zur Navigation springen
Tipps & Trends

25. September 2017 | 17:15 Uhr

Klimaserie : Klimawandel: Was SH machen kann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Weltweit muss der Treibhausgasausstoß drastisch gesenkt werden, damit uns nicht zu heiß wird – Was kann Schleswig-Holstein beitragen?

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2014 | 07:52 Uhr

Berlin | Die Nachricht, auf die sich über 800 Wissenschaftler aus 166 Ländern geeinigt haben, ist nicht neu: Mit seinen Treibhausgasemissionen verändert der Mensch das Klima auf der Erde und wenn nicht bald etwas dagegen getan wird, dann ist ein Temperaturanstieg von über zwei Grad Celsius kaum mehr zu verhindern. Sie sind sich darüber, das erklären die Klimaforscher immer wieder, so sicher wie nie. Bereits im Februar brachte es der Direktor des Climate Service Centers in Hamburg, Professor Guy Brasseur, auf den Punkt: „Die Frage ist nicht, was kann die Wissenschaft noch herausfinden, die Frage ist jetzt, was machen wir?“ Der Weltklimarat IPCC hat seine Aussagen fünfmal bestätigt und in dem jüngsten Teilbericht zu den Möglichkeiten der Klimawandelminderung erneut betont: Will man die Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad begrenzen, müssen die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 40 bis 70 Prozent gesenkt werden (im Vergleich zu 2010).

Und jetzt?

„Das bedeutet, der Handlungsdruck ist deutlich gestiegen“, sagt Professor Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Mitautor des Berichts zur Klimawandelminderung. Denn im Moment befinden wir uns auf einem Emissions-Pfad, der das genaue Gegenteil bewirkt, nämlich eine weitaus stärkere Erwärmung auf 3,7 bis 4,8 Grad. Aber was genau kann getan werden, um den CO2-Anstieg und all seine Folgen (Schmelzen des arktischen Eises, Meeressspiegelanstieg, Dürren, Artensterben, Versauerung der Meere) zu verhindern? „Es gibt keine Königstechnologie für den Klimaschutz, man muss auf ein breites Portfolio von Optionen zurückgreifen“, sagt Professor Fischedick. Den größten Anteil an den Treibhausgasemissionen hat nach wie vor die Energieerzeugung. Bis Mitte des Jahrhunderts bedarf es daher einer „beispiellosen Ausweitung der CO2-armen Stromproduktion“, befindet der IPCC-Bericht. Deutschland nimmt sich des Problems mittels der Energiewende an, doch das allein ist nicht genug, mahnt Professor Fischedick.

Energieeffizienz steigern

Insbesondere im Bereich Energieeffizienz könnten weitaus schneller viel mehr Treibhausgasemissionen verhindert werden. Die Politik der deutschen Bundesregierung und der EU seien zu erzeugungsfokussiert, so Fischedick. So will die EU zwar konkrete Ziele für den CO2-Ausstoß und die erneuerbaren Energien machen, aber keine zur Energieeffizienz. „Das ist ein allgemeines Politikmuster, was ich für ziemlich fatal halte“.


Verbraucherverhalten ändern

Und noch etwas stellt der neue Bericht heraus: Nicht nur technologische Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden, sondern vor allem muss jeder einzelne sein Verhalten ändern. Durch mehr Aufmerksamkeit beim Heizen und Lüften, der Ernährung und unserm Konsumverhalten, könnten wir unsere persönlichen CO2-Emissionen auf ein verträglicheres Maß senken. Während ein Deutscher etwa elf Tonnen CO2 pro Jahr verursacht, sind es bei einem Schleswig-Holsteiner „nur“ neun Tonnen – was aber nicht daran liegt, dass wir so umsichtig leben, sondern daran, dass im Norden weniger energieintensive Industrien angesiedelt sind und der Anteil an erneuerbaren Energien steigt. Erreicht werden müsste, dass weltweit alle Menschen nur noch einen CO2-Ausstoß von zwei Tonnen pro Jahr haben. Schwierig ist das nicht nur, weil in reichen Ländern immer noch neunmal so viel Treibhausgas produziert wird, wie in ärmeren Staaten, sondern auch weil die Menschen in Ländern wie Indien und China zunehmend wohlhabender werden, wodurch ihre Emissionen steigen.

