Virtuelle Bayern-Besuche : Wie ein Altenheim digital wird

Hermann Brockenauer macht im Caritas-Altenzentrum St. Maternus ein Computerspiel. FOto:
1 von 3
Hermann Brockenauer macht im Caritas-Altenzentrum St. Maternus ein Computerspiel. FOto:

Wenn Technikspielereien wie Virtual-Reality-Brillen oder Konsolen auf den Markt kommen, sieht man in der Werbung oft junge - zumeist männliche - Menschen. Die Realität sieht längst anders aus. Auch Seniorenheime experimentieren mit den neuen Technologien.

shz.de von
31. Mai 2018, 15:55 Uhr

Maria Hertwig sitzt mehr als 450 Kilometer Luftlinieentfernt von Schloss Neuschwanstein in einem Sessel. Ein Urteil überden Prachtbau von Ludwig II. kann sie aber trotz der immensen Distanzabgeben. «Die haben gute Leute gehabt», meint sie.

Es sei ja schier unglaublich, wie man all das Material herangeschafft habe. Ihr Fazit: «Dat is' schon schön!» Hertwig, 93 Jahre alt und Bewohnerin des Caritas-Altenzentrums St.Maternus in Köln, sieht das Märchenschloss in diesem Moment tatsächlich vor sich - dank einer Virtual-Reality-Brille. Das Gerät ermöglicht es, den Blick in einer digital erzeugten Umwelt - einer virtuellen Realität - frei schweifen zu lassen. Schaut Maria Hertwig geradeaus, sieht sie das Schloss. Dreht sie den Kopf, kann sie über die grünen Wiesen des Allgäus blicken. «Alles reiche Bauern», merkt sie an. Viel Land, wenige Häuser.

Das Caritas-Altenzentrum ist ein Haus, das mit den Errungenschaftender modernen Technikwelt herumexperimentiert. Etwa mit Videospielenund Smart Speakern, also Lautsprechern, die mit dem Internetverbunden sind. Bewohner können zum Beispiel fragen, ob sie heuteeinen Termin haben. Und die Virtual-Reality-Brille wurde angeschafft.Sie hilft bei der sogenannte Biografie-Arbeit, also dabei, in dieeigene Geschichte nochmal einzutauchen. Maria Hertwig zum Beispielwar als Kind in Bayern, sie liebt die Gegend. Daher Neuschwanstein.

Das Altenzentrum ist ein Beleg dafür, in welche Winkel derGesellschaft die neuen Digitaltechnologien mittlerweile vorgedrungensind, wenn auch mitunter recht langsam. Und welche Hoffnungen damitverbunden werden.

«Virtual Reality ist eine Möglichkeit, den Erlebnishorizont zuerweitern. Das ist wichtig, wenn man etwa selbst nicht mehr in derLage ist, rauszugehen», sagt der Altersforscher Uwe Kleinemas. «Wirwissen auch, dass der Verlauf von Demenzerkrankungen durch geistigeAnforderungen günstig beeinflusst werden kann.» In Krefeld etwa wurdeein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Ärzte mit Hilfe von digitalenBrillen den Verlauf der Krankheit verlangsamen wollen.

Nach Einschätzung von Kleinemas stecken Themen wie Virtual Realityund Videospiele in Seniorenheimen aber noch in den Anfängen. Es gebenicht genügend belastbare Studien über positive Effekte. Bislang seieine positive Wirkung nur logisch ableitbar. «Grundsätzlich ist derEinsatz derartiger elektronischer Medien aber positiv zu beurteilen,denn er kann die Möglichkeiten vergrößern, physische oder psychischeEinschränkungen zu kompensieren.»

Herbert Mauel, Geschäftsführer beim Bundesverband privater Anbietersozialer Dienste (bpa), betont, dass sich neue Angebote daran messenlassen müssten, ob sie vorhandene Fähigkeiten erhalten oder sogarverbessern. «Eine Virtual-Reality-Brille allein erfüllt diese Aufgabenicht», sagt er. In den vergangenen Jahren seien aber einigevielversprechende interaktive Instrumente entwickelt worden, die etwaAufmerksamkeit und Beweglichkeit trainieren sollen. Ob das dauerhafteErfolge bedeutet, müsse man abwarten.

Langfristige Effekte sind Hermann Brockenauer allerdings auch erstmalrecht egal. Brockenauer gilt im Altenzentrum St. Maternus alspassionierter Autorennfahrer. Nun sitzt er mit einem Controller vordem Rallye-Videospiel «Dirt 3». Er muss eine Auto-Farbe auswählen.«Nehmen wir schwarz», sagt der 77-Jährige. «Dann sieht man später denDreck besser.» Und schön Ton an, «damit man den Motor hört».

«Es gibt noch nicht so viele Sachen für die Zielgruppe», meint JanaTimme, die in der sozialen Betreuung arbeitet. «Aber langsam wird sieentdeckt.»

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert