Was uns trotz Abstand zusammenhält : So funktionieren Fernbeziehungen

Viele Paare in Fernbeziehungen halten übers Internet Kontakt.
Viele Paare in Fernbeziehungen halten übers Internet Kontakt.

Rund acht Millionen Menschen in Deutschland führen eine Fernbeziehung. Das muss kein Nachteil sein, sagt die Forschung. Eine Studentin aus Osnabrück erzählt, wie sie ihr Liebesglück in der Ferne fand.

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27. März 2021, 05:45 Uhr

Osnabrück | Um 14 Uhr meldet sich Charlie mit einem „Guten Morgen!“ bei Mara Gedaschke. Dass sie erst so spät von ihrem Freund hört, ärgert sie nicht. Denn sieben Zeitzonen trennen die beiden. Er lebt in Austin, Texas, sie in Osnabrück. Trotz der riesigen Entfernung sind Mara und Charlie glücklich miteinander. „Ende Oktober haben wir mein Verlobtenvisum eingereicht“, erzählt Mara. Wenn der Antrag durch ist, läuten die Hochzeitsglocken in den USA.

Der Weg dorthin hat einige Jahre gedauert. Alles fing mit einem harmlosen Post an: „Wir haben uns 2016 auf Reddit kennengelernt“, erinnert sie sich. Mara hatte sich damals zum Zeitvertreib auf der Internetplattform angemeldet. Auf ihren Post meldet sich Charlie. Ohne Hintergedanken plaudern die beiden, zunächst auf freundschaftlicher Basis. Doch mit der Zeit entwickeln sich Gefühle. Die beiden chatten jeden Tag miteinander, tauschen Nummern aus, skypen. „Er hat damals den ersten Schritt gemacht“, sagt Mara. Nie hätte sie gedacht, dass sich daraus eine Liebesbeziehung entwickelt. „Wenn man nicht sucht, dann findet man.“

Ein Phänomen unserer Zeit

Maras Geschichte ist recht typisch für unsere Zeit. Schon lange ist es keine Seltenheit mehr, dass sich Paare im Urlaub, im Auslandssemester oder eben im Internet kennenlernen. Laut einer Studie von Elite Partner haben 43 Prozent der Befragten schon einmal eine Beziehung zu einer Person geführt, die in einer anderen Stadt oder im Ausland lebt. Gerade junge Menschen unter 30 Jahren sind Fernbeziehungen gegenüber aufgeschlossen: Rund drei Viertel können es sich vorstellen, sich auf eine Liebe auf Distanz einzulassen.

Während sich viele Paare in Fernbeziehungen zumindest am Wochenende sehen können, ist das für Mara und Charlie nicht so leicht möglich. Genau ein Jahr, nachdem die beiden sich auf Reddit begegnet sind, treffen sie sich zum ersten Mal. Mara erzählt: „Ich habe Charlie am Flughafen in Hannover abgeholt. Ich war so aufgeregt, als hätte ich einen Auftritt auf großer Bühne vor mir.“ Gesehen hatten sich die zwei davor schon einige Male – allerdings immer nur im Videochat. „Deshalb war es erstmal ein komisches Gefühl, dass Charlie neben mir saß und wir uns unterhalten konnten.“

Seltene, aber intensive Momente: Mara und Charlie verbringen jede Minute miteinander, wenn sie sich sehen.
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Seltene, aber intensive Momente: Mara und Charlie verbringen jede Minute miteinander, wenn sie sich sehen.

Ausgerechnet in dieser Entfernung sieht die Wissenschaft eine Stärke: Ein amerikanisch-chinesisches Forscherteam hat herausgefunden, dass Paare in Fernbeziehungen innigere Verhältnisse aufbauen als in Nahbeziehungen. Der Grund? Weil Kuscheln, Küssen und Sex nicht zum Alltag gehören, führen die Paare meist tiefere Gespräche. Mara kann das bestätigen: „Wir haben uns sehr intensiv kennengelernt, als wir zusammengekommen sind. Wir haben jeden Tag Kontakt und philosophieren über Gott und die Welt.“ WhatsApp, Facebook, Skype und Co. machen es möglich.

Liebe kennt keine Grenzen

Insgesamt halten die Forscher fest: Fernbeziehungen sind besser als ihr Ruf! Sie sind oft inniger und intensiver. Vorausgesetzt, die Paare vertrauen einander und kommunizieren regelmäßig. Die hässlichen Seiten wie Eifersucht oder Liebeskummer kommen dann nicht häufiger oder seltener zum Vorschein als in allen anderen Beziehungen auch.