Die leicht sinkenden Emissionszahlen pro Person in Europa sind bislang nicht auf einen Verhaltenswandel, sondern darauf zurückzuführen, dass die reichen Ländern immer größere Teile ihrer Industrieproduktion in andere Staaten auslagern, was die hiesige
CO2-Bilanz entlastet.

Kann SH einen Unterschied machen?

Nimmt sich also Schleswig-Holstein die Weisungen der Klimaforscher zu Herzen, könnten mehrere Millionen Tonnen CO2 pro Jahr verhindert werden. Doch macht das überhaupt einen Unterschied, angesichts eines globalen Ausstoßes von 36 Milliarden Tonnen jährlich (allein für fossile Brennstoffe – Tendenz steigend)? „Ja“, sagt Professor Fischedick: „Beim Klimaschutz zählt jeder Tropfen auf den heißen Stein und aus vielen Tropfen kann natürlich auch ein See werden“. Außerdem könne jede Region einen Beitrag leisten, indem sie eine Vorbildfunktion einnimmt, gerade regionale Aktivitäten haben bei der Energiewende eine wichtige Wirkung auf die bundesweite Strategie. Das sieht Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) genauso. „Wir haben eine Vorbildrolle und wenn wir sie nicht haben, dann müssen wir sie erkämpfen. Irgendwer muss zeigen, wie es geht und irgendwer muss anfangen, sonst ändert sich nie was.“ Der Minister bedauert, dass Europa diese Vorreiterrolle zu verlieren droht. Statt auf regenerative Energien setzen die Europäer mehrheitlich auf Kohle und Gas und ließen zu, dass die Verschmutzung des Klimas die Verschmutzer kaum etwas kostet. Mit richtig gutem Beispiel gehe hingegen Dänemark bei seiner Wärmeversorgung voran: „Dort gibt es 45 Prozent erneuerbarer Energien, der Anteil soll bis 2025 auf 70 bis 85 Prozent steigen.“

Positive Nebeneffekte

Und schließlich liefert der Klimaschutzbericht ein weiteres schlagkräftiges Argument für die Umstellung auf CO2-armes Leben. Eine klimafreundliche Wirtschaftsentwicklung ist nicht nur von Nachteil, sie hat sogar so viele positive Nebeneffekte (neben der Senkung der Feinstaubemissionen oder den Schutz von Regenwäldern), dass auch die Wirtschaft davon profitieren kann. „Bestes Beispiel ist die Energiewende“, sagt Robert Habeck. „Sie hat einen gewaltigen ökonomischen Hebel und ist Jobmotor für Schleswig-Holstein“. Professor Fischedick bestätigt: „Im Bereich der Klimaschutzinvestitionen hat man es häufig mit arbeitsintensiven Technologien zu tun.“ 15 000 neue Jobs im Land seien das Ergebnis, bestätigt Robert Habeck.

Was wäre wenn...

... alle Schleswig-Holsteiner nur noch Elektroauto fahren würden?

Dadurch würden die CO2-Emissionen um gut 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr  reduziert werden. Ein durchschnittlicher Schleswig-Holsteiner fährt 11.500 Kilometer im Jahr.

... alle  Schleswig-Holsteiner nur noch halb so viel Fleisch essen würden?

Dadurch würden die CO2-Emissionen um gut 520.800 Tonnen pro Jahr reduziert werden. Ein durchschnittlicher Deutscher isst 84,1 Kilogramm Fleisch im Jahr.

... die Moore Schleswig-Holsteins wieder natürlicher  genutzt würden?

Durch eine „moderate Vernässung“ würden die Treibhausgas-Emissionen um gut 800.000 Tonnen pro Jahr reduziert werden – durch weitergehende Renaturierung sogar um 1,3 Millionen Tonnen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen