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#aktivinsh : Per Kraulschlag durch die Nordsee nach Hooge

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Der Langstreckenschwimmer Martin Tschepe berichtet von seinem kühn-kühlen Projekt: Er und Dierk Jensen sind von Pellworm nach Hooge geschwommen.

shz.de von
erstellt am 10.Sep.2017 | 06:24 Uhr

Von Pellworm mitten durch die Nordsee bis zur Hallig Hooge schwimmen? Ihr spinnt doch, das haben sich manche Insulaner bestimmt gedacht. Einige haben jedenfalls etwas Ähnliches gesagt. Aber wir sind gut angekommen auf Hooge, nach eineinhalb Stunden im Wasser.

Die Nordsee ist gnädig. Jedenfalls gnädiger als Anfang Juli, damals hat uns das Meer beim Schwimmen hin und her geworfen. Wir wären ja vielleicht geschwommen, aber alle Skipper, die uns mit ihrem Boot hätten begleiten können, haben abgewunken. An diesen sonnigen Spätsommertag mit Windstärke vier ist das Meer zwar auch ordentlich in Wallungen. Es schüttelt uns permanent durch. Aber bei diesen Bedingungen ist die Nordsee gut schwimmbar.

Ein Kindheitstraum wird wahr

Dierk und ich wollen uns einen Kindheitstraum erfüllen: Einmal von Pellworm hinüber zur Nachbarhallig Hooge kraulen. Dierk Jensen ist auf Pellworm aufgewachsen, er ist einer der Organisatoren des Inseltriathlons Trifun auf Pellworm, ein guter Sportler. Ich bin auch ein Nordseekind, einst in Hörnum auf Sylt zur Schule gegangen. Lange her, in den Siebzigern. Auch ich kann ganz gut im Freiwasser schwimmen. Auch ich habe einen ganz ähnlichen Kindheitstraum wie Dierk.

Die Sonne lacht vom Himmel. Von Pellworm aus ist nicht nur Hooge sehr gut zu erkennen, sondern auch die weiter entfernten Inseln, wie Föhr und Amrum. Wir haben ein Begleitboot, am Steuer sitzt Hermann Ohrt. Dierk und ich tragen Neoprenanzüge, nicht, weil das Wasser kalt wäre – die See hat geschätzt 19 Grad. Mit Plastikpelle fühlt sich der Schwimmer sicherer, kann im Notfall nicht untergehen. Zudem haben wir jeder eine Schwimmboje im Schlepptau. Auch zur Sicherheit.

Anno dazumal, im Schulunterricht auf Sylt, wurde den Kindern eingebläut: Schwimmt nicht so weit raus! Die Strömungen sind tückisch! Geht nur ins Meer, wenn Rettungsschwimmer aufpassen. Diesen Rat der Lehrer haben wir damals schon nicht befolgt. Trotzdem hat sich etwas eingenistet im Hinterstübchen: Das Meer ist mitunter gefährlich. Ich hab jedenfalls ordentlich Respekt vor der Nordsee, bin zwar schon super weit geschwommen, zum Beispiel an der Sylter Westküste rund 30 Kilometer an einem Tag. Wirklich weit raus bin ich aber noch nie geschwommen.

Von Pellworm nach Hooge sei erst einmal ein Mann gekrault. Das erzählen die alten Insulaner. Der Mann sei Kampfschwimmer gewesen, habe die Strecke während des Zweiten Weltkriegs bei einem Heimaturlaub bezwungen. Ein paar weitere Schwimmversuche seien gescheitert. So geht die Legende.

Los geht's!

