichtlich fachkundige Buchhändlerin naiv nach Literatur zum Bogenschießen fragte. „Compound oder Recurve“, gab die Frau meine Frage zurück und machte mich damit noch ratloser als ich es ohnehin schon war.

<p>Per Lovis Zarth visiert voll konzentriert sein Ziel an.</p>
Herbert Müllerchen

Per Lovis Zarth visiert voll konzentriert sein Ziel an.

Compound oder Recurve?

Stolz zeige ich Erhard ein unscheinbares Heft mit dem Titel „Richtig schießen mit dem Recurvebogen“ von Bert Mehlhaff und Martina Berg, das ich vor meinem Aufbruch nach Bordelum eingehend studiert habe. „Das pack’ mal gleich wieder weg“, erklärt mein Lehrer und drückt mir einen sogenannten Nullbogen in die Hand. Der sieht aus als entstamme er einem Ritterfilm, ist größer als ich, nur mit dem Nötigsten ausgestattet und die Sehne – jedenfalls für mich – kaum zu spannen. Erhard schaut mich an als hätte er es gewusst (wahrscheinlich hat er das auch) und nimmt mir den Bogen wieder weg. „Ich zeige Dir jetzt mal, was es alles gibt“, sagt er dann.

Der ausgiebigen Materialkunde werde eine theoretische Einführung in die Technik des Bogenschießens folgen, kündigt er an. Erst dann dürfe ich in die  Halle. Ich schreibe mit und versuche gleichzeitig, möglichst viel in meinem Gedächtnis abzuspeichern. Doch schon bald fängt meine Festplatte an zu stottern. „Im Grunde machst du gerade alles verkehrt“, denke ich, weil ich mich schon wieder verzettele und mir deshalb womöglich das Wichtigste entgeht. Willkommen in der Realität, nur nicht in der des Bogenschießens? Von wegen Ruhe, Konzentration und Achtsamkeit!

<p>Linkshänder müssen, anders als Rechtshänder, den Bogen mit der rechten Hand halten und mit der linken die Sehne spannen. </p>
Herbert Müllerchen

Linkshänder müssen, anders als Rechtshänder, den Bogen mit der rechten Hand halten und mit der linken die Sehne spannen.

Hand, Arm und Schultern bilden eine Linie

Erhard lächelt milde. „Mach’ Dir keinen Kopf. Beim ersten Mal schwirrt hier allen der Schädel“, sagt er und zeigt mir verschiedene Bögen sowie deren Einzelteile. Ich lerne, dass Recurve- (oder Olympische Bögen) aus zwei Wurfarmen bestehen, die oben und unten mit dem Griffteil verbunden werden und dem Bogen so seine charakteristische Form geben. Dann demonstriert Erhard, wie so ein Bogen fachgerecht mit einer Sehne versehen wird, und ich bin ihm echt dankbar, dass er mir die sofortige Nachahmung erspart. Olympischer Bogen heißt der Recurvebogen übrigens deshalb, weil er bis heute der einzige zu den Olympischen Spielen zugelassene Bogen ist.

So geht es annähernd zwei Stunden weiter, während in der Halle weiter scharf geschossen wird. Im zweiten Schritt erklärt mir Erhard, wie ich mich hinstellen muss, um die Zielscheibe mit dem Bogen und mir selbst „auf Linie“ zu bringen. Das Loslassen der Sehne ist nämlich nur der letzte Akt einer sportlichen Choreografie, der – wie ich bald merken soll – Sehnen und Muskeln beansprucht, „von denen du sicher nicht einmal ahntest, dass du sie hast“, so Erhard.

<p>Das Ziel kaum verfehlt: Mit Übung und Konzentration gelingen den Sportsfreunden etliche gute Treffer. </p>
Herbert Müllerchen

Das Ziel kaum verfehlt: Mit Übung und Konzentration gelingen den Sportsfreunden etliche gute Treffer.

Ansteckende Leidenschaft

Dann ist es endlich so weit. Ich bekomme einen Armschutz angelegt, der mich wie das Fingertab vor Verletzungen durch die Sehne schützen soll, hefte mir den Köcher mit sechs Aluminiumpfeilen an den Gurt und darf den Bogen mit in die Halle nehmen. Dort gehen wir alles noch einmal durch. Ich platziere meine Füße hüftbreit zueinander und im 90-Grad-Winkel zur Scheibe. Dann hebe ich den Bogen aus dem gleichnamigen Ständer, lege behutsam einen Pfeil ein und fühle mich mit der Führhand in den Griff hinein. Dann ein leichter Zug der Sehne. Nicht zu weit. Vor dem Schuss wird es darauf ankommen, dass Oberarm und Unterarm eine Linie bilden und sich die beiden Schulterblätter beim Anspannen aufeinander zu bewegen. Erhard justiert noch einmal nach. Dann liegt es an mir. Ich ziehe die Sehne bis zu meinem Wangenknochen, verweile einen Augenblick in dieser Stellung und lasse schließlich los. Machtvoll löst sich der Pfeil von der Sehne und schlägt mit einem scharfen Plock in der Zielscheibe ein. „Guter Schuss“, sagt Erhard anerkennend und erklärt mir beim Einpacken beiläufig, wie er zum Bogenschießen gekommen ist:

„Wir lernen von klein auf, alles festzuhalten. Ich bin Schachtmeister auf dem Bau, und das Bogenschießen hilft mir, Stress abzubauen“, sagt mein neuer Trainer. „Es tut einfach gut, mal loslassen zu können.“ Wie wahr, denke ich, und fahre seltsam beglückt nach Husum zurück. Der Anfang ist gemacht. Und irgendwie habe ich das Gefühl, es könnte der Beginn einer wunderbaren Leidenschaft sein. Mit dem rosaroten Panther, noch so einer Gestalt aus Kindertagen, summe ich fröhlich vor mich hin: „Heute ist nicht alle Tage, ich komm’ wieder, keine Frage...“

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