„Im Sattel ist man ein Ferrari" : Loslassen und Entschleunigen: Warum die Arbeit mit Pferden glücklich macht

Nicht nur auf dem Pferd findet Anne Krüger-Degener ihr Glück.
Nicht nur auf dem Pferd findet Anne Krüger-Degener ihr Glück.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Diesen Spruch kennt nicht nur jede Reiterin und jeder Reiter. Aber warum ist das so? Warum sind Menschen häufig so ausgeglichen und zufrieden, wenn sie sich hoch zu Ross befinden? Die Pferdeexpertin und Buchautorin Anne Krüger-Degener aus Melle über den feinen Dialog zwischen Mensch und Tier.

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15. März 2021, 14:15 Uhr

Osnabrück | Frau Krüger-Degener, wenn Sie auf dem Pferderücken sitzen, wie fühlen Sie sich dabei?

Reiten ist zum einen eine sportliche Tätigkeit und wie bei anderen Sportarten auch wird durch die Bewegung, Auslastung und Konzentration Glück erzeugt. Zudem ist Reiten ein Dialog mit dem Sportpartner Pferd. Geprägt von leisen Signalen und gutem Zuhören soll gesundes Reiten beide, nämlich den Menschen sowie das Pferd, bereichern und beglücken. Wenn ich im Sattel sitze, dann werde ich aus meinem Alltag herausgeholt, ich lasse los, lasse mich ein auf die Bewegung und bin konzentriert auf den Dialog. Ich spüre die Bewegungsintention und habe Freude an den gemeinsamen Aufgaben der Ausbildung.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde – warum trifft dieser Satz Ihrer Meinung nach für so viele Menschen zu?

Wenn der Mensch und das Pferd harmonieren und beide gleichermaßen viel Freude an der Bewegung und kontrollierter Kraftentfaltung haben, dann ist es, als ob man plötzlich vier Beine hat und 600 kg Muskelmasse mehr. Zu Fuß fühlt man sich wie ein Fiat Panda, im Sattel ist man ein Ferrari. Ein losgelassenes, also zufriedenes Pferd, welches ausbalanciert Freude an der Bewegung unter seinem Reiter hat, trägt den Reiter und sich selbst. Kraft, Freude, Rhythmus und Gleichgewicht setzen wie beim Tanzen Glückshormone frei.

Anne Krüger-Degener steht für eine faire Kommunikation zwischen Mensch und Tier.
Anna Auerbach
Anne Krüger-Degener steht für eine faire Kommunikation zwischen Mensch und Tier.

Nicht nur das Reiten, auch der Umgang mit Tieren, mit dem Pferd, kann Menschen sehr erfüllen.

Genau, Tiere bedienen eine sehr archaische Kommunikationsform. Sie benutzen Raum, Leib und Akustik. Sie brauchen ein Regulativ und regulieren. Sie leben viel mehr als wir Menschen in einem großen Jetzt. In der Arbeit mit Tieren verlassen viele Menschen das Davor und Danach und machen Urlaub im Jetzt. Das kann fast eine meditative Wirkung haben und den Geist befreien und entschleunigen.

Den Geist befreien, den Alltag etwas vergessen, das wünschen sich viele Menschen aktuell. Sehen Sie einen Zuwachs an Reiterinnen und Reitern in der Corona-Zeit? Wenn ja, woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wir Menschen sind durch Corona gezwungen, unser Zuhause wieder mehr zu beleben. Der Weg in die heimische Natur, das Verbringen von Freizeit im heimischen Umfeld, führt gewiss auch dazu, dass Menschen mehr als sonst den Weg zu einem Haustier finden, ob Hund, Katze oder Pferd.

Ihr persönlicher Glücksmoment mit Ihrem Pferd?

Es ist nicht ein Moment, es ist die Kombination vieler Momente, Erfolge auf Turnieren, Freiarbeit mit und ohne Fahrrad und dann auch noch das Ziehen des Winterschlittens im Tiefschnee. Der Kontakt, den mein Pferd zu mir sucht und das Gefühl der gemeinsamen Freude bei der Arbeit, das alles ist einfach nur wunderbar.

Sportlich im Viereck oder in der freien Natur: Wo sind Sie mit Ihren Pferden am liebsten?

Ich persönlich liebe es draußen in der Natur zu sein, durchs Wasser zu reiten und die Berge hoch zu klettern, neue Wege mit dem Pferd zu erkunden. Ich liebe es, mit dem Fahrrad zu fahren und mein Pferd läuft frei neben mir her, so, dass ich es in seiner Bewegung und Anmut sehen kann. Dennoch ist die sportliche Challenge auch eine tolle Herausforderung.

Sehen wir abschließend noch die andere Seite der Medaille: Was ist Ihrer Meinung nach wichtig, dass auch das Pferd unter dem Reiter glücklich ist?

Ein feiner und fairer Dialog, eine gute und gezielte Ausbildung, artgerechte Haltung und durchdachte sportliche Entwicklung. Es ist wichtig, dass dem Pferd zugehört wird und es behutsam an die Aufgaben herangeführt wird, so, dass es Freude im Team mit dem Menschen hat.

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