Start vor Pellworm. Das Salzwasser ist super angenehm, es schmeckt gut, trägt den Schwimmer, schimmert in der tief stehenden Sonne. Im Geschaukel kommen wir gut voran, schwimmen – wie ein altes Ehepaar – oft ganz nah nebeneinander her. Das Begleitboot ist selten weiter als ein paar Meter entfernt. Wir wollen uns zunächst an einer gelb farbenen Boje mitten im Meer orientierten und dann an der großen Ockenswarft im Süden von Hooge. Der Plan misslingt, jedenfalls die Hälfte. Die Boje sehen wir nie wieder. Später wird unser Skipper erklären, wir seien viel zu weit rechts an ihr vorbei gekrault. Egal. Die große Warft ist im Visier, jedenfalls immer beim Schwimmen auf einer der ungezählten Wellen und beim Blick nach vorne, beim Wasserballkraul.

Wir halten gelegentlich kurz an. Und strahlen vor Freude. Wir können an diesem grandiosen Nachmittag tatsächlich schwimmen. Was in diesem Sommer nicht selbstverständlich ist. Es gab bis dato nur wenige Tage mit wenig Wind. Wir hatten uns zunächst Anfang Juli auf Pellworm getroffen, waren nicht geschwommen. Aber dieser Tag im August, der wird zum Volltreffer. Wir schwimmen! Grandios! Beim Blick nach hinten wird Pellworm immer kleiner, beim Blick nach vorne Hooge dafür immer größer. Nicht alle sind so begeistert wie wir. Unsere Mütter zum Beispiel nicht. Muss das denn sein? In eurem Alter? Solche und ähnliche Fragen haben die Damen uns gestellt. Ja, es muss sein – Kindheitsträume halt.

Die Hälfte ist geschafft

Wir kommen flott voran, schneller als erwartet. Haben nach gut 40 Minuten schon etwa die Hälfte der Strecke geschafft. Die Flut drückt uns in Richtung Festland, das haben wir ganz bewusst so geplant. Bei Ebbe würden wir nämlich hinausgezogen auf das offene Meer. Viele Nordlichter haben uns gewarnt und mit grimmigen Gesicht sinngemäß erklärt: zu gefährlich, die starken Strömungen ziehen euch weg, wenn es dumm läuft, dann kommt ihr nie an. Dann wären wir halt ins Boot gestiegen. Aber welcher Schwimmer steigt schon freiwillig in ein Boot? Das Kraulen gegen die Strömung kostet Kraft, klar. Aber nach all den Warnungen der vielen Bedenkenträger hatte ich gedacht, der Schwimmausflug nach Hooge würde anspruchsvoller. Die geschätzt rund 4,5 Kilometer sind ein gemütlicher Schwimm-Spaziergang, jedenfalls für einigermaßen trainierte Sportler.

Ein letzter Stopp. Schnell noch ein paar Fotos schießen mit der wasserfesten Kamera. Unser Skipper deutet ein letztes Mal die Richtung an, die wir einschlagen sollen. Ein kurzer Endspurt – geschafft. Ankunft am Ufer. Eine Hooge-Urlauberin fragt zunächst ungläubig, wo wir denn herkommen. Dann beglückwünscht sie uns Inselschwimmer.

Meine Arme fühlen sich richtig gut an. Ich bin eigentlich erst eingeschwommen, könnte locker gleich weiter kraulen bis zur Nachbarinsel Langeneß. Das geht aber leider nicht, jedenfalls sich an diesem Tag. Und wohl auch nicht mehr in diesem Sommer. Wir haben kein Begleitboot nach Langeneß, die Ebbe setzt eh gleich ein und es wird demnächst dunkel.

Die nächsten Ziele

Mein Kindheitstraum bleibt vorerst mein Kindheitstraum: Schwimmen von Föhr bis nach Hörnum auf Sylt. Und vorher möglichst noch von Hooge nach Langeneß und weiter bis nach Föhr. Schwimmen von Föhr nach Sylt? Unmöglich, sagen viele Insulaner. Das wollen wir doch mal sehen – im nächsten Sommer.

 

Martin Tschepe ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und Langstreckenschwimmer des SV Ludwigsburg. Auf swim.de berichtet er gelegentlich von seinen Schwimm-Abenteuern. Mit seinen Projekten sammelt er Spenden für ein Behinderten-Schwimmprojekt. Weitere Info auf www.bahn9.de.

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