Einmaleins der Fernbeziehung

So kann Liebe auf Distanz gelingen

Jede Fernbeziehung ist anders - doch es gibt Faustregeln, die Paaren Orientierung bieten:
  1. Rituale einhalten: Ständig den Kontakt zu halten, obwohl hunderte oder tausende Kilometer zwischen den Liebenden liegen, gehört zu den größten Herausforderungen in einer Fernbeziehung. Paare können heutzutage - dem Internet sei Dank - ohne Probleme kommunizieren. Sie können einander einen "Guten Morgen" und eine "Gute Nacht" wünschen oder feste Zeiten für Telefonate und Videochats einplanen. Auf diese Weise können die Paare den Alltag miteinander teilen, den sie der Entfernung wegen verpassen. Zwischendurch eine Aufmerksamkeit per Post zu versenden, kommt auch gut an.
  2. Freiräume respektieren: Den Partner oder die Partnerin nicht jeden Tag sehen zu können, ist für viele Paare strapazierend. Den Herzschmerz offen und ehrlich anzusprechen, wird für viel Erleichterung sorgen. Trotzdem ist es auch wichtig, gelegentlich die Abwesenheit des anderen aushalten zu können. Wer Fußballtraining hat, Freunde besucht oder gerade an einem Töpferkurs teilnimmt, wird wenig Zeit fürs Handy haben. Da gilt es genaue Absprachen zu treffen und den anderen nicht zu kontrollieren. Vertrauen ist besser!
  3. Die gemeinsame Zeit zelebrieren: Was auf Distanz nicht möglich ist, wird in der Nähe Wirklichkeit. Den Alltag gemeinsam gestalten zu können und die knappe Zeit gemeinsam genießen zu können, ist für Paare in Fernbeziehungen ein echtes Privileg. Verbinden lässt sich dies mit Ausflügen oder vielleicht sogar einem Treffen im Ausland.
  4. Pläne schmieden: Für über 90 Prozent derjenigen, die eine Fernbeziehung führen, ist der Ist-Zustand nur eine Zwischenstation. Der Wunsch der übergroßen Mehrheit besteht darin, irgendwann eine gemeinsame Nahbeziehung zu führen. Aber selbst wenn das nicht das Ziel ist, braucht jede Liebe einen Rahmen, der eine Perspektive bietet.

Doch auch im globalisierten Zeitalter des Internets und der Billigflüge können sich nicht alle mit dem Gedanken anfreunden, die Partnerin oder den Partner nicht ständig um sich zu haben. Laut der Elite-Partner-Studie sagt jeder Dritte, dass eine Fernbeziehung ein K.O.-Kriterium bei der Partnerwahl wäre. Genauso viele fanden ihre Fernbeziehung so schrecklich, dass sie die erste und einzige in ihrem Leben bleiben wird.

Dazu kommt: Fernbeziehungen sind teuer. „Ich habe neben dem Studium viel gearbeitet, um die Flüge zu finanzieren“, sagt Mara. Die Kosten hat sie mit Charlie geteilt. Trotzdem: Ein Schnäppchen ist eine Reise über den großen Teich nicht. „Die Flüge für April, Mai und Juli sind letztes Jahr ausgefallen, weil die USA im März die Grenzen wegen Corona geschlossen haben“, fügt Mara hinzu.

„Liebe ist kein Tourismus“

Denn Corona hat das Leben vieler Paare in Fernbeziehungen deutlich umgekrempelt. Die Reisesperren haben vor allem unverheiratete Paare wie Mara und Charlie getroffen, sodass sie sich monatelang nicht sehen konnten. Letztendlich hat es aber eine Bewegung namens #LoveIsNotTourism geschafft, Ausnahmen zu erwirken. „Im Oktober konnte mich Charlie mit einer Sondergenehmigung besuchen.“

Das wird bald ein Ende haben. Mara plant, ihr Leben in Deutschland aufzugeben, zu Charlie nach Texas zu ziehen und dort ihre Bachelorarbeit zu schreiben. Ein Schritt, vor dem die Englisch- und Spanisch-Studentin großen Respekt hat: „Es ist das Unbekannte, das mich manchmal beunruhigt. Ich bin mir aber sicher, dass mit Charlie an meiner Seite alles gut wird!“

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