Fleischkonsum auf Kosten der Umwelt

Hühner führen die Statistik an. 945 verspeist der Deutsche durchschnittlich in seinem Leben. Foto: dpa
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Hühner führen die Statistik an. 945 verspeist der Deutsche durchschnittlich in seinem Leben. Foto: dpa

Fast jeder zehnte Bundesbürger ist inzwischen Vegetarier. Besonders bei Jugendlichen steht fleischlos leben hoch im Kurs

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15. Januar 2013, 10:42 Uhr

Kiel/Berlin | "In der allergrößten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot" . Dieser Spruch spiegelt exakt die Entwicklung der Essgewohnheiten in Deutschland wieder. Einst war Fleisch eine selten genossene Delikatesse. Die Zeiten des Sonntagsbratens aber sind längt vorbei. Heute vertilgen Bundesbürger doppelt so viel Fleisch wie vor 100 Jahren. Besonders mit dem Wirtschaftswunder in den 50er Jahren nahm der Fleischhunger rapide zu. Für viele Menschen gehört Fleisch beinahe zu jeder Mahlzeit.

In seinem Leben verspeist jeder Bundesbürger im Durchschnitt das Fleisch von 1094 Tieren. Mit jährlichen rund 60 Kilogramm essen die Deutschen doppelt so viel Fleisch wie die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern, heißt es im neusten "Fleischatlas" der Heinrich-Böll-Stiftung und des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Vor allem Männer verzichten ungern auf Fleisch und Wurst. Sie essen davon doppelt so viel wie Frauen. Zwar gilt diese Relation auch für Schleswig-Holstein- allerdings auf einem niedrigeren Niveau als im Rest der Republik. So vertilgen die Männer im Norden mit 95 Gramm pro Tag fast 15 Gramm weniger als ihre Geschlechtsgenossen in Ostdeutschland.

Trotzdem: Der Riesen-Bedarf kann nur durch Massenproduktion befriedigt werden. Glückliche Schweine, Kühe und Hühner gibt es nur in der Werbung. Die Realität in den Ställen ist eine andere. Viele Tiere verbringen ihr kurzes Leben in viel zu engen Räumen. Die zur Profitsteigerung eingesetzten Antibiotika schlagen neuerdings über die multiresistenten Keime auf die menschliche Gesundheit zurück. Nach den gesetzlichen Vorschriften sollte die Schlachtung für die Tiere schmerzfrei sein. Das wird in großen Schlachtanlagen aber nicht immer eingehalten.

Der üppige Fleischverbrauch hat auch negative Auswirkungen auf die Verteilung von Nahrungsmitteln und die Umwelt. Um 40 Millionen Tonnen Fleisch zu produzieren, benötigt Europa 640 Millionen Tonnen Getreide. Würden diese Nahrungsmittel direkt auf den Tellern landen und nicht durch den Stoffwechsel im Bauch des Viehs reduziert, könnten mehr Menschen satt werden. "Neben der Energiewende brauchen wir eine überfällige Agrarwende", fordert deshalb BUND-Chef Hubert Weiger.

Darauf wollen viele nicht warten und machen ihre persönliche Wende bei ihren Essgewohnheiten. Inzwischen sind jedoch mehr als sechs Millionen Bundesbürger auch fleischlos glücklich , wie die Deutsche Vegetarier Union (VEBU) schätzt. Und das in einem Land, das wie kaum ein anderes traditionell auf seine Fleischspezialitäten und seine Wursttheken schwört. Noch vor 25 Jahren lag die Zahl derer, die nur von Obst, Gemüse und Getreideprodukten lebten, bei unter einer Million. Doch immer mehr Fleischesser scheinen umzuschwenken. Nach einer Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena werden Menschen meistens aus Tierschutzgründen zum Vegetarier. Demnach ist der typische Vegetarier weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet und lebt in einer Großstadt. Während sich in der Gesamtbevölkerung nach Angaben der VEBU knapp acht Prozent vegetarisch ernähren, sind es bei Jugendlichen mindestens zwölf Prozent. "Die Gewohnheiten sind einfach noch nicht so festgefahren, und Jugendliche sind generell offener für Tierschutzthemen", sagt Sebastian Zösch, VEBU-Geschäftsführer. Vegetarismus ist hip und angesagt. Viele Promis leben vegetarisch, zum Beispiel die Tokio-Hotel-Brüder. Nicht zuletzt wegen der vielen Lebensmittelskandale verzichteten immer mehr Menschen bewusst auf Fleisch.

Zwar ist es durch den Verzehr von Fleisch einfacher, den Bedarf an einigen Nährstoffen zu decken. Dennoch ist eine gesunde, bedarfsdeckende Ernährung auch ohne Fleisch möglich, wie Vegetarier-Studien zeigen. "Voraussetzung ist eine abwechslungsreiche, vielseitige Kost aus pflanzlichen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst, Kartoffeln, Getreideprodukten und Hülsenfrüchten, sowie Milchprodukten und Eiern", rät Gudrun Köster von der Ver braucherzentrale Kiel . Und ihr Hamburger Kollege, der Ernährungswissenschaftler Armin Valet, ergänzt: "Das fehlende Eiweiß kann man außerdem durch Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen problemlos kompensieren". Um Eisenmangel vorzubeugen, wird auf Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und verschiedene Gemüsesorten wie Fenchel oder Mangold verwiesen.

Während Vegetarier vor allem auf Fleisch verzichten, meiden Veganer alle tierischen Produkte, also auch Eier, Milch, Honig, Leder, Federn, Wolle, Seifen und Naturhaarbürsten. Etwa sieben bis acht Prozent der Deutschen leben Schätzungen zufolge vegetarisch, rund 400 000 Deutsche vegan. Von veganer Kost raten Experten jedoch bei der Ernährung von Kindern ab. Im Extremfall könne das zu Wachstumsverzögerungen, Entwicklungs- und sogar Nervenstörungen führen.

Um die Umwelt zu schonen, muss allerdings nicht jeder gleich Vegetarier oder gar Veganer werden. Es reicht auch, wenn man zum Flexitarier wird. Deren Zahl steigt unaufhörlich. "Flexitarier" sind gegen Massentierhaltung, möchten die Umwelt schützen oder ihre Gesundheit verbessern - auf Fleisch ganz verzichten wollen sie aber nicht. Dafür achten die "Teilzeit-Vegetarier" darauf, was auf dem Teller landet. Statt industriellem Billigfleisch landet etwa teures Bio-Steak in der Pfanne. Bio-Produkte und Weidefleisch kosten zwar etwas mehr, ihr Flächen-Fußabdruck, also die Fläche, die für ihre Herstellung verbraucht wird, ist aber viel geringer.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, ohnehin nur bis zu drei Fleischmahlzeiten pro Woche zu essen. Neu ist die Initiative "Donnerstag ist Veggietag", um einen festen fleischfreier Wochentag zu etablieren.

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